bedeckt München 22°
vgwortpixel

Grüner Erfolg bei Landtagswahl:"Dieses Ergebnis hat Bayern schon jetzt verändert"

Sie marschierten frisch durch den Wahlkampf und landeten bei mehr als 17 Prozent: Die Grünen sind die großen Gewinner am Sonntag. Nun würden die Wahlsieger gerne mitregieren. Aber dürfen sie auch?

Niemand schaut auf die Uhr, die schon seit langer Zeit rückwärts auf diesen Augenblick zuläuft. Die Anzeige der Tage zeigt schon seit ziemlich genau 18 Stunden drei Nullen. "Wir beenden die absolute Mehrheit!", steht über der digitalen Anzeige, die für die wahlkämpfenden Grünen die Zeit bis zu einer neuen Ära herunterzählen sollte. Jetzt, wo es nur noch ein paar Sekunden sind, schauen die Grünen auf andere Uhren, einige zählen die Sekunden selbst herunter bis zur Prognose.

Kurz nachdem auch diese Null erreicht ist, mischt sich der ohnehin erwartete Jubel mit einiger Erleichterung. 18,5 Prozent sollen es laut den Befragungen der Demoskopen an diesem Abend für die Grünen werden, für sie das erste zweistellige Wahlergebnis überhaupt in Bayern. "Dieses Landtagswahlergebnis hat Bayern schon jetzt verändert", wird Spitzenkandidatin Katharina Schulze wenige Minuten später in den Saal rufen, wo die Grünen Tür an Tür mit den Freien Wählern ihr jeweiliges Ziel feiern, das sie trotz aller Unterschiede gemeinsam haben: das Ende der absoluten Mehrheit der CSU in Bayern.

Politik in Bayern FDP nimmt Fünf-Prozent-Hürde ganz knapp
Wahlabend in der Nachlese

FDP nimmt Fünf-Prozent-Hürde ganz knapp

Als um kurz vor zwei Uhr nachts das vorläufige amtliche Endergebnis feststeht, kann auch die FDP aufatmen: Sie kommt auf 5,1 Prozent. Die angeschlagene CSU will indes mit den Freien Wählern koalieren.

Die Grünen sind von sofort an die zweitstärkste Partei im Land, und sie sind nach all den Umfragen und Sonntagsfragen der vergangenen Wochen auf das Feiern gut vorbereitet. Zwei Konfettikanonen entladen schon Sekunden nach der Prognose grünen Glitter in den Saal, die Schnipsel regnen unter anderem auf den Bundesvorsitzenden Robert Habeck, auf Claudia Roth und auf den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Toni Hofreiter, herab.

Noch kurz vor dem Jubel über das eigene Ergebnis steht bei den Grünen ein Raunen über die Prognosen für die CSU und die Sozialdemokraten. Später schaut Spitzenkandidat Ludwig Hartmann auf die neuesten Hochrechnungen für CSU und SPD und ist sich bei diesem Anblick nicht ganz sicher, ob die Grünen da jetzt wirklich die neue Volkspartei sein sollen, als die sie einige inzwischen schon ansehen.

Dass sie sich nicht an den Fehlleistungen der Mitbewerber abgearbeitet hätten, nennt er als einen Faktor für den grünen Erfolg. Ob die Grünen inzwischen konservativ genug sind für eine Koalition mit der CSU, die Frage stellt sich Hartmann nicht. Eher müsse es darum gehen, ob die CSU nun verstehe, dass es eine Veränderung braucht, oder ob sie weitermachen wolle wie bisher, nur eben mit den Freien Wählern. Die Grünen machten jedenfalls eine durchaus linke Politik, nur das habe "auch nicht jeder Wähler bemerkt", sagt Hartmann.

Im Saal der Strahlenden steht auch Theresa Schopper, die bis 2013 zehn Jahre lang Landesvorsitzende der Grünen war und ihre Partei durchaus als eine Art neue Konservative ansieht. Inzwischen arbeitet sie als Staatsministerin bei Baden-Württembergs grünem Ministerpräsidenten Kretschmann im Maschinenraum der Macht. "Regieren ist brutal anstrengend", sagt sie, aber schöner sei es schon, wenn man am Abend sehen könne, was man auf den Weg gebracht habe. Schulze und Hartmann seien jedenfalls Realisten genug, zu erkennen, was jetzt möglich sei. Sie hätten die "unglaubliche Welle" für die Grünen in den vergangenen Wochen und Monaten auch sehr gut geritten.

Neben den beiden Spitzenkandidaten war in den vergangenen Wochen auch Habeck unermüdlich durch Bayern gereist, mal mit Schulze oder Hartmann, mal nur mit den lokalen Kandidaten respektive "Kandidierenden", wie sie bei den Grünen gerne geschlechtsneutral genannt werden. Und ganz egal ob in den größeren Städten oder im Kurpark von Waging am See, der Heimat des 2010 früh verstorbenen grünen Hoffnungsträgers Sepp Daxenberger: Die Grünen haben schon im Wahlkampf ein Interesse wie nie zuvor registriert, auch bekennend konservative Menschen zog es auf ihre Wahlveranstaltungen. Und nicht wenige kündigten an, ihr Kreuz diesmal nicht bei den Christsozialen zu machen, sondern bei der Partei, die der CSU einmal als äußerster Antipode erschienen war.

Eine Koalition mit der CSU würde mindestens schwierig

Noch am Freitag hatte die letzte Sonntagsfrage im Auftrag des ZDF die Grünen sogar bei 19 Prozent gesehen, was bei den ängstlicheren Naturen in der Partei schon die Sorge geschürt hatte, mit 16 oder 17 Prozent am Ende womöglich sogar ein bisschen enttäuscht dazustehen. Doch für Spitzenkandidatin Katharina Schulze schien es schon als Schülersprecherin in Herrsching am Ammersee nie einen Grund zu geben, sich die gute Laune verderben zu lassen, und so bleibt es auch an diesem Abend.

Schulze wird über Stunden aus dem Strahlen kaum mehr herauskommen. Später werden die Spitzengrünen auf der Wahlparty der Partei im Münchner Muffatwerk erwartet, wo die Stimmung euphorisch ist und mancher die grünen Bäume - auch aufgrund der sich immer deutlicher abzeichnenden Ergebnisse in München - schon in den Himmel wachsen sieht. Doch eine Koalition mit der CSU - mit dieser CSU, wie die gerade gängige grüne Betonung lautet - würde mindestens schwierig. Bei der inneren Sicherheit, der dritten Startbahn für den Münchner Flughafen oder beim Umgang mit Migration und Flüchtlingen wären breite Gräben zu überwinden, das wissen und betonen auch die bayerischen Grünen.

Demut erwarten sie angesichts dieses Wahlergebnisses aber derzeit eher auf der anderen Seite. Sie selbst sehen das politische Momentum auf ihrer Seite, nicht nur im Vergleich zur Landtagswahl vor fünf Jahren, sondern auch zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr, als die Grünen in Bayern auf 9,8 Prozent gekommen und zumindest in der Großstadt München schon die zweitstärkste Partei geworden waren.

Dass sie regieren wollen, hatten Schulze und Hartmann schon im Wahlkampf sehr deutlich gemacht. Die 33-jährige Schulze sitzt seit 2013 im Landtag, der 40-jährige Hartmann seit 2008. Ihr Auftreten wirkt frisch und undogmatisch, und was beider Sprechtempo betrifft, so hinkt einer wie Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger hoffnungslos hinterher. Jetzt muss erst einmal die CSU entscheiden, mit wem sie wann reden will. Die bayerischen Grünen hätten künftig jedenfalls gerne etwas zu sagen.

Politik in Bayern Die alte CSU ist tot

Landtagswahl in Bayern

Die alte CSU ist tot

Markus Söder, unbeliebtester Ministerpräsident der Republik, hat geradezu unverschämtes Glück: Er muss trotz des desaströsen Wahlergebnisses nicht zurücktreten - und könnte sich nun für ein spannendes neues Regierungsbündnis entscheiden.   Kommentar von Sebastian Beck