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Sicherheit im Verkehr:Wenn nach dem Unfall ein Stuhl in der Klasse leer bleibt

Gedenkkreuz eines tödlichen Unfalls an der Straße Nürnberg Mittelfranken Bayern Deutschland Eur

Gedenkkreuze, Blumen und Kerzen säumen fast sämtliche Straßen in Bayern, auch hier an der Stelle eines tödlichen Unfalls bei Nürnberg.

(Foto: Imago)

Fast 100 junge Erwachsene kommen jedes Jahr in Bayern bei Autounfällen ums Leben. Oft passieren die Unfälle auf dem Land.

Die Scheibenwischer haben gut zu tun, draußen peitscht der Schneeregen. Hauptkommissar Königseder, 54, steuert den Kastenwagen den Anstieg hinauf in einen kleinen Ort im Bayerischen Wald. Da vorne, sagt Königseder, und deutet durch die Windschutzscheibe, da vorne in der Kurve sei es passiert.

Er war damals 23, war Beifahrer im Auto einer Freundin, einem VW Derby, seine heutige Frau auf der Rückbank. Von oben ist ein Auto gekommen, mit Tempo 100, innerorts. Das Auto hat die Kurve nicht gekriegt, ist frontal in den Derby gekracht. "Ab dem Zeitpunkt weiß ich nichts mehr", sagt Werner Königseder.

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Eine Woche später kam er in der Klinik zu sich, er hatte eine Blutung im Gehirn, wäre fast gestorben. Auch seine zwei Mitfahrerinnen überlebten, genauso wie der Unfallverursacher, ein junger Kerl, keine 25. Heute ist Königseder längst wieder gesund, heute tut er alles dafür, um solche Unfälle zu verhindern. Der Polizist geht in Schulen, als Verkehrserzieher, und erklärt den Fahranfängern und denen, die bald den Führerschein machen, wie gefährlich es auf den Straßen ist.

Erst recht hier im Bayerwald, wo es überall Kuppen und Kurven gibt und die Bäume am Straßenrand dicht beieinander stehen. Auf dem Land gehört der Führerschein genauso zum Erwachsenwerden wie der Umgang mit dem Tod. Der Tod ist auf Bayerns Landstraßen allgegenwärtig - und auf den Marterln am Straßenrand stehen häufig die Namen von Fahranfängern, zu erkennen am Geburts- und am Sterbedatum.

"Unvorstellbares Leid." So nennt es Alfons Weber, Bürgermeister von Markt Rettenbach im Unterallgäu, wo man immer noch kaum fassen kann, was vergangenes Wochenende passiert ist. Gegen 23 Uhr kam ein 18-Jähriger mit dem Wagen von der Straße ab, prallte gegen einen Baum. Mit ihm starben drei Insassen im Alter von 16 und 17 Jahren, ein weiterer junger Mann wurde schwer verletzt.

Das Fahrzeug war durch den Aufprall derart zerrissen worden, dass die Rettungskräfte auf den ersten Blick zwei Unfallautos vermuteten. Die jungen Leute, alle aus einer kleinen Gemeinde, kamen von einer Weihnachtsfeier, wollten weiter zu einem Jugendtreff. Nasse Fahrbahn, überhöhtes Tempo, ob Alkohol im Spiel war, ist unklar. "Sie fehlen der Gemeinschaft", sagt der Bürgermeister, "und man hat es jedem angesehen, dass es eine ganz große Traurigkeit gibt."

Autounfall bei Markt Rettenbach

Der Ort der Tragödie. An dem Baum im Hintergrund starben am vergangenen Sonntag vier Teenager. Die Gemeinde Rettenbach steht unter Schock.

(Foto: Thomas Pöppel/dpa)

94 - so viele junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren sind im vergangenen Jahr bei Unfällen auf Bayerns Straßen gestorben, hinzu kommen 1752 Schwerverletzte. Die Zahl der Toten mag seit Jahren sinken, die der Unfälle tut es nicht; und Statistik ist kein Trost. Montags sind Lokalzeitungen voll mit Schreckensmeldungen, die Opfer sind jung, oft passieren die Unfälle auf dem Land.

Erst im Oktober gab es ein schwarzes Wochenende, vier Verkehrstote an zwei Tagen, etwa im Landkreis Freyung-Grafenau und im Berchtesgadener Land, jeweils Anfang 20. "Der hat sich darennt", heißt es dann. In diesem Satz schwingen die Hauptursachen mit: schnelles Fahren, Risikobereitschaft, Unachtsamkeit. Oder eben: jugendlicher Leichtsinn.

"Der hat sich darennt." Man muss den Satz vor allem dort häufig sagen, wo schon deshalb viel gefahren wird, weil ohne Auto nichts geht. Wo der Führerschein unverzichtbar ist, um in die Schule und zum Job zu kommen, zum Badesee, in die Disco. Wer in einer Stadt wie München auf den Takt von U-Bahn-, Bus- und Tramlinien setzen darf, kann es sich nicht vorstellen, dass mancherorts der Bus drei Mal am Tag kommt, dass es zur Haltestelle ein Fußmarsch ist.

Der Bund der Deutschen Landjugend hat auf dem Titel einer Broschüre mal die Lebenswelt eines jungen Mannes mit einer Karte illustriert. Zur Schule? Acht Kilometer. Zu den Freunden? Elf Kilometer. Zur Disco? 28 Kilometer. Zum Arzt sind es 32. "Ein Stück Freiheit" sei das Auto auf dem Land, heißt es in dem Heft, die Freiheit, schnell und flexibel aus der Enge eines Dorfes auszubrechen - der von Studien ausgemachte Trend unter jungen Erwachsensen zum Auto-Verzicht, ja, dass nicht mal unbedingt ein Führerschein gemacht wird, hält nicht stand in Tirschenreuth, Marktoberdorf, Bad Reichenhall. Oder Straubing.

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Die Schatten der Toten stehen im Foyer der Straubinger Marianne-Rosenbaum-Schule, Außenstelle Mitterfels. Lebensgroße Tafeln mit den Konturen sind das: von Benjamin, 19, Sportler, eine Frohnatur, nachts übermüdet von der Straße abgekommen; oder Sascha, gleichaltrig, auf dem Weg zur Faschingsparty, nicht angeschnallt, ein Moment der Unachtsamkeit, der Golf überschlägt sich; Sarah, 15, verliebt mit ihrem Freund auf der Rückbank eines Wagens, dessen Fahrer die Kontrolle verliert - und das junge Paar sein Leben. "Ich wollte doch leben!", so der Titel der Ausstellung des ADAC, in Miesbach und Landsberg gastierte sie zuletzt in Berufsschulen, in Kissingen und Coburg.

Dass die Schau in Straubing zu sehen sein soll, war klar für Hermine Eckl. Die Vertreterin des Schulleiters meint: "Das gehört zum Selbstverständnis einer Berufsschule, das ist auch Werteerziehung." Reale Beispiele, direkte Ansprache, die Möglichkeit, sich das nebenbei anzuschauen, etwa in der Pause - für Eckl ein idealer Weg für Sensibilisierung.