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Bundesliga-Auftakt ohne Fans:Kuriose Zahlenspiele

Münchens OB Reiter und Bayerns Ministerpräsident Söder

Mit ihrer Neupositionierung kommunizieren Reiter und Söder: Die Corona-Lage ist zu bedrohlich, um sich auf gewagte Spielchen einzulassen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei der Entscheidung, ob Fans ins Fußballstadion dürfen oder nicht, agieren Münchens OB Reiter und Ministerpräsident Söder mehr als unglücklich. Die neue Botschaft hätte früher gesendet werden müssen.

Kommentar von René Hofmann

Es ist eine abrupte Kehrtwende, die Dieter Reiter da vollzog. Am Donnerstagmittag verkündete Münchens OB: Beim ersten Spiel der Bundesligasaison, zu dem der FC Bayern am Freitagabend den FC Schalke 04 empfängt, sind nun doch keine Zuschauer zugelassen. Als Grund führte das Stadtoberhaupt an, dass das Robert-Koch-Institut die Inzidenzzahl, die beschreibt, wie viele Menschen sich jüngst mit dem Coronavirus angesteckt haben, über Nacht in die bedrohlichen Sphären hob, in denen das bayerische Landesamt für Gesundheit (LGL) München schon länger führt.

Zwei Behörden, die für das gleiche Phänomen zwei sehr unterschiedliche Zahlen ausweisen: Dies hatte lange schon irritiert. Die Stadt München hatte sich bei allen Entscheidungen bisher durchgehend auf die höhere Zahl des LGL berufen. Dass sich Reiter im engen Doppelpass-Spiel mit Ministerpräsident Markus Söder nun auf den deutlich niedrigeren Wert stützte und 7500 Menschen den Zugang ins Fröttmaninger Rund eröffnete, war kurios. Es deutete an, mit welch harten Bandagen hinter den Kulissen offenbar darum gerungen wurde, welcher Rahmen diesem Spiel gewährt werden soll.

Fußball nimmt im Leben vieler Menschen eine besondere Rolle ein. Und der Eröffnungspartie wohnt eine besondere Bedeutung inne. In einem solchen Moment sind politische Entscheidungen besonders sorgfältig abzuwägen. Dass sie transparent und aus nachvollziehbaren Gründen getroffen werden, ist ein wesentliches Merkmal der Demokratie. In diesem Punkt müssen sich Reiter (SPD) und Söder (CSU) Kritik gefallen lassen. Für alle Bundesländer gilt die Regel: Sind die Infektionszahlen unbedenklich, dürfen die Fußballstadien zu 20 Prozent gefüllt werden; in die Münchner Arena dürfen dann 15 000.

Dass die Infektionszahlen in der Stadt steigen, war aus den aktuell gepflegten Werten stets deutlich zu lesen. Der Versuch, trotz näherrückender Gefahr einige Tausend Bayern-Fans in den Genuss von Live-Fußball kommen zu lassen, wirkte wie ein Entgegenkommen für den Rekordmeister, der München regelmäßig viel Glanz beschert und der Bayern ja auch stolz im Namen führt. Die Frage, die im ersten Moment offenblieb, lautete: Wieso ließen sich Reiter und Söder auf einen solchen Schritt ein? Auf ihn hätten sich viele beziehen können. Schulen und Kitas hätten sich über rigide Maßnahmen bei ihnen zurecht beschweren können. Und die Kultureinrichtungen, die sich in vielen Vorgaben unverhältnismäßig gegängelt fühlen, hätten ihre Klagen deutlich ausweiten können. Freiweg beantwortet wurde die Motivlage auch nach der Rolle rückwärts am Donnerstag nicht. Doch wer die Statements der Politiker und des FC Bayern studiert, dem drängt sich ein Eindruck auf: Es waren wohl die prominenten Kicker, die mit Macht darauf drängten, ein gewagtes Spielchen zu versuchen - und von der Politik erst in ihre Schranken gewiesen wurden, als nun wirklich alle Zahlen gegen ein solches Experiment sprachen.

© SZ vom 18.09.2020/syn
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