Landtagswahl in Bayern Wie das Thema Flüchtlinge auch die CSU gespalten hat

Angelika Burwick in Zorneding Angelika Burwick in Zorneding

(Foto: Camilla Kohrs)

Viele Menschen, die in Bayern Asylbewerbern helfen, sind von der Politik der CSU enttäuscht. Zu Besuch bei einer Frau, die nach 44 Jahren aus der Partei austrat.

Von Camilla Kohrs

Im Oktober 2015 reichte es Angelika Burwick. "Das was wir heute erleben, ist eine Invasion" - so beschrieb die Zornedinger Gemeinderätin Sylvia Boher damals die Einwanderung von Flüchtlingen nach Bayern. Sie spaltete damit die Gemeinde. Denn Boher gehört nicht zur rechtspopulistischen AfD. Sondern sie war CSU-Ortsvorsitzende, ihre Behauptungen veröffentlichte sie in dieser Funktion unter der Überschrift "Kritisch angemerkt" im örtlichen Parteiblatt. Als dann der Ortsvorstand nach anfänglicher Kritik doch eher verhalten reagierte, fasste Angelika Burwick einen Entschluss. Sie trat aus der CSU aus.

Angelika Burwick stand damals mit ihrem Parteiaustritt alleine dar, lediglich ein weiteres Mitglied wechselte in einen anderen Ortsverband. In Zorneding diskutierte man anschließend über Monate über diesen Fall, der die kleine Gemeinde nahe München sogar in die nationale Berichterstattung brachte. Der örtliche Pfarrer, Olivier Ndjimbi-Tshiende kritisierte den Text von Boher als menschenfeindlich. Dafür wurde er mit dem Tod bedroht. Anstatt die Situation zu beruhigen, beleidigte Bohers Stellvertreter den Pfarrer rassistisch. Boher verlor schließlich ihren Posten als Ortsvorsitzende, blieb aber im Gemeinderat; Ndjimbi-Tshiende verließ die Gemeinde.

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Angelika Burwick schüttelt den Kopf, wenn sie an die Zeit denkt. Sie sitzt auf der Terrasse einer Bäckereikette an der zentralen Straße Zornedings und sagt: "Ich kann es mir noch immer nicht erklären, was genau da eigentlich passiert ist." 44 Jahre lang war die 64-Jährige in der Union, erst in der CDU, dann, nach ihrem Umzug nach Bayern, in der Schwesterpartei. Es fiel ihr nicht leicht, die Partei zu verlassen. Ein paar Nächte schlief sie darüber, wie sie sagt. "Ich fühlte mich in der Partei aber nicht mehr beheimatet." Ihr war wichtig, dass die Zornedinger schnell von ihrer Entscheidung erfahren. Schließlich leitete sie den Helferkreis für Geflüchtete.

Viel wurde die CSU in den letzten Jahren für ihren strengen Kurs in der Flüchtlingspolitik kritisiert. Grüne, Linke und SPD werfen der CSU vor, sich der AfD- Rhetorik zu bedienen. Seehofers Treffen mit dem ungarischen Präsidenten Viktor Orbán, sein Scherz auf Kosten der 69 Asylbewerber, die an seinem 69. Geburtstag nach Afghanistan abgeschoben wurden, aber auch Ministerpräsident Markus Söder, der im Heute Journal von "Asyltourismus" spricht - all das hat auch bürgerlich-liberale CSU-Anhänger und Mitglieder verschreckt. In den letzten Monaten haben sich immer wieder Mitglieder und Lokalpolitiker über Politikstil und Wortwahl beklagt.

"Diese Sprache ist kriminell", sagt auch Angelika Burwick, wenn sie an die Aussagen der Spitzenpolitiker denkt, deren Partei sie so lange angehört hat. Sie sei oft von CSU-Mitgliedern aus dem Ort angesprochen worden, sie solle zurück in die Partei und von dort aus gegen "den braunen Sumpf kämpfen", wie sie sagt. Aber das hat sie nicht vor. Kein einziges Mal habe sie an ihrer Entscheidung gezweifelt, auszutreten. "Näh", bricht es aus ihr heraus, leichte Abscheu schwingt mit.

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Zwei Minuten zu Fuß von dem Café zu dem Containerdorf, in dem etwa 60 Asylbewerber aus afrikanischen Staaten leben. Viel ist nicht los in dem kleinen Ort, der von München aus mit der S-Bahn erreichbar ist. Hauptsächlich Wohnhäuser stehen hier, Nachkriegsarchitektur, viel grau und weiß. Angefangen hatte es im Oktober 2014. Als damals ohne große Vorlaufzeit rund 60 unbegleitete minderjährige Asylbewerber im Hotel Eschenhof einquartiert wurden, übernahm Burwick die Leitung für den gesamten Helferkreis. Praktisch in einer Nacht-und-Nebelaktion, wie sie sagt, trotzdem passte es ihr gut. Sie war damals gerade dabei, sich Schritt für Schritt aus dem Berufsleben zurückzuziehen. "Der Bürgermeister sprach von vier Stunden Arbeit die Woche", sagt Burwick und lacht. "Es waren eher 30". Zweieinhalb Jahre koordinierte sie die verschiedenen Arbeitsgruppen, kümmerte sich, dass alle der zunächst 60, später bis zu 150 Helfer sinnvoll eingesetzt wurden. Die Aufgabe lag Burwick: Sie leitete lange Projekte für Unternehmen, später schulte sie als selbstständiger Coach Ingenieure und Informatiker zu Führungskräften.