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Coronavirus in München:Die meisten Eltern betreuen ihre Kinder lieber daheim

Kleine Runde: Um die Notbetreuung im Haus der Kinder St. Agnes kümmern sich Leiterin Isabell Bülow (links) und Erzieherin Eva-Maria Kirchmann.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Die Notbetreuung für Kita- und Schulkinder wird nur in wenigen Fällen in Anspruch genommen.
  • Und das, obwohl der Kreis der Berechtigten zuletzt mehrmals erweitert wurde.
  • Dass die Anzahl der Anspruchsberechtigten steigt, führt zu einem Dilemma: Theoretisch dürften immer mehr Kinder in die Einrichtungen kommen, womit dort wiederum die Gefahr steigt, dass das Coronavirus weiterverbreitet wird.

Nur noch zu zweit sind die Kinder im Kindergarten in der Lerchenau. Wo sonst mehr als hundert Kinder spielen, kommt lediglich das Geschwisterpaar in das Haus für Kinder St. Agnes: zur Notbetreuung. Die Eltern der beiden sind Ärzte, damit systemrelevant und auch in der Corona-Krise berechtigt, ihren Nachwuchs betreut zu bekommen.

Bis zu fünf solcher Kinder dürfte die Einrichtung aufnehmen. Aber die Nachfrage ist gar nicht so groß. "Einige unserer Eltern hätten auch den Anspruch auf einen Notfallplatz. Jedoch möchten viele in dieser angespannten Situation ihre Kinder lieber zu Hause wissen", erklärt Isabel Bülow, die Leiterin des Kindergartens.

So ruhig wie in der Lerchenauer Einrichtung geht es derzeit in 240 städtischen Kindertageseinrichtungen zu, in denen insgesamt 529 Kinder notbetreut werden. Zum Vergleich: An einem ganz normalen Donnerstag, lässt das Referat der Landeshauptstadt für Bildung und Sport wissen, streben in die 1450 Kindertageseinrichtungen ansonsten rund 87 000 Kinder. Die Zahl derer, die weiter betreut werden, ist mit Blick auf die Gesamtzahl also sehr gering. Dabei wurde der Kreis der Berechtigten zuletzt mehrmals erweitert.

Seit dem 23. März reicht es, wenn ein Elternteil in der Gesundheitsversorgung oder Pflege beschäftigt ist. Bei allen anderen Berufen, die als systemrelevant gelten, müssen beide Elternteile für die Kinderbetreuung unabkömmlich sein, um auf das Notprogramm zugreifen zu dürfen.

Als systemrelevant zählen inzwischen auch Journalisten sowie Menschen, die für die Lebensmittelversorgung wichtig sind, Tätigkeiten in Kinder- und Jugendeinrichtungen ausüben, bei der Feuerwehr wirken, im Personen- und Güterverkehr beschäftigt sind oder in Bereichen, die ganz generell der "Handlungsfähigkeit zentraler Stellen von Staat, Justiz und Verwaltung dienen", wie es in den Vorgaben heißt. Seit dieser Woche zählen dazu auch diejenigen, die über Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld entscheiden.

Dass die Anzahl der Anspruchsberechtigten steigt, führt zu einem Dilemma: Theoretisch dürften immer mehr Kinder in die Einrichtungen kommen, womit dort wiederum die Gefahr steigt, dass das Coronavirus weiterverbreitet wird. Nach Zahlen des Bildungsreferats mussten bisher etwa 100 Kindertageseinrichtungen wegen Corona-Verdachtsfällen oder bestätigten Infektionen schließen.

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Eine mögliche Infektion befürchtet man auch in der Tagespflegeeinrichtung von "Sira" in der Waltherstraße ständig. Denn wer dort sein Kind aus der Notbetreuung abholt, kommt direkt von der anderen Seite des Goetheplatzes, aus dem Universitätsklinikum der LMU. Besonders das medizinische Personal müsse sich auf die Notbetreuung verlassen können, meint Christiana Ramgraber, die Geschäftsführerin der Sira-Kitas. Von zehn Kindern seien die Gruppen der Tagesmütter auf maximal drei Kinder geschrumpft. Potenziell stünden in dieser Kategorie etwa 1900 Plätze für die Notfallbetreuung zur Verfügung, teilt das Sozialreferat mit. An diesem Montag wurden davon lediglich 35 genutzt.

Wie in der Sira-Kita werden in Krippen auch Kinder unter drei Jahren betreut. Ein Abstand von 1,5 Metern kann bei den Kleinkindern meist nicht gewahrt werden. Zudem halten einige Erzieherinnen Schutzkleidung pädagogisch nicht für sinnvoll. Da bekämen die Kleinen nur Angst.

Soziale Distanz zu den Eltern einzuhalten, ist da schon einfacher. In der städtischen Kinderkrippe in der Neuherbergstraße bringen die Eltern beispielsweise ihre Kinder in den Vorraum der Einrichtung. Haben sie die Eingangstür wieder geschlossen, holen die Betreuer das Kind aus der improvisierten Schleuse ab. In der Krippe sind vier der sonst 48 Kinder zur Notbetreuung angemeldet.

Mehr Plätze als Nutzer der Notbetreuung gibt es auch für Schüler in München, in den städtischen allgemeinbildenden Schulen. Von regulär 85 468 Schülerinnen und Schülern sind nur 112 in der Notbetreuung von Realschulen, Gymnasien und Tagesheimen untergebracht.

Der Grund dafür ist derselbe, wie in der Grundschule Bazeillesstraße: Die Eltern seien bemüht, die Betreuung ihrer Kinder anders zu regeln, erklärt Rektorin Sonja Schmidt. Wer Anspruch auf einen Notbetreuungsplatz habe, sage diesen zum Teil ab, um "das Angebot nicht unnötig auszunutzen", so die Rektorin. Etwa acht Schüler kommen derzeit regelmäßig zur Notbetreuung. Während ihre Klassenkameraden ihre Aufgaben zu Hause erledigen, lernt die kleine Gruppe denselben Stoff mit zwei Lehrkräften.

Insgesamt haben 125 der staatlichen Grund- und Mittelschulen in München für die Notbetreuung geöffnet. Zwischen 300 und 360 Schüler nutzten laut Schulamt in den vergangenen Wochen einen der Plätze. In ganz Bayern sind rund 3900 Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse in einer Notbetreuung. Um diese in Anspruch zu nehmen, müssen die Eltern eine schriftliche Erklärung bei der Schul- oder Kitaleitung abgeben.

Zudem haben nur Schüler bis zur sechsten Klasse Anspruch auf eine Notbetreuung. Deshalb herrscht besonders an weiterführenden Schule Leere. Im städtischen Elsa-Brändström-Gymnasium verteilen sich normalerweise rund 750 Schüler über acht Jahrgangsstufen. Jetzt findet man nur noch zwei Fünftklässler in der Schulbibliothek in der Notbetreuung. Die beiden sind auch in den Osterferien für die Notbetreuung angemeldet. Bis auf die Feiertage bleibt diese auch in den Ferien bestehen.

© SZ vom 02.04.2020/kaal
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