Josef Hader im Gespräch (2014) "So ist das eben, wenn schlechte Herrscher zu lange leben"

Als Wiener können Sie Ihre Vereine zwischen Herbst und Frühling selten im Stadion sehen, weil Sie immer auf Tournee gehen. Wie lange wollen Sie das noch machen?

Ich reduziere von Jahr zu Jahr. Es ist so eine Gegenbewegung. An Jahren älter, an Vorstellungen weniger. Vergangenes Jahr 100, heuer 90. Ich möchte künftig noch mehr schreiben. Im Sommer gibt es eine lange Pause.

Sie entschleunigen Ihr Leben.

Das ist das Einzige in meinem Leben, von dem ich sagen kann, dass ich was lerne. Ansonsten mache ich leider auch oft denselben Blödsinn, immer wieder.

Sie reduzieren Ihren beruflichen Stress, daran scheitern die meisten. Wie schaffen Sie das?

Mir hilft, dass ich Hypochonder bin. Ich erkenne an mir die Verfallserscheinungen des Alters. Die Kondition lässt nach. Schlafen kann ich immer schlechter, wenn ich zu viel spiele. Der Körper scheint das Adrenalin nicht mehr abbauen zu können, wenn ich auf Tournee bin. Ich halt mich dann gleich für schwerkrank und pass dadurch besser auf mich auf.

Also: Ein Hoch auf die Hypochondrie?

Ja, aber man soll nicht übertreiben. Es ist nicht so, dass sie mich total zerfrisst. Aber wenn ich einmal kurz keine Luft kriege, hab ich gleich Sorge, dass eine Herzklappe nimmer funktioniert. Also werde ich vernünftiger. Esse gescheite Sachen, rauche schon lange nicht mehr.

Für die anstehende Verfilmung des nächsten Brenner-Romans "Das ewige Leben" müssen Sie wohl wieder paffen. Angst vor der Sucht?

Gar nicht, ich rauch' ja noch manchmal. Dreimal im Jahr, wenn ich schwer besoffen bin, rauche ich eine Zigarette oder zwei. Nur zur Feier des Tages. Am nächsten Tag kein Problem. Aber beim Brenner ist es ja so, dass du eine Szene zehn Mal wiederholst - 20 Mal kann sich der österreichische Film Gott sei Dank nicht leisten. Zig Mal am Stummel ziehen, das würde ein Schock werden. Vielleicht rauche ich diese grauenhaften Kräuterzigaretten.

Josef Hader als Detektiv Simon Brenner. Die Szene stammt aus dem Film 'Der Knochenmann'

(Foto: dpa)

Oder der Brenner gewöhnt sich das Qualmen ab.

Oder so. Vielleicht schreibe ich mir eine eigene Zigarettenchoreographie ins Drehbuch. Der Brenner bekommt ja einen Kopfschuss und wird dann wieder zusammengeklaubt. Vielleicht schmeckt es ihm nimmer nach der Verletzung. Möglicherweise entwickelt sich daraus eine Therapieform für ganz schwere Raucher. Die Kopfschuss-Methode.

Sie befassen sich viel mit Geschichte. Wissen sie auswendig, wann Österreich seinen letzten Krieg gewann?

Gegen Napoleon, glaube ich, gemeinsam mit den Briten und den Preußen. Das ist fast 200 Jahre her. Danach haben wir meines Wissens immer verloren. Bei Kaiser Franz Joseph I. löste das eine Profilierungsneurose aus. Deshalb wollte er Bosnien und die Herzegowina haben. Damit die Grenze auf der Landkarte wieder mehr hermacht. So ist das eben, wenn schlechte Herrscher zu lange leben.

Franz Joseph nahm die Ermordung seines Thronfolgers in Sarajewo zum Anlass, Serbien anzugreifen - was in der Folge den Ersten Weltkrieg auslöste.

Kein Mensch hat diesen Krieg gebraucht, niemand, er ist sowas von überflüssig gewesen.

Immerhin gab es einige expansive Großmächte, die versessen darauf waren, ihre hochgerüsteten Armeen in Bewegung zu setzen. Und militärverliebte Monarchen, wie den deutschen Kaiser Wilhelm II., der Österreich einen "Blankoscheck" gab.

Aber es gab die Ansicht - auch beim ermordeten Thronfolger - dass ein Krieg die Monarchien in Österreich und Russland hinwegfegen würde. Die Kriegstreiber in Berlin und Wien, aber auch anderswo, haben mit Glück ihr Ziel erreicht. Aber auch in den Regierungen waren nicht alle begeistert von einem Krieg. Es gab in allen Ländern eine Kriegs - und eine Friedenspartei.

Die bizarrsten Zitate von Kaiser Wilhelm II.

"Blut muss fließen, viel Blut"

"Hier herrscht jetzt eine Stimmung wie 1914", lautet eine Passage aus Ihrem Programm "Hader spielt Hader". Halten Sie die überlieferte Kriegsfreude für übertrieben?

Wir stellen uns die Menschen dieser Zeit als ungemein kriegslüstern vor, weil hinterher Leute wie Ernst Jünger ihrer Sehnsucht nach einem Stahlgewitter Ausdruck gegeben haben. Aber außer ein paar Bürgersöhnchen, denen grad fad im Schädel war, waren kaum junge Menschen kriegsbegeistert. Die haben aber alle keine Bücher geschrieben. Natürlich haben kriegsgeile Zeitungen am Anfang eine gewisse Begeisterung entfacht. Man war damals in der Oberschicht der Ansicht, ein Krieg zwischen zwei Völkern wäre so etwas wie ein erweitertes Fußballmatch.

Österreich-Ungarn wirkte auf viele so morsch wie Kaiser Franz Joseph greise war. Sind Sie anderer Meinung?

Es gab Pläne, den Vielvölkerstaat zu einer Föderation umzubauen. Einige Politiker, die nach 1919 an der Spitze ihrer Nationalstaaten standen, sprachen sich vor dem Krieg für eine Eigenstaatlichkeit aus - aber unter dem Mantel der Habsburger-Monarchie. Weil die Zugehörigkeit zu einem größeren Staatengebilde für sie ja auch Schutz bedeutet hätte. Ich glaube, erst der Weltkrieg hat die Idee der Monarchie so richtig ruiniert.

Die Polen wären immer noch geteilt gewesen zwischen Deutschland, Österreich und Russland. Nach dem Krieg hatten sie endlich wieder ihren Staat.

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Die Polen haben ihren Staat bekommen, und in zwei Kriegen unendlich dafür bezahlt. Und auch alle anderen Staaten auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie haben ihre heutige Erscheinungsform mit vielen Millionen Toten bezahlt. Es wäre zynisch zu sagen, dass sich das 20. Jahrhundert für sie so richtig gelohnt hat.

Inwiefern?

Wenn wir einmal nicht von Nationalstaaten ausgehen, sondern von der Bevölkerung, hat der Ausgang des Krieges die Zündschnur für Kriege und blutige Konflikte gelegt, die teilweise bis heute andauern. Es gab so viele gemischtsprachige Regionen wie Galizien, Bosnien, Friaul. In solchen Gegenden waren Nationalstaaten damals schlichtweg nicht sinnvoll. Aus sprachlicher und kultureller Sicht machten die Ländergrenzen nach dem Ersten Weltkrieg gar keinen Sinn. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dann die Bevölkerung in Osteuropa so furchtbar effizient ausgerottet und ausgewechselt. Seitdem ist festgelegt, wo welche Sprache wohnen darf. Und jetzt sind wir alle wieder miteinander in Europa - da darf man schon fragen: Wofür war das Ganze?