Haut und Psyche:Indikator des Psychischen

Die Haut gilt heute sprachlich kaum noch als Sinnbild für den Leib einer Person, für ihr Ganzes, wie es Goethe im Faust die Jugend "an eigner Haut erfahren" lässt. Vielmehr ist die Haut der Indikator des Psychischen und zeigt, wenn es einer Person nicht gut geht. Wenn die Haut juckt, Falten wirft oder wenn Ekzeme aufblühen, wird schnell auf ein aus der Balance geratenes Seelenleben geschlossen. Jeder Pickel wird zum Symbol für Probleme - und die Haut daher zur Arbeitsfläche am eigenen Ich, das geglättet, gebotoxt und poliert werden will.

Dass Leiden der Haut zunehmen, weil psychische Belastungen zunehmen und der Schönheitskult um sich greift, ist wahrscheinlich, aber schwer zu belegen", sagt Uwe Gieler, Psychosomatiker mit Forschungsschwerpunkt Hauterkrankungen an der Uniklinik Gießen. Die Haut ist mit bis zu zehn Kilogramm Gewicht und zwei Quadratmetern Oberfläche nicht nur das größte Organ des Menschen, sondern vor allem ein wichtiges Kommunikationsmittel.

Blass galt früher als vornehm und zeigte an, dass man nicht ungeschützt in der Sonne arbeiten musste. Heute ist blass gleichbedeutend mit langweilig oder kränkelnd. Gebräunte Haut steht trotz aller Warnungen vor Hautkrebs für Vitalität und zeigt an, dass man wenig arbeiten muss (oder so viel verdient), dass man sich viel Zeit in der Sonne leisten kann. "Wer du bist, wird über die Haut ausgedrückt", sagt der Hamburger Dermatologe Kristian Reich. Deshalb kommen immer mehr Menschen mit Verschönerungswünschen zu Hautärzten und Kosmetikern. Die Haut ist zum Statussymbol geworden.

Tatsächlich ist kaum ein Organ so empfindlich für Einflüsse von außen wie von innen. Mehr als eine Million Tastorgane befinden sich in der Haut, außerdem mindestens so viele freie Nervenenden, die Reize registrieren und weiterleiten. Die Haut ist eine riesige Antenne. Viele Gefühle werden über die Haut offenbart: zum Beispiel beim Erröten oder Erblassen. Zudem funktionieren beim Menschen die evolutionär angelegten Muskeln noch, die bewirken, dass sich Haare sträuben. Dass seelische Probleme die Haut angreifen können, verwundert angesichts der sensiblen Ausstattung nicht.

"Kranke Haut ist aber nicht gleichbedeutend mit einer kranken Seele", sagt Gerhard Schmidt-Ott, Psychosomatiker an der Medizinischen Hochschule Hannover und Experte für Hautleiden. Dass Menschen vom Äußeren aufs Innerste schließen, stigmatisiere Betroffene noch stärker. Hautkrankheiten würden ohnehin als schmutzig und ansteckend wahrgenommen. Die deutsche Badeordnung, wonach Patienten mit Schuppenflechte aus dem Schwimmbad verwiesen werden konnten, wurde erst 2006 auf Initiative des Psoriasis-Bundes geändert.

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