Umgang mit Flüchtlingen Geben lernen

Das Foto ist mehr als 20 Jahre alt, doch seine Aussage ist brennend aktuell: Flüchtlinge aus Ruanda in Tansania, 1994. Entnommen dem Fotoband "Exodus" von Sebastião Salgado, neu herausgegeben im Juni 2016.

(Foto: Sebastião Salgado)

Was passiert, wenn bis 2020 tatsächlich 20 Millionen Muslime nach Deutschland drängen? Helfen da nur noch dichte Grenzen, wie oft gefordert wird? Angesehene Chronisten der Migrationsströme halten das für einen Irrweg - gerade wegen der furchteinflößenden Vorhersagen.

Von Paul Katzenberger

Es ist eine Zahl, die Sprengkraft hat: 30 Millionen Flüchtlinge würden innerhalb von zehn Jahren versuchen, nach Europa zu gelangen, erwartet der Filmregisseur Gianfranco Rosi. Gemessen daran sind die zwei bis drei Millionen Migranten, die seit Beginn des vergangenen Jahres nach Europa kamen, eine bescheidene Anzahl - die allerdings ausreichte, die EU so tief zu spalten wie noch nie in ihrer Geschichte.

Rosi prognostiziert also ein Horror-Szenario. Der Filmemacher ist weit davon entfernt, ein Migrationsexperte zu sein, und doch hat sein Wort in der Flüchtglingsdebatte Gewicht: Eineinhalb Jahre verbrachte der Römer auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa, bis er seine Doku "Seefeuer" im Kasten hatte. Der Film gewann den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, was mit einem Dokumentarfilm nur selten gelingt.

Außerdem entspricht Rosis Schreckenszahl den Schätzungen vieler Experten. Schon 2009 zitierte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon wissenschaftliche Prognosen zu den erwartbaren Zahlen der klimabedingten Völkerwanderung bis 2050. Sie schwankten damals zwischen 50 und 350 Millionen, inzwischen werden in der Fachliteratur auch Zahlen von einer halben Milliarde und mehr genannt.

Lampedusa "Die Menschen sterben wie die Ratten"
Gianfranco Rosi

"Die Menschen sterben wie die Ratten"

Für seine Doku "Seefeuer" über die Flüchtlingsinsel Lampedusa erhielt Gianfranco Rosi bei der Berlinale den Goldenen Bären. Rosi hat Grauenhaftes gesehen.   Interview von Paul Katzenberger

Gewiss, allein die Bandbreite der Vorhersagen verdeutlicht ihren spekulativen Charakter. Auch werden viele der Klima-Flüchtlinge zwar ihre Wohngebiete, nicht aber ihre Heimatstaaten verlassen. Und doch wäre es unverantwortlich, einfach zu hoffen, dass es zu einem solchen Massenexodus schon nicht kommen werde.

Antworten sind gefragt. Doch obwohl ganz Europa schon mehr als ein Jahr erbittert über die Flüchtlingsfrage debattiert, zeichnen sich tragfähige Maßnahmen bislang nicht im Ansatz ab.

Vorschläge, die uns möglichst wenig abverlangen

Kann es daran liegen, dass die wirklich nachhaltige Lösung dieses Problems nicht zu haben ist, weil sie uns zu unbequem ist? Weil wir uns nicht aus unserer Komfortzone bewegen wollen? Und die Politik sich scheut, diesen Umstand zu benennen?

Dafür spricht, dass die bisher vorgeschlagenen Strategien uns möglichst wenig abverlangen sollen - Hauptsache das Problem ist schnell wieder vom Tisch. Die hohe Zahl der Flüchtlinge wird von der Politik vor allem als Argument dafür angeführt, dass nun unverzüglich gehandelt werden müsse. Die Zahl der Muslime in Deutschland werde in vier Jahren die 20-Millionen-Marke erreichen, warnte etwa die bayerische Regierungspartei CSU in einem "dramatischen Appell".

Die prognostizierte Massenmigration scheint für die Politik weniger ein Appell für ein nachhaltigeres Vorgehen im Sinne der UN zu sein, sondern vielmehr für möglichst rasches Handeln im Rahmen eines Notfalls.

Die bessere Sicherung der EU-Außengrenze wird nach diesem Verständnis am häufigsten als probate Antwort auf die Flüchtlingskrise genannt. Soeben äußerte sich erst wieder der österreichische Außenminister Sebastian Kurz in diesem Sinne, der uns vor allem den weiteren Verbleib in der Komfortzone verspricht: Wenn Flüchtlinge damit rechnen müssen, dass sie ihr Zielland niemals erreichen werden, dann machen sie sich erst gar nicht auf den Weg, lautet die Logik, die hinter diesem Ansatz steckt. Doch geht dieses Kalkül auf?

Zweifel drängen sich auf, wie das Beispiel Australien zeigt. Das Land ist für seine rigide Flüchtlingspolitik bekannt: Die Royal Australian Navy zwingt Flüchtlingsboote zur Rückkehr, die auf hoher See jenseits australischer Hoheitsgewässer entdeckt werden.

Bootsflüchtlinge, die es bis in australische Gewässer schaffen, werden in Lagern auf den Pazifikinseln Manus und Nauru interniert - ohne die Aussicht, jemals Asyl in Australien zu erhalten. Anerkannte Asylbewerber sollen vielmehr in Drittländer wie etwa Kambodscha umgesiedelt werden.

Image-Desaster "Nauru files"

Auf den ersten Blick scheint sich dieser harte Kurs auszuzahlen. Seit mehr als 600 Tagen habe es kein Menschenschmuggler geschafft, auch nur einen Flüchtling nach Australien zu bringen, triumphierte kürzlich noch Premierminister Malcolm Turnbull. Die Zahl der Ertrunkenen sei dadurch gesunken.

Flüchtlinge Aufruhr in Haftanstalt für Asylbewerber
Australien

Aufruhr in Haftanstalt für Asylbewerber

Nach dem Tod eines Iraners auf der australischen Weihnachtsinsel haben Insassen einer Haftanstalt Teile der Anlage angezündet. Australien geht seit Jahren mit besonderer Härte gegen Asylsuchende vor.   Von Markus C. Schulte von Drach

Inzwischen dürfte dem Regierungschef die Freude über diesen vermeintlichen Erfolg gründlich vergangen sein. Spätestens seit Mittwoch vorvergangener Woche hat er wegen des Offshore-Asylzentrums auf Nauru ein gewaltiges Imageproblem am Hals.

An dem Tag veröffentlichte der Guardian die "Nauru files", mehr als 2000 geleakte interne Berichte, die das bestätigen, was Amnesty International und Human Rights Watch schon bei einer anonymen Recherche in Nauru Anfang August in die Öffentlichkeit getragen hatten: Die internierten Flüchtlinge vegetieren in dem Lager unter unhaltbaren Umständen dahin. Es ist die Rede von Kindern, die sich die Lippen zunähen und dabei von Wärtern verlacht werden. Gebärende Mütter, die ihr Baby nicht behalten wollen, weil sie ihm ein Leben auf Nauru ersparen möchten. Traumatisierte, die darum bitten, erschossen zu werden.