Landtagswahl Die Kandidaten der Grünen werden von Begeisterung getragen

Jung, dynamisch und regierungsbereit: Ludwig Hartmann und Katharina Schulze führen die Grünen in die Landtagswahl.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)
  • Nur mit den Grünen könnte die CSU derzeit eine Zweier-Koalition nach der Landtagswahl bilden.
  • Die Grünen liegen bei Umfragen konstant bei 17 Prozent. Doch es gibt auch Stimmen, die vor einem Höhenflug warnen.
Von Lisa Schnell, Grafing

Acht Uhr abends, die Grafinger Grünen treffen sich in einem Weinlokal. Über ihnen baumeln Lampen aus Baumstämmen, vor ihnen hält ein Kollege einen Vortrag über die Energiewende. Nur zwölf Windräder in Oberbayern? "Irre!" Die Anzahl der Kirchtürme ist viel höher? "Da müssen wir etwas tun." Die Autoindustrie? "Bin ich dagegen." Kleine Diskussion, wo man am besten das E-Auto lädt, sonst herrscht Einigkeit. Nun möge man sich für eine Sekunde vorstellen, Ministerpräsident Markus Söder betritt den Raum. Gefallen würde ihm sicher das Kreuz an der Wand, genau wie der Speck auf den Tellern, spätestens nach der Gängelung der Autoindustrie aber würde er flüchten. Rein in die Dienstlimousine und los! Möglichst weit weg von diesen Grünen.

Egal, wie weit Söder fährt, den Umfragewerten kann er nicht entkommen. Nur mit den Grünen könnte die CSU derzeit eine Zweier-Koalition bilden. Schwarz-grün galt bis vor Kurzem noch als Hirngespinst, jetzt zermartert sich der eine oder andere das Hirn, wie das gehen könnte. Wobei das Wort Marter und die damit angedeuteten Schmerzen wohl eher den Zustand der CSU beschreiben als den der Grünen.

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Seitdem sie konstant bei 17 Prozent stehen, fliegt das grüne Spitzenduo geradezu durchs Land. Es bräuchte einige Windparks, um eine Glühbirne so zum Strahlen zu bringen wie Katharina Schulze. Und auch Ludwig Hartmann scheint nicht unglücklich zu sein, wenn er kundtut: "Man spürt es: Die Leute wollen uns regieren sehen." Es ist eine Spur der Zuversicht, die sie durch Bayern ziehen. Wer ihr folgt, wird hineingezogen in einen großen Begeisterungsstrudel, in dem die Unterschiede zwischen CSU und Grünen unwichtig erscheinen.

Schwabach in Mittelfranken, kurz nach elf Uhr an einem Sonntag. Auf der Kirchweih am Marktplatz ist nicht viel los. Kaum jemand holt sich drei fränkische Bratwürste in der Semmel, die Bierbänke im Freien sind ziemlich leer. Auf einer sitzt eine Dame, das grüne Wahlprogramm in der Hand, und fragt ihre Nachbarin: "Meinst, es kommen noch mehr? Sind nur noch zehn Minuten." Sie kommen. "Bestimmt 200", vermutet einer. Zumindest so viele, dass der Festwirt neben dem Würstlstand sich nicht erinnert, wann die Grünen das zum letzten Mal geschafft haben.

Katharina Schulze erscheint im blauen Dirndl. Sie wird sofort umringt. "Sind sie die echte?", fragt einer. Nur die Hälfte der Bayern kennt Schulze, wer sie aber einmal gesehen hat, wird sie kaum wieder vergessen. Die Blaskapelle spielt "Griechischer Wein", sie wiegt als einzige die Hände in der Luft, ihr Vorredner stellt sie als Handballerin vor, sie trippelt mit einem imaginären Ball und wirft ihn einem im Publikum zu. Die Leute lachen, wenn sie Söders Reiterstaffel veräppelt, sie sind betroffen, wenn sie von Rechtspopulisten spricht und sie klatschen wie wild, als sie ruft: "Wenn die CSU es nicht im Kreuz hat, dann machen's eben wir!"

Danach scheint man sie überall zu treffen, die neuen Grünen-Fans. Georg Linke etwa, ein älterer Herr mit Schirmmütze und Funktionsjacke, früher CSU-Wähler, jetzt hier, weil er mehr Naturschutz will. Oder der Mann neben ihm, der sich als "Konvertit" vorstellt. Bekehrt wurde er vom "zu rechtslastigen Seehofer".