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"Intrige" alias "J'Accuse" im Kino:Gelungener Film, schwieriger Fall

Der Film 'Intrige' kommt in die Kinos

Sie mögen sich nicht - aber Major Picquart (Jean Dujardin, links) wird für das Recht von Hauptmann Dreyfus (Louis Garrel) kämpfen.

(Foto: Weltkino Filmverleih)
  • "Intrige", der neue Film von Roman Polanski, zeichnet die Dreyfus-Affäre akribisch und spannend wie eine Detektivgeschichte nach.
  • Der Regisseur ist derweil mit dem Wiederaufkommen der "Me Too"-Debatte konfrontiert und dem Vorwurf, er würde sich durch die Story eines fälschlich Angeklagten selbst entlasten.
  • Der Film selbst legt das nicht nahe, denn "Intrige" ist aus der kühlen, distanzierten Perspektive eines Beobachters erzählt.

Der 5. Januar 1895 ist ein hässlicher Tag im Paris der Belle Époque, vielleicht der hässlichste. Ein kleines Grüppchen Offiziere marschiert über den weiten, kahlen Hof der Militärschule am Marsfeld, vorbei an Hunderten stramm stehender Soldaten. Der Platz ist voller Pfützen, der Himmel schwer vor Wolken. Es ist der Tag, an dem Alfred Dreyfus degradiert wird. Er soll Verrat begangen, Geheimnisse an die Deutschen verkauft haben. Das Offiziersgrüppchen tritt einen Schritt von ihm zurück, Dreyfus' schütteres Haar zittert im Winterwind. Dann reißt ein Offizier ihm die goldenen Knöpfe von der Jacke, die Tressen und Kordeln, nimmt dessen Säbel, zerbricht ihn über dem Knie und wirft ihn vor Dreyfus auf den Boden. Das Ritual dieser Entehrung hat nichts Spontanes, es ist beherrscht, inszeniert und deshalb umso grausamer.

Hauptmann Dreyfus' straffe Haltung ist vor Verzweiflung steif geworden

In der Anfangsszene von "Intrige" steckt bereits fast alles, wovon dieser Film handeln wird. Das kühle Rattern der Militärmaschinerie, die vom Einzelnen so sehr abstrahiert, dass Alfred Dreyfus nicht einmal im letzten Protest gegen seine Entehrung "Ich" ruft, sondern, unpersönlich und im Kommandoton: "Man degradiert einen Unschuldigen!" Louis Garrel, der im französischen Kino sonst meist der wuschelhaarige jugendliche Liebhaber ist, spielt Dreyfus als Soldaten, dessen straffe Haltung vor Verzweiflung steif geworden ist wie die eines kaputten Aufziehmännchens. Auch der Antisemitismus ist eindeutig: Ein paar feiste, fahle Offiziere beobachten, wie Dreyfus die Rangabzeichen abgerupft werden, und versuchen sich in judenfeindlichen Bonmots zu übertreffen. Die Hauptfigur des Films, Major Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), der an Dreyfus' Verurteilung beteiligt war, ist zwar nicht so feist und fahl, gewinnt den Wettstreit aber, indem er sagt, dass Dreyfus in seiner zerrissenen Uniform aussehe "wie ein jüdischer Schneider, der den Wert der Goldtressen abschätzt."

Man könnte viel sagen über diesen sehr gelungenen Film, in dem jede Kameraeinstellung wie ein Gemälde aussieht. Wie ein verrußtes, schmuddeliges Bild, das zu lange in Amtsstuben hing, in denen Vorurteile und Missgunst nie rausgelüftet werden konnten, weil das Fenster immer klemmt, so wie in Picquarts Büro. Das Erzähltempo ist perfekt austariert, die Schauspieler sind allesamt hervorragend. Auch sein Plot gäbe genug her für Rezensionen, die sich ganz auf die Aktualität dieses historischen Paradefalls von Antisemitismus konzentrieren. Die Dreyfus-Affäre, die der Film akribisch und so spannend nachzeichnet wie eine Detektivgeschichte, spaltete Frankreich über Jahre hinweg, bis sich Émile Zola in seinem berühmten offenen Brief unter dem Titel "J'Accuse ...!" (Ich klage an) einmischte, der Fall wieder aufgerollt und Dreyfus schließlich begnadigt und später rehabilitiert wurde. Ein relevantes Thema in einer Zeit, in der ein schon historisch geglaubter Antisemitismus wieder erschreckend offen gezeigt wird.

Nur reichen diese Kategorien, die ästhetische und die historisch-politische, nicht aus, um zu erklären, wie die Welt diesen Film bislang aufgenommen hat. Als "Intrige" im vergangenen Herbst in Frankreich anlief, riefen Feministinnen zum Boykott des Films auf und blockierten Kinos. Als vergangene Woche bekannt gegeben wurde, dass der Film für 12 Césars, den französischen Oscar, nominiert ist, gab es laute, wütende Kritik. Weil sein Regisseur Roman Polanski ist, ein "Vergewaltiger auf der Flucht", wie eine Gruppe feministischer Aktivistinnen sagte. Polanski hat sich 1977 in Los Angeles schuldig bekannt, Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen gehabt zu haben. Laut einer gerichtlichen Einigung sollte mit seiner Untersuchungshaft die Strafe abgegolten sein. Als es hieß, der Richter wolle sich nicht an diese Abmachung halten, floh Polanski nach Europa, wo er heute in der Schweiz und Frankreich lebt. Die USA drängen offiziell noch immer auf Auslieferung, auch wenn die Frau, die er damals missbraucht hat, sagt, dass sie ihm verziehen habe und ein Ende des Prozesses wünsche.

Kurz bevor "J'Accuse", wie "Intrige" im französischen Original heißt, in die Kinos kam, ging die Fotografin Valentine Monnier mit einem neuen Vorwurf gegen Polanski an die Öffentlichkeit. 1975 habe er sie in seinem Haus im Schweizer Skiort Gstaad vergewaltigt und geschlagen, sie war damals 18 Jahre alt. Polanski bestreitet die Vorwürfe vehement. Dass Monnier gerade jetzt davon erzählt, hat sicher mit der "Me Too"-Debatte zu tun, aber auch mit Polanskis Film. Sie könne nicht verstehen, schrieb sie, dass er öffentliche Filmfördermittel dafür bekomme, mit der Geschichte von Dreyfus seine eigene kriminelle Vergangenheit zu übertünchen.

Will Roman Polanski mit der Story eines fälschlich Anklagten sich hier selbst entlasten?

Dass dies Polanskis Absicht sei, unterstellten ihm auch einige Filmkritiker - aufgrund eines mindestens ungeschickten Zitats aus einem Interview. In der Dreyfus-Affäre, sagt Polanski da, finde er manchmal Momente, die er selbst erlebt habe: "Ich erkenne dieselbe Entschlossenheit, Fakten zu leugnen und mich für Dinge zu verurteilen, die ich nicht getan habe", und dass er mit vielen der Vorgänge in einem Verfolgungsapparat vertraut sei. Das habe ihn inspiriert. In einem Interview mit Paris Match hat Polanski das zurechtgerückt: "Ich halte mich nicht für Dreyfus."

Im Streit um "Intrige" werden all die Fragen, die seit "Me Too" aktuell sind, noch einmal gestellt: Darf ein Künstler, der ein Verbrechen begangen hat, weiter seine Kunst machen? Soll man ihn dafür feiern? Ihm Preise verleihen? Im Fall von Roman Polanski fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus, je nachdem, auf welche Seite des Atlantiks man schaut. 2003 verlieh ihm die amerikanische Filmakademie den Regie-Oscar für "Der Pianist", 2018 schloss sie ihn aus ihren Reihen aus. Auch einen US-Starttermin gibt es für "Intrige" nicht. Beim Filmfestival von Venedig hingegen bekam der Film den Jurypreis. Deren Vorsitzende, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, fand zuvor einen Weg, mit der Ambivalenz umzugehen, dass ein Mensch, der ein Verbrechen begangen hat, zugleich ein guter Künstler sein kann. Sie blieb der Premierengala für den Film fern, sagte aber, dass sie dem Film gegenüber unvoreingenommen sei.

Wer ihn sieht, wird Unvoreingenommenheit nicht schwer finden, auch wenn Roman Polanski einmal sogar als Gast zu sehen ist, in Galauniform und mit Walrossschnauzer. "Intrige" ist aus der kühl distanzierten Perspektive eines Beobachters erzählt, und das reicht völlig, um die Tragweite und die Aktualität dieses Skandals deutlich zu machen. Es gibt keine Szene des Triumphs, keinen Kitsch. Dass Dreyfus am Ende rehabilitiert ist und in die Armee zurückkehrt, wird beiläufig erzählt. In der Schlussszene sitzen sich Major Picquart, der Dreyfus unter Einsatz seiner eigenen Karriere und gegen enorme Widerstände entlastet hat, und Alfred Dreyfus in Picquarts pompösem Büro gegenüber, Picquart ein klein wenig lässiger als früher, Dreyfus genauso steif. Ganz kurz streifen sie den Fall, der sie in den Geschichtsbüchern für immer verbinden wird. Aber eine Verbrüderung gibt es nicht. Diese zwei Männer werden einander nicht in die Arme fallen. Tatsächlich sehen sie einander danach nie wieder.

© SZ vom 05.02.2020/sikt/cat
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