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Natur:Lasst die Mücken leben

Mückenscharm

Einzeln lästig, im Schwarm unerträglich: Mücken sind hierzulande eher nicht gefährlich, doch das macht sie nicht minder unbeliebt.

(Foto: Jochen Lübke/dpa)
  • Eine Gemeinde am Chiemsee wird möglicherweise aufhören, Mücken zu bekämpfen.
  • Vor allem in der Tourismusbranche führt das zu Diskussionen.
  • Allerdings sind die Insekten auch wichtig als Nahrung für Fische und Vögel.

Wann Mücken zur Plage werden, ist eine individuelle Frage. Der eine sieht sich schon vom Sirren eines einzelnen Tiers schier um den Verstand gebracht, andere wedeln sich achselzuckend durch ganze Schwärme. Nach einem Fußballspiel in Dießen musste dieser Tage ein Spieler die Nacht mit allergischen Symptomen im Krankenhaus verbringen, die Ärzte sollen bei 460 Mückenstichen mit dem Zählen aufgehört haben. Dort am Ammersee und an vielen anderen Gewässern in Bayern klagen Einheimische wie Gäste über Myriaden von Stechmücken. Am heftigsten wird am Chiemsee diskutiert.

"Brutal" nennt Bernd Ruth die Mückenpopulation in seiner Gemeinde. Ruth muss sich nicht nur privat mit den Mücken herumschlagen, sondern auch als Bürgermeister von Seeon-Seebruck. Und so hitzige Debatten wie zuletzt ist er von seinen Gemeinderäten gar nicht gewohnt. Schon im April hatten zwei Räte beantragt, aus der Mückenbekämpfung auszusteigen, mit der alle zehn Anliegergemeinden ihren "Abwasser- und Umweltverband Chiemsee" (AUV) beauftragt hatten. Die Mücken seien ein wichtiger Teil der Nahrungskette, lautete kurz gefasst das Argument der Ausstiegsbefürworter, die damit die Mehrheit der Räte auf ihre Seite brachten.

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Schon das hatte um den See Aufsehen erregt, doch seit sich in der Folge etliche Betreiber von Hotels und Pensionen zu Wort gemeldet und vor Problemen für den Fremdenverkehr gewarnt hatten, schlagen die Wellen hoch in der stark vom Tourismus geprägten Region. Aber auch das bräuchte Ruth, der sich für die bisherige Praxis stark gemacht hatte, ungefähr so dringend wie einen Mückenstich. "Werbung ist das überhaupt nicht", fasst er das Mückenproblem und die Debatte darüber zusammen. Aus seiner Sicht kommen da drei Dinge zusammen: der Artenschutz als Trendthema, die Hochsaison für die Mücken und die für den Tourismus. Ruth hat einen Antrag angekündigt, doch bei der Mückenbekämpfung zu bleiben, will aber die Erfahrungen dieses Sommers abwarten. Wirksam werde der Austritt ohnehin erst 2020.

Der AUV wird vorerst auf den Einsatz seines Mückenbekämpfungsmittels BTI verzichten, sagt Geschäftsführer Thomas Weimann. Denn am Donnerstag gab es eine erste Einschätzung der Biologen, die rund um den See 15 Fallen aufgestellt hatten. Demnach wandern die Mücken bereits von den Ufern und Stränden landeinwärts, innerhalb von ein oder zwei Wochen werde sich die Lage entspannen. Von "Plage" wollen die Fachleute laut Weimann sowieso nicht sprechen. Sie hätten in jeder Falle 200 bis 300 Stechmücken gefunden - am Oberrhein seien es derzeit 8000.

Vom Oberrhein kommt das von vielen dortigen Kommunen getragene Unternehmen, das die Fachleute und bei Bedarf einen geleasten Hubschrauber an den Chiemsee schickt. Der würde dann den von Bakterien produzierten und in Eiskörnern gebundenen Eiweißstoff über den Brutgebieten der Mücken ausstreuen, wie es am Chiemsee laut Weimann seit 1998 alle zwei bis drei Jahre praktiziert wird, zuletzt 2015 für rund 160 000 Euro. Das Eiweiß würde wohl gegen vielerlei Mücken wirken, im Visier seien aber nur "Überschwemmungsmücken", die ihre Brut in temporären Tümpeln und Lacken ablegen. Sie haben zuletzt gute Bedingungen vorgefunden, doch inzwischen haben sich die Larven verpuppt, mit BTI käme man daher zu spät, sagt Weimann. Es eher auszubringen, sei nicht möglich gewesen, denn der Einsatz ist an eine bestimmten Mindestwasserstand am See geknüpft. Über dem See und im Naturschutzgebiet um die Mündung der Tiroler Achen werde niemals BTI eingesetzt.

"Fische wie die Rotfedern fressen mehrere Tausend Mückenlarven am Tag"

Das Landesamt für Umwelt betreibt zwar kein landesweites Mückenmonitoring, doch aus langjähriger Erfahrung habe sich gezeigt, dass Klagen über Mückenplagen vor allem am und um den Chiemsee auftreten, heißt es. An zweiter Stelle folgen demnach die Region um den Starnberger und den Ammersee und die südlich davon gelegenen Osterseen. In Franken gibt es hingegen sehr viel weniger Klagen, sagt Kai Frobel vom Bund Naturschutz. Er sieht diese Klagen mit gemischten Gefühlen. "Natürlich ist es nicht schön, wenn die Biester über einen herfallen", sagt Frobel. "Zwar sind die Stiche in aller Regel völlig harmlos, aber allein der Juckreiz ist sehr lästig." Auf der anderen Seite sind Mücken und ihre Larven gerade im Frühsommer die Nahrungsquelle Nummer eins für viele Fische, Vögel und Fledermäuse.

"Fische wie die Rotfedern fressen mehrere Tausend Mückenlarven am Tag", sagt Frobel. "Deshalb brauchen wir auch Mücken und andere, bisweilen lästige Insekten, wenn wir etwas für die Artenvielfalt tun wollen." Für Frobel ist zudem gar nicht erwiesen, dass BTI gegen eine Mückenplage hilft. "Denn Mücken haben einen Flugradius von 20 Kilometern", sagt der Biologe. "Das heißt, wenn ich sie an einer Stelle tatsächlich aus der Landschaft verbanne, dann wandern sie halt von woanders her wieder ein." So wie auch unklar ist, wie sich BTI auf andere Insekten wie Eintagsfliegen, Wasserkäfer oder Wasserfliegen auswirkt. "Da fehlt ein entsprechendes Monitoring."

Manche Badegäste stellen unterdessen ihr eigenes Mückenmonitoring an wie am Obinger See: Von überall ist das Sirren zu hören, am Ufer ist es am schlimmsten. Die Badegäste wehren sich, so gut es geht. Zwei Frauen sprühen sich ein, ein Mann preist seinen Hitzestift gegen den Juckreiz an. In einem sind sich alle einig mit dem jungen Vater, der mit einer routinierten Handbewegung seiner Tochter eine Mücke vom Rücken streift: "So schlimm wie dieses Jahr war's schon lange nicht mehr."

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