Gianfranco Rosi "Die Menschen sterben wie die Ratten"

Zwanzig Seemeilen nördlich der libyschen Küste warten diese Flüchtlinge auf ihre Rettung durch eine Fregatte der italienischen Marine während der Aktion "Mare Nostrum".

(Foto: Massimo Sestini/AP)

Für seine Doku "Seefeuer" über die Flüchtlingsinsel Lampedusa erhielt Gianfranco Rosi bei der Berlinale den Goldenen Bären. Rosi hat Grauenhaftes gesehen.

Interview von Paul Katzenberger

Die Kanzlerin hat den Film schon seit Monaten auf DVD, überreicht als Geschenk vom italienischen Premier Matteo Renzi. Sogar der Papst hat die preisgekrönte Dokumentation "Fuoccoamare", "Seefeuer", bereits gesehen. Die Aufmerksamkeit ist dem Regisseur Gianfranco Rosi ein bisschen unangenehm. Denn in erster Linie habe er einen Film über einen kleinen Jungen gedreht, sagt er. Dieser zwölfjährige Samuele lebt allerdings an einem besonderen Ort - auf der Insel Lampedusa, wo seit Jahren die Flüchtlingskrise im Mittelmeer furchtbare Ausmaße angenommen hat.

Rosi kam im November 2014, um einen Kurzfilm machen. Dann blieb er eineinhalb Jahre. Aus seinem Film wurde eine knapp zweistündige Dokumentation. In ihr schildert er die besondere Konstellation vor Ort. Neben seinem Hauptprotagonisten Samuele begleitete er vor allem den Inselarzt Dr. Pietro Bartolo und die Besatzung eines italienischen Patrouillenschiffes im Rahmen der Marineoperation "Mare Nostrum" zur Rettung von Flüchtlingen auf See.

SZ: Warum mussten Sie eineinhalb Jahre auf Lampedusa bleiben?

Gianfranco Rosi: Lampedusa stand zuletzt immer für den Tod. Laufend kamen Journalisten, die nur ein oder zwei Tage blieben, und das Bild einer Insel verbreiteten, deren drängendes Problem in illegaler Einwanderung besteht. Das ist aber unvollständig. Niemand hat darauf geachtet, dass dort seit jeher Menschen leben, die sich mit der Insel identifizieren. Mit meinem Film wollte ich den Bewohnern so weit wie möglich ihr Selbst zurückgeben. Es braucht so lang, um das Vertrauen von Menschen zu gewinnen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden.

"Seefeuer" zeigt nur wenige Szenen, in denen die Flüchtlinge Kontakt mit den Einheimischen haben. Warum?

Weil es zu diesem Kontakt nicht mehr kommt. Bis 2013 kamen die Flüchtlinge von Libyen direkt nach Lampedusa. Sie erreichten die Insel entweder im Hafen oder an den Stränden, wo sie natürlich auf die lokale Bevölkerung stießen. Manche schliefen in Booten, manche schliefen auf der Straße. Die Leute gaben ihnen zu essen. Doch seit Mare Nostrum und Triton/Frontex (die Seerettungsmission der italienischen Marine sowie die Mission der Grenzsicherungsagentur der EU; Anm. d. Red.) die Flüchtlinge schon im Meer auffischen, kommen die Migranten kaum noch in Berührung mit den Einheimischen.

Warum? Können sie sich auf Lampedusa nicht frei bewegen?

Nachdem die Marine sie an Bord genommen hat, überführt sie sie zum Hafen von Lampedusa, wo sie medizinisch betreut werden. Von dort befördern sie Busse zum Hotspot, in dem sie zwei Tage verbringen. Von dort geht es dann entweder zum italienischen Festland oder nach Sizilien. Da beginnt ein neuer Abschnitt ihrer Odysee: Sie werden identifiziert und die Asylverfahren beginnen.

Das dürfte gerade uns Deutsche befremden. Unsere Willkommenskultur war im vergangenen Jahr ein großes Medienthema, weil viele Einheimische den Kontakt zu Flüchtlingen aktiv hergestellt haben.

Mich hat das auch seltsam angemutet. Ich hatte etwas vollkommen anderes erwartet. Eine bunte Welt, in der man mit den Flüchtlingen zu tun bekommt. Doch so war es überhaupt nicht. Am Anfang fand ich es schwierig, dass ich einen Film machen musste, der mit der Vorstellung so gründlich bricht, die sich die Menschen von Lampedusa machen. Das war der Grund, warum ich beschloss, ein Kind zum Hauptdarsteller meines Filmes zu machen.

Wieso?

Weil es legitim ist, dass ein zwölfjähriger Junge mit der Welt der Flüchtlinge nichts zu tun hat. Er hat ein Recht auf sein kindliches Leben. Interessanterweise bringt uns sein Innenleben dann doch stark in Kontakt mit der Realität auf Lampedusa. In dem Sinne ist "Seefeuer" ein Coming-of-Age-Filme. Das Kind wächst auf und erkennt und akzeptiert die Schwierigkeiten des Lebens. Als ich ihn filmte, merkte ich, dass ich durch seine Augen die übergeordneten Zusammenhänge erkenne, für die Lampedusa steht.

Meryl Streep (rechts) mit Berlinale-Sieger Gianfranco Rosi. "Mit der Kombination einer politischen Aussage mit der Kunst, spricht dieser Film der Berlinale aus dem Herzen. Gerade heute", sagte die Jury-Präsidentin über die Doku des Römers.

(Foto: REUTERS)