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"Seefeuer" im Kino:Fischfang, Hausarbeit, Kinderspiele - Tod

Kinostart - 'Seefeuer'

Der 12-jährige Samuele streift mit seiner Steinschleuder über die Insel, der Regisseur begleitet ihn.

(Foto: dpa)

Der Berlinale-Sieger "Seefeuer" zeigt, wie auf Lampedusa der Alltag der Inselbewohner und das Sterben der Bootsflüchtlinge aufeinandertreffen. Ein gespenstischer Kontrast.

Filmkritik von Martina Knoben

Zwei Jungen schneiden Gesichter in Kakteen, so wie man hierzulande an Halloween Gesichter in Kürbisse schnitzt. Es werden Fratzen daraus. "Wir machen sie platt!", rufen die Jungen, und: "Verrecke!" Dann schießt der eine mit einer Schleuder auf die "Feinde", der andere wirft einen Knallkörper.

Es ist der Zeitvertreib zweier 12-Jähriger auf einer Insel, die nicht viel Abwechslung bietet. Kein Kommentar und keine auffällige Kadrierung zeigt an, dass der Regisseur Gianfranco Rosi der Szene eine besondere Bedeutung verleihen will. Und doch drängt sich der Gedanke auf, dass sie etwas Universelles über die Natur des Menschen offenbart: sein Aggressionspotenzial zum Beispiel, oder dass er sich eben gern Feinde schnitzt.

Der Film behauptet sich gegen die Hysterie der Nachrichten und schnellen Handyvideos

Alltagsbeobachtungen eine metaphorische Dimension zu geben, dieses Kunststück gelingt Rosi immer wieder. Sein Dokumentarfilm "Seefeuer" hat auf der diesjährigen Berlinale für Furore gesorgt und sich im Wettbewerb um den Goldenen Bären durchgesetzt - weil er vom Leben auf der Insel Lampedusa erzählt, einem politischen Brennpunkt, wo die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer in aller Härte zu erfahren ist. Und gleichzeitig an die große Tradition des italienischen Neorealismus anknüpft. "Seefeuer" macht deutlich, wozu der Dokumentarfilm gerade auch in Abgrenzung zum Nachrichtenjournalismus in der Lage ist.

Um diesen Bildern etwas entgegenzusetzen, zog Rosi nach Lampedusa und filmte über ein Jahr lang den Inselalltag: Fischfang, Hausarbeit und Kinderspiele. Von der anderen Realität der Insel war dabei zunächst wenig zu sehen - dem Sterben der Flüchtlinge auf dem Meer. In den letzten 20 Jahren, informiert ein Zwischentitel, seien 400 000 Migranten auf Lampedusa gelandet und etwa 15 000 Flüchtlinge bei dem Versuch gestorben, nach Europa zu kommen.

Es ist dieser gespenstische Kontrast, den Rosis Film beschwört, denn er zeigt auch die Arbeit der Küstenwache: Verzweifelte Notrufe von Flüchtlingen auf sinkenden Booten sind zu hören. Erschöpfte und dehydrierte Menschen werden von überladenen Booten gehievt und in goldglänzende Rettungsfolien gehüllt. Wie Science-Fiction mutet das an und ist doch ebenso Alltag wie Fischfang und Hausarbeit der Insulaner. Seitdem die Boote der Migranten schon auf See abgefangen werden, bekommen die Bewohner von Lampedusa kaum noch Flüchtlinge zu sehen.

Die Plätze ganz unten sind am billigsten, hier ist die Luft am schlechtesten und es gibt die meisten Tote

Das Nebeneinander der beiden Welten wird zur eindringlichen Metapher für die Blindheit Europas für die Katastrophe, die sich am Rand des Kontinents abspielt. Etwa wenn Rosi den 12-jährigen Samuele bei seinen Streifzügen über die Insel begleitet. Der Junge schießt gern mit seiner Schleuder auf Vögel und Kakteen. Er wird schnell seekrank und hat eine Sehschwäche, ein "träges Auge", wie der Arzt konstatiert - auch das könnte man als Metapher für das Wegsehen des Westens deuten. Dass "Seefeuer" immer wieder artifiziell wirkt, gelegentlich sogar wie inszeniert, könnte als Schwäche erscheinen. Vertraut man dem Regisseur aber so weit, dass man seine Fundstücke als Belohnung für einen besonders geduldigen Blick begreift, werden diese Bilder zur größten Stärke des Films. Denn so kann das dokumentarische Kino sich gegen die Hysterie der schnellen Nachrichtenbilder und Handyvideos behaupten, besonders in Zeiten von Terror und Amokläufern. "Seefeuer" dokumentiert nicht nur das Leid der Flüchtlinge - der kunstvolle Blick des Regisseurs, der nicht nur das Spektakuläre sucht, wird zur Aufforderung, selbst genauer hinzusehen.

Rosi hat mit einfachem Equipment gearbeitet und selbst die Kamera geführt. Die Insel filmte er oft bei schlechtem Wetter, immerzu hängen Wolken wie ein grauer Deckel über ihr. In ihrer Kargheit, Ausgesetztheit und Eintönigkeit erinnert Lampedusa an ein Western-Fort. Die frontier verläuft auf dem Meer. Weshalb die Insel selbst wie eine "Festung Europa" wirkt.

Schon in früheren Filmen hatte sich Rosi mit abgeschlossenen Welten beschäftigt, die eigenen Rhythmen und Regeln folgen: In "El Sicario, Room 164" geht es um einen Auftragskiller, "Sacro GRA - Das andere Rom" erkundete das Leben an der Ringautobahn um Rom. Für "Seefeuer" durfte er in der Auffangstation für Flüchtlinge und auf einem der Marineschiffe drehen, die vor der afrikanischen Küste patrouillieren. Dabei bekam er einen Einblick in die Logistik der Flüchtlingskrise. Damit sind nicht nur die Rettungseinsätze gemeint. Wir erfahren auch von den drei Klassen, die es auf den Booten gibt: Die Plätze ganz unten sind am billigsten, hier ist die Luft am schlechtesten, und es gibt die meisten Toten. Rosi hat auch die Leichen im Bauch eines Schiffes gefilmt und Flüchtlinge, die bei ihrer Rettung so schwach waren, dass niemand wissen konnte, ob sie überleben.

Von einigen Kritikern ist ihm deshalb Voyeurismus vorgeworfen worden, zumal Rosi diese Menschen nicht um Erlaubnis fragen konnte, bevor er sie filmte. Aber es ist auch in diesem Fall sein Blick, der Rosis Arbeitsweise legitimiert. Die Flüchtlinge erscheinen nicht als anonyme Masse, die Kamera sucht Blickkontakt. Und der Regisseur schlüpft selbst unter die goldglänzende Rettungsfolie, um bei der Fahrt in ein Auffanglager die Perspektive der Migranten einzunehmen und das Surreale der Situation einzufangen. Da steckt er dann buchstäblich mit ihnen unter einer Decke. Immer wieder ist der Zuschauer versucht, einfache Szenen auf diese Weise metaphorisch zu sehen, auch eine zentrale Sequenz des Films, die sehr poetisch die humanistische Botschaft des Films formuliert. Da untersucht der Inselarzt Doktor Bartolo, der seit Jahren die ankommenden Flüchtlinge betreut und als Einziger die Welten auf Lampedusa verbindet, eine Flüchtlingsfrau. Sie erwartet Zwillinge. Der Arzt kann auf dem Ultraschall aber wenig erkennen: "Was für ein Wirrwarr", kommentiert er freundlich das Durcheinander. So sehr sind die Gliedmaßen der Kinder ineinander verschlungen, dass er das eine Leben nicht vom anderen trennen kann.

Fuocoammare, Italien, Frankreich 2016 - Regie, Buch, Kamera: Gianfranco Rosi. Schnitt: Jacopo Quadri. Verleih: Weltkino, 108 Minuten.

© SZ vom 27.07.2016/doer/jobr

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