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Vorbild für Verkehrswende:Bundesministerium dreht Film über Ebersberger Autoteiler

In unterschiedlichsten Farben und Größen: das Carsharing-Angebot im Landkreis Ebersberg. Die elf Autos auf dem Volksfestplatz sind nur ein kleiner Teil. Warum das gerade hier so gut funktioniert, beantwortet Regisseur und Produzent Simon Jöcker an der Kamera in einem Internet-Clip.

(Foto: Christian Endt)

Carsharing auf dem Land? Das geht doch gar nicht. Ein Trugschluss wie die Ebersberger Auto-Teiler-Vereine zeigen.

Von Johannes Korsche, Ebersberg

Da schaut sogar das Bundesinnenministerium vorbei, wenn die Carsharing-Vereine im Landkreis Ebersberg vorfahren. Elf Autos, vom Kleinwagen bis zum Transporter samt Anhänger, haben sich auf dem Ebersberger Volksfestplatz aufgereiht. Mehr noch, das Ministerium hat gleich einen Film in Auftrag gegeben, der die elf Vereine vorstellen soll. Und so sirrt über den Vorzeigeautos eine Drohne, Geräuschkulisse eher Mückenschwarm als Verkehrswende.

Schließlich ist alles bereit, die Anweisungen erklärt. Regisseur und Produzent Simon Jöcker ruft über den Platz: "Und bitte." Kamera läuft. Elf Autotüren öffnen sich. "Danke", ruft Jöcker nach ein paar Sekunden. Und das Spiel beginnt von vorne. Das Öffnen war nicht synchron genug.

Der Volksfestplatz ist der letzte Drehort für den etwa zwei Minuten langen Film, der für eine Internetplattform des Bundesinnenministeriums "Mobilikon" an diesem Tag entsteht. Sie ging im vergangenen November an den Start und soll als Online-Nachschlagewerk Lösungen für eine zukunftsfähige Mobilität anbieten. Anhand von vorbildhaften Projekten. Und das Ebersberger Autoteiler-Modell sei "Best Practice", wie Carsharing im ländlichen Raum funktionieren kann, wie Hendrik Schulze van Loon sagt. Gemeinsam mit seinem Team dreht er 25 Clips für Mobilikon in diesem Jahr.

Wenn der Film in zwei Wochen fertig ist, wird er die Geschichte einer alltäglichen Ausleihe erzählen. Davon dass man mit einem geliehenen Auto nicht nur Einkaufen, sondern auch mal einen Tagesausflug ins Grüne machen kann. Und vor allem soll er zeigen, warum das Carsharing gerade in Ebersberg so gut funktioniert. "Man braucht Leute vor Ort, die das in die Hand nehmen und sagen: Wir machen das für uns", erklärt Klaus Breindl.

Warum die Filmcrew in Ebersberg dreht

Dass die Filmcrew ausgerechnet in Ebersberg dreht, hängt wesentlich mit seinem Engagement zusammen. 1992 taten sich fünf Familien um Breindl zusammen, um die "Vaterstettener Auto-Teiler" zu gründen. Seither wirbt er für Carsharing. So sehr, dass am Volksfestplatz anerkennend vom Ebersberger "Carsharing-Papst" die Rede ist.

Vor fast 30 Jahren, als sich die Auto-Teiler gründeten, ging es eine Nummer kleiner los. Einer brachte einen alten VW Passat mit, die anderen Familien waren bereit, ihren Anteil an den Kosten zu tragen. Das Modell, Carsharing als bürgerschaftlich organisierten Verein zu organisieren, war geboren. "Bei einem Verein ist man ganz anders dabei, als bei jemandem, der Gewinn machen will", ist sich Breindl sicher. Die Mitglieder, die in Vaterstetten keinen Jahresbeitrag zahlen müssen, gingen sorgfältiger mit den Autos um und seien auch toleranter, wenn mal was schief gehe.

Klar, geht was kaputt, muss sich der eigene Verein drum kümmern. "Das spart auch Geld." Heute bietet allein der Verein in Vaterstetten 21 Fahrzeuge an, alle 300 Meter parkt ein Auto-Teiler. "Das ist attraktiv", sagt Breindl. Im Landkreis Ebersberg zählen die Carsharing-Flotten insgesamt 65 Autos, die für die etwa 1 100 Mitglieder bereitstehen. Für 80 Prozent der Menschen mit Führerschein im Landkreis steht das nächste Carsharing Auto keinen Kilometer entfernt. Noch so ein Grund, warum das Filmteam nach Ebersberg gekommen ist.

"Wir machen das seit 29 Jahren und haben gerade mal fünf Prozent der Vaterstettener überzeugt."

Doch ganz zufrieden ist Breindl trotzdem nicht. Denn es gibt da noch eine weitere Prozentzahl, die ihm so gar nicht gefällt. "Wir machen das seit 29 Jahren und haben gerade mal fünf Prozent der Vaterstettener überzeugt." So viele nutzen den Auto-Teiler in der Großgemeinde. Im gesamten Landkreis ist diese Quote noch niedriger, sie liegt bei zwei Prozent. Das zeige, dass die Verkehrswende ein "ganz, ganz dickes Brett" ist.

Es bräuchte einen "Quantensprung in der Gesellschaft", ähnlich dem Umdenken bei der Kernenergie. "Das ich erhoffe ich mir, dass dieser Knacks kommt." Gar nicht einfach, in einer "autozentrierten Gesellschaft", wie Breindl sagt. Dabei geht es ihm nicht nur ums Autofahren. Viel eher müsse die gesamte Mobilität, immerhin ein Grundbedürfnis wie Wohnen und Nahrung, anders gedacht werden. Das Zusammenspiel von öffentlichem Nahverkehr und Sharing-Angeboten sei sehr wichtig. "Das muss alles Hand in Hand gehen." Ein dickes Brett eben.

Entmutigen lässt Breindl sich davon allerdings nicht. Er wolle das Wissen und die Grundlagen teilen, dass Carsharing auch im ländlichen Raum funktioniert. Eines haben er und seine Vereinskollegen bereits geschafft: Heute wundert sich keiner mehr über den Begriff "Carsharing". Das sei vor 30 Jahren noch anders gewesen, damals hätte niemand was mit diesem neumodischen, englischen Wort anfangen können. Inzwischen wirkt dagegen eher der "Auto-Teiler" wie ein Fremdwort.

Aber gut, damals hätte man sich sicherlich auch kaum vorstellen können, dass einmal eine Drohne - was ist das denn überhaupt? - über dem Ebersberger Volksfestplatz kreist. Am späten Nachmittag steht die letzte Szene an: die Vereinsmitglieder beim Grillen. Etwa sieben Stunden dauern die Dreharbeiten da schon, Zeit für einen Imbiss. Und auch da zeigen sich die Ebersberger Vereine vorbildlich: gute Laune, Lachen und nette Gespräche.

© SZ vom 28.05.2021/koei
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