"Nach einer wahren Geschichte" in der SZ-Cinemathek:Wer sich mit Polanskis Filmen nicht mehr wohl fühlt, muss sie nicht ansehen

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE; Nach einer wahren Geschichte

Die neue beste Freundin - Eva Green in der Rolle der Elle.

(Foto: Studiocanal)

"Nach einer wahren Geschichte", das neuste Werk des Regisseurs, ist kein perfekter, aber ein gelungener Thriller - und absolut nicht verwerflich.

Von Susan Vahabzadeh

Jede Frau braucht eine beste Freundin, besonders jene Frauen, die sich sonst eher allein durchschlagen. Delphine (Emmanuelle Seigner) hat als Schriftstellerin großen Erfolg, ihren Freund hält sie auf Abstand, die Kinder sind aus dem Haus. Es kommt ihr also gerade recht, als sie auf einer Party eine Fremde trifft, die ganz offensiv die vakante Stelle der besten Freundin einnehmen möchte.

Delphine kann sich zwar nicht erinnern, dass sie Elle (Eva Green) ihre Handynummer gegeben hat. Aber sie war am Ende der ersten Begegnung betrunken, einen Wodka nach dem anderen haben die Frauen gekippt. Nun sitzt sie vor dem leeren Computerbildschirm, ihr fällt nichts ein für ihr neues Buch. Jede Abwechslung ist willkommen, und so lässt sie diese fremde Frau sehr schnell sehr nah an sich heran. Gerade hat sie herausgefunden, dass Elle im Haus gegenüber wohnt, da steht sie schon mit ihren Koffern vor der Tür und zieht bei Delphine ein. Sie füllt eine Leere.

So beginnt der Thriller "Nach einer wahren Geschichte" von Roman Polanski. Alles kreist um die beiden Frauen, die sich der Welt da draußen immer mehr entziehen, bis sie schließlich nur noch miteinander allein sind. Delphine bricht sich auf der Treppe den Fuß. Weil der Weg hinauf in ihr Appartement danach zu beschwerlich ist, soll der Fuß in ihrem Wochenendhaus auskuriert werden, das ist eingeschossig - und liegt einsam.

"Nach einer wahren Geschichte" beruht, irgendwie, auf einer wahren Geschichte

Elle ist ein bisschen zu aufdringlich, zu bestimmt, zu übergriffig: Sie drängt Delphine zur Arbeit, blockt alle anderen Freunde ab. Sie ist selbst Autorin, sie schreibt für andere Leute deren Biografien auf. Elle wird immer unbeherrschter und bedrohlicher; und Delphine kommt trotzdem nicht von ihr los. Warum, was sieht sie in ihr? Klar ist, was man als Zuschauer sieht: Diese Frauen wirken nebeneinander, als wäre die jüngere Elle die aufgeräumte, enthusiastische Version von Delphine. Der Kleidungsstil ist ähnlich, aber Delphine hat das Bügeln offensichtlich aufgegeben; Elle schreibt nur selbstbesessene Promi-Beichten auf, ganz organisiert, Delphine schreibt Romane, die Kinder in der Schule lesen - im Moment schreibt sie aber gar nicht. Bis sie auf die Idee kommt, heimlich über Elle zu schreiben.

Das ist alles ziemlich spannend, und wenn Elle manchmal ein bisschen aufgesetzt wird, ihre Heldin Delphine ein bisschen zu offensichtlich imitiert - dann ergibt das im Lauf des Films durchaus einen Sinn. "Nach einer wahren Geschichte" beruht, irgendwie, auf einer wahren Geschichte - einem Roman von Delphine de Vigan. Delphine schreibt über Delphine, das ist ein Gag, der sich nicht auf die Leinwand übertragen lässt. Aber man kann auch im Film sein Spiel mit Realität und Wahrnehmung treiben. Polanski hat den Roman zusammen mit Olivier Assayas ("Personal Shopper") adaptiert, und dessen Einfluss ist spürbar - die Auseinandersetzung mit inneren Dämonen, wie sie im Landhaus stattfindet, ist eher sein Fachgebiet als das von Polanski, der sich meist für äußere Bedrohungen interessiert.

"Nach einer wahren Geschichte" ist kein perfekter, aber ein gelungener Thriller - der aber, anders als etwa Polanskis "Ghostwriter", eher ein bisschen oberflächlich mit Schreibhemmungen und Autoren-Eitelkeiten herumtollt. Es wird Leute geben, die den Film trotzdem nicht sehen wollen - weil er von Polanski ist. Schon im vergangenen Herbst gab es Boykottaufrufe. Polanski kommt seit seiner Anklage wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen 1977 nicht mehr so recht aus den Schlagzeilen heraus. Er hat damals gestanden, kurz im Gefängnis gesessen, danach die USA verlassen, ist in der Schweiz verhaften worden und stand dort eine zeit lang unter Hausarrest, aber der Prozess ist immer noch ein schwebendes Verfahren. Anfang Mai wurde Polanski, der über die Jahre für sechs Oscars nominiert war und 2003 mit dem Holocaust-Drama "Der Pianist" als bester Regisseur gewann, aus der Oscar-Academy ausgeschlossen. Sein Anwalt droht nun mit Klage - nicht gegen den Ausschluss, sondern gegen das Verfahren, bei dem die Academy sich an ihre eigenen, gerade erst aufgestellten Regeln nicht gehalten habe. Es ist eine nicht enden wollende Geschichte, die auch das Opfer von 1977, Samantha Geimer, gerne zu den Akten legen würde; aber sie würde, andernfalls, auch vor der Academy aussagen - zugunsten Polanskis.

Seine Filme hat sie übrigens schon vor fünfzehn Jahren verteidigt. Die Geschichten, die Polanski erzählt, schlagen sich eher auf die Seite jener, denen Unrecht geschehen ist, als diejenigen zu verteidigen, die andere drangsalieren - in seinen prägenden Erfahrungen war Polanski, aufgewachsen im Ghetto von Krakau im Dritten Reich, selbst der Drangsalierte. Das spielt in seinen Geschichten oft eine Rolle - der Fall Geimer tut es nicht. Wer sich mit Polanskis Filmen nicht mehr wohl fühlt, muss sie nicht ansehen. Aber es ist nichts an ihnen verwerflich.

D'après une histoire vraie, Frankreich 2017 - Regie: Roman Polanski. Drehbuch: Polanski und Olivier Assayas, nach dem Roman von Delphine de Vigan. Kamera: Pawel Edelman. Mit: Emmanuelle Seigner, Eva Green.Studiocanal, 110 Minuten.

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