Unwirksame Anti-Aging-Cremes Luxus auf der Haut

Viel besser als teure Cremes helfen Schlaf und gesunde Ernährung gegen Falten. Warum Frauen trotzdem die exklusiven Tiegel kaufen? Aus demselben Grund, der sie zum Designermantel greifen lässt.

Von Tanja Rest

Beinahe genauso populär wie Anti-Aging-Produkte sind Studien, die nachweisen, dass sie nichts oder wenig bewirken, jedenfalls selten etwas Sichtbares. In der guten alten Niveadose, so die Studien, stecke ähnlich viel beziehungsweise wenig Anti-Aging wie in einem Cremedöschen, das zehn Mal so viel kostet und dafür nur ein Zehntel enthält. Rausgeschmissenes Geld, behauptet die Wissenschaft: Anti-Aging sei in Wahrheit unschlagbar günstig, es belaufe sich auf die Trias "gesunde Ernährung", "ausreichend Schlaf" und "immer ordentlich Sonnenschutz".

Promis und Botox-Gerüchte

Man nimmt es - und schweigt

Frauen nehmen diese Studien zur Kenntnis. Männer lieben sie. Sie verweisen auf das Bataillon von Tuben, Töpfchen und Tiegelchen im Badezimmer, beschriftet mit Zaubervokabeln wie "rejuvenating", "hydrating", "illuminating", "retexturizing" und "skin-enriching". Die Männer müssen dann gar nicht mehr groß fragen, was das ganze nutzlose Zeug gekostet hat (viel, das ist wohl wahr), die Frage steht auch so im Raum: Wie gutgläubig kann man eigentlich sein?

Dies allerdings setzt voraus, dass Käuferinnen tatsächlich an all die Verheißungen glauben, die oft noch mit entsprechenden Forschungsergebnissen der Hersteller unterpolstert sind ("Klinische Tests beweisen . . ."). Halten Frauen es ernsthaft für möglich, dass sie Stirnrunzeln, Krähenfüße und Nasolabialfalten zum Preis einer dreistelligen Summe einfach wegcremen können? Die Antwort lautet natürlich: Die wenigstens glauben das - und kaufen die vermeintlichen Glattmacher trotzdem. Warum nur?

Anti-Aging-Cremes sind keine Medikamente gegen Falten, sondern Lifestyle-Produkte. Was man von ihnen erwarten darf, ist nicht die wundersam glattgebügelte Stirn - für die bräuchte es Botox -, sondern Wohlbefinden und ein Hauch von Luxus. Im Angebot inbegriffen ist ja auch der gute Duft, das angenehme Gefühl auf der Haut und die aufwendig gestaltete Verpackung, die auf der Badezimmerablage gut aussieht.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich Kosmetikartikel heute kaum noch von der Mode. Man kann sich einen Wintermantel für 60 Euro bei C&A kaufen oder für das Hundertfache bei Chanel. Beide halten warm. Der Chanel-Mantel allerdings wird noch einige andere, eher psychologische Bedürfnisse seiner Trägerin befriedigen. Ob dies seinen Preis rechtfertigt, entscheidet sie selbst.

Viele Frauen benutzen nach wie vor Nivea. Andere Frauen kaufen La Mer, Clinique und La Prairie. Den Alterungsprozess stoppen oder gar umkehren kann keines dieser Produkte. Wer aber für etwas Geld ausgibt, das er streng genommen gar nicht braucht und das er doch genießen kann, der hat zwangsläufig das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun. Wie der Claim eines Kosmetikriesen besagt: "Weil ich es mir wert bin". Und deshalb brauchen Frauen auch gar keine Studien, denn eines wissen sie ganz bestimmt: Anti-Aging ist Wellness. Außerdem wollen wir doch nicht immer nur vernünftig sein, nicht wahr?