Papst Benedikt XVI. Respekt, Joseph Ratzinger

Vieles von dem, was Benedikt XVI. in seinem Pontifikat zu verantworten hat, ist zu kritisieren. Mit seinem Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen verlässt er seine konservative Grundlinie: Der deutsche Papst handelt vernünftig und verantwortungsbewusst. Dafür gebührt ihm Anerkennung.

Ein Kommentar von Oliver Das Gupta

Das Pontifikat des Joseph Ratzinger ist das eines ängstlichen Mannes. Eine passende Überschrift würde lauten: 'Wider den Zeitgeist, für die Tradition'. Vehement kanzelte Benedikt XVI. das Meiste ab, was die Moderne mit sich brachte - von alternativen Familienformen bis zur vollständigen Gleichberechtigung von Frauen. Er suchte die Aussöhnung mit fanatischen Frömmlern - und wimmelte progressive Christen ab. Der Papst reiste durch Länder, in denen Aids grassiert, aber beharrte auf dem Verbot von Kondomen.

Der Papst sah das als Bewahrung. Als Schutz der Kirche vor den Anfeindungen unserer Zeit.

Vom jungen Theologen Joseph Ratzinger, der einst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mithalf, die Kirche zu reformieren und zukunftsfähig zu machen, schien nichts mehr vorhanden zu sein.

Seit diesem Rosenmontag ist klar: Der Papst handelt nicht nur nach Bibelworten und kirchlichen Traditionsregeln. Sondern auch aus Vernunft und Verantwortungsbewusstsein. Der Papst tritt zurück aus gesundheitlichen Gründen. Dafür gebühren Joseph Ratzinger Respekt, Dank und Anerkennung.

Wie unerhört gewaltig dieser Schritt gerade für Benedikt ist, macht der Blick auf seinen legendären Vorgänger deutlich. Johannes Paul II. erklärte 1994, dass es für einen "emeritierten Papst in der Kirche keinen Platz gibt". Die Botschaft lautete: Ein Papst wirft nicht hin, ein Papst bleibt Papst, bis er tot ist. Entsprechend schwierig war, zumindest für weite Teile der Öffentlichkeit, das monatelange Siechtum des polnischen Papstes, bevor er 2005 starb.

Genauso könnte es der Traditionalist Benedikt halten - aber er tut es nicht. Er bricht mit dem Wort von Johannes Paul aus guten Gründen: Weil ein neuer Papst, der gesünder und jünger ist, die Aufgabe besser meistern kann. Daran ist nichts mehr Vergeistigtes, da ist nicht die Rede vom Stellvertreter Gottes, der sich seiner Bestimmung fügen muss.

Der Papst wird Avantgarde

Mit seinem Rückzug, der in der jüngeren Kirchengeschichte einzigartig ist, wird Benedikt selbst Avantgarde. Ein alter Mann darf seinen Beruf aufgeben, auch wenn er Papst ist. An diesem Tag zieht ein Stückchen Moderne in die Mauern der Vatikanstadt.

Seine Rücktrittsrede enthielt eine vielsagende Passage: Eine sich schnell verändernde Welt werde "durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen". Es ist die Welt, des Internets und der unklaren Frontlinien, und vor allem eine Welt, in der Gläubige lebensnahe Fingerzeige erwarten und keine salbungsvollen Antworten von vorgestern. Antworten, für die Joseph Ratzinger steht. Antworten, für die er keine Kraft mehr hat.

Der Kirche ist zu wünschen, dass sie das vorzeitige Konklave dazu nutzt, einen Mann an die Spitze zu wählen, der die Kraft hat, die Kirche zu erneuern und an die Lebenswirklichkeit heranzuführen.

Dem Noch-Papst ist zu wünschen, dass sein Schritt als das angesehen wird, was er ist: als ein Ausdruck von Mut und Würde.