Antike:Theater des Krieges

Salamis 480

Modell einer Triere, eines athenischen Kriegsschiffs mit drei Etagen von Ruderern. In der Seeschlacht wurden die Segel eingeholt, da kam es auf die reine Muskelkraft an.

(Foto: Renate Kühling/Lodewijk Crijns/Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München)

Vor 2500 Jahren besiegten die Griechen überraschend die Supermacht des Perserreiches. Eine archäologische Ausstellung in München erzählt von der Seeschlacht bei Salamis.

Von Johan Schloemann

Plumps, die Perser konnten nicht schwimmen. Als ihre Schiffe von den Griechen gerammt wurden, fielen sie ins Wasser in der Meerenge bei der Insel Salamis, nah an Athen und dem Hafen Piräus. "Noch nie an einem einzelnen Tag starben so viele Menschen", heißt es bei dem Dramatiker und Zeitzeugen Aischylos in seiner Tragödie "Die Perser", die acht Jahre später uraufgeführt wurde. Dieses tränenreiche Zeitgeschichtstheater fand am Fuße der damals noch zerstörten Akropolis statt, denn vor der großen Seeschlacht hatten die Perser noch die alten Tempel von Athen niedergebrannt. Bald wurden sie wieder aufgebaut, prächtiger denn je: der Parthenon, Sieger-Architektur.

2500 Jahre ist das jetzt her, ein welthistorisches Jubiläum. Die griechischen Stadtstaaten, allen voran Athen dank einem beispiellosen Rüstungsprogramm für seine Marine, schlugen damals überraschend die Vielvölker-Armada des persischen Reiches, die größte Supermacht, die die Welt bis dahin gesehen hatte. Sie lockten sie in die Enge des heimischen Gewässers und machten die stolze Überzahl der Gegner damit zu einem fatalen taktischen Nachteil. Der persische Anführer Xerxes, genannt "König der Könige" oder "König jedes Landes und jeder Sprache", soll vom goldenen Thron aus an Land zugesehen haben, wie seine Flotte unterging. Plumps.

Früher sagte man: Sonst wäre das Abendland barbarisch geworden. Das sieht man heute toleranter, und das Reich, das in den Palästen von Susa und Persepolis im heutigen Iran regiert wurde, war auch gar nicht barbarisch, sondern eine wenn auch autokratische, so doch eindrucksvolle und integrative Hochkultur. Trotzdem kann man weiterhin sagen: Ohne diesen Sieg - zehn Jahre nachdem Xerxes' Vater Dareios es schon einmal in der Schlacht bei Marathon versucht hatte - hätte es das "klassische" Athen so nicht gegeben.

Die Amazonen trugen plötzlich persische Hosenanzüge, todschick

Die heutigen Griechen, die nicht alles so furchtbar genau nehmen und gerne dem Anschein vertrauen, haben das Salamis-Jubiläum deshalb schon im Herbst des vergangenen Jahres groß gefeiert. Denn 2020 minus 2500, das ergibt 480 vor Christus. Die gründlichen Deutschen aber rechnen nochmal nach und stellen fest, dass es in unserer Zeitrechnung kein Jahr null gibt, und daher findet die archäologische Gedenkausstellung in München jetzt statt, im Herbst 2021. Das ist auch in Ordnung.

Antike: So stellte sich der Maler Wilhelm von Kaulbach die Seeschlacht bei Salamis vor. Das Monumentalgemälde von 1863 hängt im Senatssaal des Bayerischen Landtages, eine Kopie in der Ausstellung.

So stellte sich der Maler Wilhelm von Kaulbach die Seeschlacht bei Salamis vor. Das Monumentalgemälde von 1863 hängt im Senatssaal des Bayerischen Landtages, eine Kopie in der Ausstellung.

(Foto: Stiftung Maximilianeum)

Direkte materielle Zeugnisse von der Schlacht bei Salamis gibt es praktisch nicht. Im Museum in Athen kann man allenfalls kleine Reste der Vorgängerbauten auf der Akropolis mit Brandspuren betrachten, also Zeugnisse davon, wie das persische Heer kurz vor der Seeschlacht die Stadt verwüstete, die in einem kühnen Manöver schon komplett evakuiert worden war. Sonst aber hat die Archäologie kaum Greifbares aus dem September 480, also muss man den Kampf mit der Großmacht aus dem Osten aus der Literatur, aus Rekonstruktionen und indirekt aus den Bildwelten der Epoche sichtbar machen. Da macht die kompakte Münchner Ausstellung, geschickt erzählerisch kuratiert vom Vize-Antikenchef Christian Gliwitzky, wirklich aus der Not eine Tugend.

Zum Beispiel trugen die Künstler in Vasenbildern aus der Mythologie, von denen München Glanzstücke besitzt, Stellvertreterkämpfe aus. Die Amazonen etwa, legendäre Kampffrauen aus der griechischen Männerfantasie, wurden plötzlich im Zuge des Orientalismus mit todschicken persischen Hosenanzügen bekleidet. Gepflegte Vorurteile bei gleichzeitigem kulturellen Austausch, das ist eine alte Geschichte.

"Eine Schlacht in beengten Verhältnissen wirkt sich zu unserem Vorteil aus."

Ein anderes Vasenbild huldigt dem Gott des Nordwindes, der Teile der persischen Flotte vorher schon ohne Kampfhandlung zertrümmert hatte. Bilder vom Krieg schmückten den Alltag: die Stadtgöttin Athene als Vorkämpferin; ein Waffenkult, der auch demokratisierende Effekte auf die Gesellschaft hatte; oder etwa das beliebte Motiv vom Abschied eines jungen Soldaten von seiner Familie, elegisch und stolz zugleich; und eine Vitrine weiter die krassesten Kriegsverbrechen und Verstümmelungen, auch wieder in die Mythologie verlegt. Das erinnert auch daran, dass die Griechenstädte untereinander recht bald nach dem Triumph über die Perser wieder damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu zerfleischen.

Antike: Der athenische Churchill: Feldherr und Staatsmann Themistokles (524-459 v. Chr.), römisches Porträt aus Ostia nach einer griechischen Vorlage, in der Ausstellung als Gipsabguss zu sehen.

Der athenische Churchill: Feldherr und Staatsmann Themistokles (524-459 v. Chr.), römisches Porträt aus Ostia nach einer griechischen Vorlage, in der Ausstellung als Gipsabguss zu sehen.

(Foto: Renate Kühling/Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München)

Doch zunächst musste die Meisterleistung der Flottenbewegungen im Saronischen Golf ja erst mal hingelegt werden, und so kommen auch Fans von Militärtaktik in der Ausstellung auf ihre Kosten. Es geht schließlich um die wohl größte Seeschlacht der Antike. Man sieht in einem Abguss das Porträt des bulligen Themistokles: Das ist der athenische Churchill, der unfassbar weitsichtig das Flottenbauprogramm durchsetzte, der das wackelige Bündnis zusammenhielt und laut dem Historiker Herodot frühzeitig verstanden hatte: "Eine Schlacht in beengten Verhältnissen wirkt sich zu unserem Vorteil aus." Hinzu kamen aber auch Glück, günstige Umstände, göttliche Interventionen, wie man es damals sah. Der hervorragende Katalog erklärt alle Einzelheiten.

Es gibt kleinere Holznachbauten der Kampfschiffe, in denen man, in drei Etagen übereinander rudernd, Muskelkraft und Bürgersinn entwickelte, als die Heimat existenziell bedroht war. Und nicht zuletzt ein großartig inszeniertes neues Modell des Kriegsschauplatzes - man nennt so etwas auf Englisch "theatre of war", und man versteht hier noch einmal sehr physisch, warum große Momente der Militärgeschichte in der Nahsicht furchtbare Gemetzel, aber in der Draufsicht spannende Sandkastenspiele sind. Die alten Griechen schwankten selbst - bei allem stolzen Imperialismus, der auf den großen Sieg von Salamis über die Perser folgte - zwischen einer hedonistischen und einer tragischen Weltsicht. Und so gestimmt geht man auch aus dieser Ausstellung heraus: Es kann alles auch immer anders ausgehen.

Salamis 480. Staatliche Antikensammlungen, München. Bis 13. März 2022. Katalog 28 Euro.

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