Favoriten der Woche:Erschreckend intelligent

Favoriten der Woche: Heute sind Raben und Krähen in den Städten überall auf der Welt zu Hause - und haben einen miesen Ruf.

Heute sind Raben und Krähen in den Städten überall auf der Welt zu Hause - und haben einen miesen Ruf.

(Foto: Lucky Film GmbH , Allegro Film Produktions GmbH)

Martin Schilts Dokumentarfilm "Krähen" zeigt, dass die Vögel uns Menschen unheimlich nah sind. Diese und weitere Empfehlungen der Woche aus dem SZ-Feuilleton.

Von Carolin Gasteiger, Kathleen Hildebrand, Martina Knoben, Peter Richter und Wolfgang Schreiber

Dokumentarfilm: "Krähen"

Niedlich sind sie ja nicht. Eine Kuschel-Doku, wie es sie etwa zu den süß watschelnden Kaiserpinguinen gibt, wäre bei Krähen unmöglich. Rabenvögel haben einen zweifelhaften Ruf. Martin Schilt erzählt davon in einem animierten Schnelldurchlauf durch Mythologie und Geschichte. Holzschnittartig fliegen zu Beginn seiner faszinierenden Doku "Krähen" (Verleih: DCM) in einer Tricksequenz die schwarzen Vögel durch die Jahrhunderte: als oft gefürchtete und gehasste, aber auch mit Respekt und Faszination betrachtete Begleiter der Menschen und Götter. Raben und Krähen galten häufig als Übervögel. Mal wurden sie als weise Verkünder von Omen betrachtet, häufiger aber als Unglücksboten und Totenvögel. Den miesen Ruf haben sie sich tatsächlich redlich verdient. Rabenvögel waren immer wieder dort, wo reichlich gestorben wurde. Die Alles- (und das heißt eben auch Aas-)fresser folgten erst den Wölfen und anderen großen Jägern, dann dem Menschen. Der Mensch ist schließlich der erfolgreichste Räuber von allen. Mit ihm waren sie auf den Friedhöfen und Schlachtfeldern, heute sind Raben und Krähen in den Städten überall auf der Welt zu Hause.

In diesen Zeiten, in denen viele Arten immer mehr dezimiert werden oder gar sterben, weil ihnen der Mensch die Lebensgrundlage raubt, gehören die Raben und Krähen zu den wenigen Spezies, die von unseren schlechten Gewohnheiten profitieren, dem Müll zum Beispiel oder der Lichtverschmutzung des urbanen Raums. Martin Schilt hat vor allem mit Biologen gesprochen, aber auch mit Indigenen und sogar mit einem Krähenjäger und erfährt dabei sehr viel Spannendes über die Vögel. Wie sozial sie sind und wie neugierig. Dass sie ihre Umgebung und auch den Menschen "lesen" können - so bizarr wie eindrucksvoll ist ein Versuch, in dem ein Wissenschaftler mit der Gruselmaske eines "Höhlenmenschen" über einen Campus spaziert und die Tiere auf dieses "Gesicht" reagieren, weil vor vielen Jahren ein Wissenschaftler mit genau dieser Maske Tiere auf dem Campus gefangen hatte.

Über Generationen hinweg hatten sich die Vögel das Aussehen des Übeltäters gemerkt. Krähen spielen, sie benutzen Werkzeuge - vielleicht sind sie im "menschlichen" Sinn intelligent? Faszinierend in jedem Fall sind die Gemeinsamkeiten von Mensch und Vögeln, die "Krähen" aufdeckt. Ganz geheuer kann uns das nicht sein. Das Geraune - mit der Sprecherstimme von Elke Heidenreich -, die bange Frage "wird uns die Krähenkultur eines Tages überflügeln?" hätte es gar nicht gebraucht. Es reicht schon, "uns" im Verhalten der Vögel gespiegelt zu sehen. Martina Knoben

Kinderbuch: "Die Geschichte von Dunkel"

Favoriten der Woche: Das Kinderbuch "Die Geschichte von Dunkel" der niederländischen Autorin Marit Kok ist im Mixtvision Verlag erschienen.

Das Kinderbuch "Die Geschichte von Dunkel" der niederländischen Autorin Marit Kok ist im Mixtvision Verlag erschienen.

(Foto: Mixtvision Verlag)

Kinderbücher über Kinderängste gibt es zuhauf. Aber keines sieht aus wie "Die Geschichte von Dunkel" (Mixtvision Verlag) der niederländischen Autorin und Trickfilmmacherin Marit Kok. Für ihre Bilderbuch-Geschichte über einen kleinen, schwarzen Knetkloß mit Augen - er heißt "Dunkel" und fürchtet sich vor dem Dunkeln - hat sie liebevolle Sets gebaut, das Buch besteht aus umsichtig beleuchteten Fotografien davon. Aus echtem Moos, Zweigen als Bäume und Häuschen aus Wellpappe. Der Kloß schwebt mit ängstlich geweiteten Kulleraugen durch die Nacht, die ihm solche Angst macht. Dabei entdeckt er deren Schönheit: gemütlich leuchtende Fenster, ein Glitzern in den Zweigen, ein knisterndes Lagerfeuer (aus Filz). So originell ist das, man möchte direkt selbst anfangen, kleine Landschaften aus Stöckchen und Steinchen zu bauen. Kathleen Hildebrand

Kunst: Christoph Tannerts "Frühkritiken"

Favoriten der Woche: Eine kulturgeschichtliche Rekonstruktion: "Frühkritik: Radioessays 1994 - 1996", erschienen im Mitteldeutschen Verlag.

Eine kulturgeschichtliche Rekonstruktion: "Frühkritik: Radioessays 1994 - 1996", erschienen im Mitteldeutschen Verlag.

(Foto: 2023 Mitteldeutscher Verlag)

Es gab tatsächlich mal einen Sender in Potsdam, der seinen Hörern morgens mit Kunstkritiken kam. Der Sender hieß Radio Brandenburg, der Kritiker war der Kurator Christoph Tannert, und es war eine hervorragende Idee vom Mitteldeutschen Verlag in Halle, eine Auswahl davon jetzt unter dem Titel "Frühkritik: Radioessays 1994 - 1996" als Transkripte herauszubringen. Denn Tannert, als mitteldeutscher Pfarrerssohn mit geradezu martinlutherhafter Wuchtlust an der Sprache ausgestattet, bespricht, besingt oder beschimpft hier das Ausstellungsgeschehen der Mittneunziger mit selten gewordener Leidenschaft, besonders Populäres poltert er manchmal auch bisschen ungerecht, aber lustig in Grund und Boden (Christo mit seiner "Reichstags-Verjurtung"? Der "Konsul Weyer der Land Art"!). Immerhin waren das die formativen Jahre des Berliner Kunstbooms. Insofern ist das auch eine kulturgeschichtliche Rekonstruktion. Hätte man am liebsten auch als Hörbuch. Peter Richter

Oper in Kopenhagen: Gefällt selbst der Königin

Favoriten der Woche: Die Königliche Oper in Kopenhagen auf der Insel Holmen.

Die Königliche Oper in Kopenhagen auf der Insel Holmen.

(Foto: Nathalie Lieckfeld/imago images/imagebroker)

Was nun, Herr Generalintendant des Königlich Dänischen Theaters zu Kopenhagen? Zwei Titel machen den Kontrast: Sehen wir "Don Giovanni in der Hölle" oder uns selber "Wie im Himmel"? Das eine ist die Don-Juan-Collage des dänischen Avantgardisten Simon Steen-Andersen, koproduziert mit Strassburg demnächst im historischen Opernhaus; das andere der schwedische Musicalhit "Som i himlen" von Stefan Nilsson, der landet in Kopenhagens futuristischem Opernpalast mit dem ingeniösen Flachdach nahe am Fluss. Dänemarks Hauptstadt, kaum halb so groß wie München, leistet sich schwungvoll Innovatives, sortiert und subventioniert an drei Spielstätten für Oper, Ballett, Schauspiel, Musical. Und folgt seiner politischen Kultur, dem Selbstverständnis Monarchie. So bildet das Opernhaus drüben am Wasser mit dem Schloss Amalienborg der königlichen Familie und der Kuppel des Marmordoms exakt die visionäre Sichtachse.

Und wie neugierig ist Ihr Publikum, Herr Direktor? Klar hat das Musiktheater Kopenhagens wie an allen Opernhäusern dem Publikum zu dienen - mit "Zauberflöte" und "Madama Butterfly", mit "Eugen Onegin", den "Meistersingern" und "Aida". Vor Jahren war Intendant Kasper Holten viel beschäftigter Opernregisseur, in London, Brüssel, Berlin, Wien oder sogar Moskau. Sein "Ring des Nibelungen" markierte 2006 den Beginn am neuen dänischen Opernhaus. Er kennt die Aussagekraft des "Königlichen" als Status des Theaters, den geistigen Bedeutungszuwachs, denn die Monarchie sei "beliebt, wir haben Königin Margrethe, die sehr populär ist. Sie kommt wirklich oft zu uns". Der Kronprinz stehe dem Sport näher. Kopenhagen hat "eine relativ gleiche Gesellschaft mit hoher Lebensqualität, weniger von Spannungen erfüllt als anderswo". Wie oft besucht eigentlich Markus Söder, aus purer Neigung, das Musiktheater in München, das reichlich prosaisch "Staatsoper" genannt wird?

"Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" des dänischen Nationaldichters Hans Christian Andersen war 1997 Stoff für die gleichnamige Oper des Komponisten Helmut Lachenmann. Kasper Holten kann sich das prophetische Stück in Kopenhagen vorstellen. Vielleicht steht es ja auf der Wunschliste seiner neuen Chefdirigentin, der Französin Marie Jacquot. Wolfgang Schreiber

Streaming: "Lindenstraße" in der ARD-Mediathek

Favoriten der Woche: Die Kultserie "Lindenstraße" ist wieder zurück - in der ARD-Mediathek.

Die Kultserie "Lindenstraße" ist wieder zurück - in der ARD-Mediathek.

(Foto: Fotoreport/dpa)

Unglaublich, wie lang drei Jahre wirken können. Im März 2020 lief die letzte Folge der Lindenstraße, dieser legendären Serie aus der Wählscheibentelefonära. Nun ist sie zurück, auf ARD Plus. Dort lassen sich erstmals alle Folgen aus mehr als 30 Jahren streamen. Das bedeutet 1758 Mal die unverkennbare Titel- und Cliffhangermelodie hören und in die Welt Mutter Beimers eintauchen, die zwar sehr klein war in ihrem fiktiven Münchner Straßenzug, aber nie heil oder unpolitisch. In der Lindenstraße kam es zum ersten Schwulenkuss im deutschen Fernsehen (1990), zu CSU-Politikerschelte (Peter Gauweiler!, 1988) oder einem Flashmob-Aufruf gegen den Klimawandel (2012). Erfinder Hans W. Geißendörfer hat, wie er zum Abschied dem SZ Magazin sagte, "das Herz auf dem linken Fleck". Vielleicht war die Lindenstraße gar nicht so gestrig. Carolin Gasteiger

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