Konzert:"Jeder kann Pussy Riot sein"

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Konzert: Der Auftritt von Pussy Riot in Dachau ist eher eine musiktheatralische Performance als ein normales Konzert.

Der Auftritt von Pussy Riot in Dachau ist eher eine musiktheatralische Performance als ein normales Konzert.

(Foto: Toni Heigl)

Die feministische und kremlkritische Punkrock-Band gibt ein mitreißendes Konzert in Dachau - und erzählt über ein Privatleben, das politisch sein muss.

Von Jürgen Moises, Dachau

"In unserer Geschichte ist jede private Entscheidung politisch." Dieser Satz war während des Konzerts von Pussy Riot am Samstagabend im Garten des Max Mannheimer-Hauses in Dachau auf einer Videowand hinter den vier russischen Musikerinnen zu lesen. Und er machte einem so wie ein paar andere Dinge deutlich, warum der Geschäftsführer des Dachauer Kreisjugendrings Ludwig Gasteiger die feministische Polit-Punk-Band zur Jubiläumsfeier "40 Jahre Internationale Jugendbegegnung" eingeladen hat. Denn auch wenn dieser Satz die turbulente Geschichte der 2011 in Moskau gegründeten Aktivistinnengruppe meint, ist man mit den Gedanken schnell bei der Zeit des Nationalsozialismus. An diese zu erinnern und daraus für die Zukunft zu lernen: Das ist schließlich eine der zentralen Ideen der Internationalen Jugendbegegnung, die jedes Jahr junge Menschen aus aller Welt zusammenführt.

Der zitierte Satz könnte dabei eine der möglichen Lehren sein. Oder auch der, dass es bei jedem Einzelnen liegt, politisch aktiv zu werden. Das sagte die Sängerin und Aktivistin Marija Aljochina wiederum am Ende des einstündigen Auftritts, der mit lautstarkem Beifall belohnt wurde. Und der eher eine musiktheatralische Performance als ein normales Konzert war. Eine Herausforderung war der Auftritt ebenfalls, der unter dem auch auf T-Shirts nachzulesenden Motto "Jeder kann Pussy Riot sein" stand. Denn er war laut, impulsiv und das vom Kleinkind bis zur Großmutter reichende Publikum bekam begleitet von Schlagzeug, Synthesizer, Querflöte und Videos in einem fast atemlosen Stakkato die Geschichte von Pussy Riot um die Ohren gehauen. Auf Russisch mit deutschen oder englischen Übertiteln.

Konzert: "Jeder kann Pussy Riot sein": Das Publikum reicht vom Kleinkind bis zur Großmutter.

"Jeder kann Pussy Riot sein": Das Publikum reicht vom Kleinkind bis zur Großmutter.

(Foto: Toni Heigl)

Diese Geschichte ist nicht neu. Denn nachdem Mitglieder von Pussy Riot 2012 mit bunten Sturmmasken in die Erlöserkathedrale in Moskau gestürmt waren und dort Sätze wie "Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin!" geschrien hatten, wurden sie weltweit bekannt. Es gab Presseberichte, einen Dokumentarfilm und seit 2017 gibt es das Buch "Pussy Riot. Tage des Aufstands" von Marija Aljochina, auf dem die Performances der aktuellen "Riot Days"-Tour beruhen. Was darin fehlt ist die spektakuläre Flucht aus dem Hausarrest, die der Pussy-Riot-Front-Frau getarnt als Essenslieferantin über Belarus und Litauen vor der Tour gelang. Diese Info bekam man vom Manager der Band geliefert, von dem es einleitende Worte gab.

"Mama, warum ist Krieg?"

Das "Punk-Gebet" in der Kirche. Die Festnahme von Marija Aljochina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch. Die Gerichtsverhandlung, der Gefangenentransport, die Zeit im Straflager, der Hungerstreik und schließlich die Entlassung. All das wird zu Techno-Punk-Rhythmen erzählt und gesungen. Es gibt bissige Kritik an Putin und der orthodoxen Kirche, markige Sätze und politische Parolen. Es wird getanzt, geschrien und Wasser ins Publikum gespritzt. Die zentrale Erzählerin ist Aljochina, die im weißen Kleid und mal mit, mal ohne Strickmaske auf der Bühne steht. Diana Burkot, die 2012 dabei war, aber nicht verhaftet wurde, bedient Schlagzeug und Elektronik. Olga Borisova unterstützt Aljochina am Mikrofon. Und seit ein paar Tagen ist Taso Pletner an der Querflöte mit dabei, sie ersetzt den früheren Saxofonisten Anton Ponomarew.

Quasi als Bonus gibt es ein Lied über den Ukraine-Krieg. Aus Sicht von russischen Soldaten, die ihre Mütter fragen: "Mama, warum ist Krieg?" Das gerät sehr eindringlich, wie auch das gesamte Konzert, dem am Nachmittag eine Diskussion mit Pussy Riot zum Thema "Kunst und Widerstand im heutigen Russland" vorausging. Tags darauf besuchte die Band die KZ-Gedenkstätte Dachau. Dass Gasteiger die Russinnen dafür gewinnen konnte, war durchaus ein bemerkenswerter Coup. Einer der ihm angeblich deswegen gelang, weil die "Dachauer Erinnerungsarbeit" einen so "guten internationalen Ruf" hat. Es lag aber wohl auch daran, dass Pussy Riot für ihre Aufklärungsarbeit jede sich ihnen bietende Bühne nutzen. Und so war das Konzert auch nicht wie angekündigt das letzte vor der Sommerpause. Stattdessen ging es am Sonntag gleich nach Stuttgart weiter. Im August wird Pussy Riot in Österreich und der Schweiz spielen und am 31. August und 1. September im oberbayerischen Bergen.

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