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Corona-Krise im Freistaat:"Es geht jetzt um Leben und Tod"

Krisenstab Coronavirus Florian Herrmann

Auch am Montag hat der Corona-Krisenstab unter der Leitung von Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann (Mitte) wieder getagt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat ebenso daran teilgenommen.

(Foto: Bayerische Staatskanzlei/Jörg Koch)

Der Freisinger CSU-Politiker Florian Herrmann leitet den Corona-Krisenstab und weiß viel über "Social Distancing", Krankenhauskapazitäten und wirtschaftliche Folgen der Krise. Normalität erwartet er nicht so schnell wieder.

Der Freisinger CSU-Landtagsabgeordnete Florian Herrmann ist als Leiter der Staatskanzlei derzeit auch Leiter des Corona-Krisenstabs. Dort werden täglich Entscheidungen getroffen, die dazu beitragen sollen, die momentane Krise zu bewältigen. Sehr viel mehr als sein Zuhause und die Staatskanzlei sieht Herrmann laut eigenen Aussagen zurzeit nicht. Im Gespräch mit der SZ erklärt er, was der Krisenstab täglich macht und wie er die Lage beurteilt.

SZ: Was genau koordiniert der Corona-Krisenstab und wie sieht der Tagesablauf aus?

Florian Herrmann: Das sind ganz unterschiedliche Tätigkeitsfelder. Erstens geht es um die Maßnahmen zur Verlangsamung des Ausbreitungsgeschehens des Virus, das sogenannte "Social Distancing". Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Leute weniger treffen und sich somit weniger anstecken. Die Maßnahmen, die am Samstag in Kraft getreten sind, waren ein wichtiger Baustein. Das hat damit begonnen, dass wir zunächst die Veranstaltungen reduziert haben, dann die Schulen und Kindertagesstätten geschlossen haben und den Kontakt der Menschen untereinander noch stärker reduziert haben, um das Ausbreitungsgeschehen zu verlangsamen. In dem Moment, wo die Erkrankungsfälle, möglicherweise auch die Todesfälle, zunehmen, und die Zahl der beatmungspflichtigen Patienten steigt, dürfen Krankenhauskapazitäten nicht überfordert werden.

Die zweite große Aufgabe sind die Bereiche Material und Krankenhauskapazität. Wir kümmern uns darum, dass die Materialien beschafft werden, wie Masken und Schutzanzüge. Auf der anderen Seite fahren wir gerade die Bettenkapazitäten hoch, sorgen dafür, dass bayernweit die nicht notwendigen Operationen in den Krankenhäusern verschoben werden, sodass Bettenkapazitäten frei sind. Das muss zentral koordiniert werden. Die Sitzungen finden jeden Tag in der Staatskanzlei statt, teilweise werden manche auch per Videoschaltung dazu geschaltet. Der Präsident des Landesamtes für Gesundheit ist immer mit dabei für die Lageeinschätzung, ebenso der Innenminister. Es ist schon sehr generalstabsmäßig, aber anders geht es auch nicht. Es müssen jetzt alle Kräfte auf dieses Thema fokussiert werden. Auch der Ministerpräsident nimmt häufig an den Sitzungen teil.

Wie ist die Lage nach dem Wochenende mit verschärften Maßnahmen?

Der Eindruck, den wir hier haben, ist der, dass sich die Bürgerinnen und Bürger ganz überwiegend daran halten, die Botschaft ist angekommen. Es mussten keine Partys mehr aufgelöst werden. Natürlich wird auch entsprechend von der Polizei bestreift. Letztlich ist es doch so, dass sich für diejenigen, die bisher schon vernünftig waren, eigentlich keine weitere Einschränkung ergeben hat. Nur die Unvernünftigen, die haben jetzt klare Regeln.

Fahren sie überhaupt noch nach Hause?

Doch schon, aber außer meinem Zuhause und der Staatskanzlei sehe ich derzeit nichts anderes. Das ist aber auch gut für das Social Distancing.

Wie schützen Sie sich selber und auch die Mitarbeiter in der Staatskanzlei, damit der Betrieb weiterläuft?

Abstand halten, ich mache praktisch nur noch Video- und Telefonkonferenzen. Ich treffe keine externen Leute mehr. Ich wasche mir die Hände, so wie es sich gehört. Wir schauen auch, dass wir die Strukturen in der Staatskanzlei so aufbauen, dass sie resilient sind, dass manche immer im Homeoffice sind, während die anderen hier sind - falls jemand doch ausfällt, man sieht an der Kanzlerin, wie schnell das geht. Und ich mache überhaupt keine anderen Termine mehr: Erstens, weil der Krisenstab mich voll in Anspruch nimmt, aber auch weil es zu riskant wäre.

Gilt die am Sonntag auf Bundesebene vereinbarte Anweisung, dass sich nicht mehr als zwei Personen zusammen auf öffentlichen Grund aufhalten dürfen, auch in Bayern?

In Bayern gelten die Regeln, die am Samstag in Kraft getreten sind. Das ist die Ausgangsbeschränkung, die unterm Strich fast auf dasselbe herausläuft, was auf der Bundesebene besprochen wurde. Es sind hier alle unserem Vorbild gefolgt, soziale Kontakte so weit wie möglich zu reduzieren. Man soll nur noch aus dem Haus gehen, wenn man einen triftigen Grund hat, zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Spaziergehen, damit man an der frischen Luft ist. Aber wir sagen, maximal alleine oder mit der Familie. Wir sind da ein bisschen strikter. Da wollen wir auch nichts ändern, weil wir glauben, dass das Reduzieren der sozialen Kontakte eine ganz zentrale Maßnahme ist.

Wie groß ist die Gefahr, dass es doch noch zu einer flächendeckenden Ausgangssperre in Bayern kommt?

Man kann bei diesem Thema keine seriöse Prognose abgeben. Wir hören auf die Experten, wir hören auf die Virologen. Aus meiner Sicht ist das alles in erster Linie nicht Politik, sondern Biologie und Mathematik. Die exponentielle Entwicklung ist ein bestimmender Faktor und die Biologie, dieses Virus, das sich schneller verbreitet als andere, die höhere Infektiosität und die Folgen. Das sind unsere Parameter.

War es nicht widersinnig, Trimm-Dich-Pfade und Spielplätze abzusperren, während sich in den Städten die Menschen bei schönem Wetter in den Eisdielen drängten. Hätte man da nicht früher einschreiten müssen?

Das ist alles eine beispiellose Situation, die unsere Generation überhaupt nicht kennt. Da wägt man sehr genau ab. Das sind ja zum Teil schon sehr drastische Maßnahmen. Vor zwei Wochen habe wir noch überlegt, ob der Nockherberg stattfinden kann. Da gab es genug, die gesagt haben, was soll das denn, das kann man doch machen. Heute denkt kein Mensch mehr daran. Solche Entscheidungen fallen nicht leicht. Bayern ist ein sehr freiheitsliebendes Land und man muss sehen, wie die Bevölkerung reagiert.

Aber die Polizei kann ja jetzt nicht in jeden Partykeller schauen.

Man kann hier nur an die Vernunft appellieren. Wer die Beschränkungen umgehen will, der umgeht auch den Schutz seiner eigenen Gesundheit und gefährdet gerade diejenigen, die, wenn sie erkranken, besonders schwer darunter leiden, die Vulnerablen, die Älteren in unserer Gesellschaft, aber auch die mit Vorerkrankungen. Der eine, der das Virus hat und weitergibt, muss es nicht merken, hat womöglich gar keine Symptome und für den anderen ist es tödlich. Da muss eigentlich jeder auf die Idee kommen, dass es wichtig ist, sich wenige Wochen mal zurückzuhalten. Das ist sonst ein unsoziales Verhalten und ich hoffe, dass jetzt wirklich alle mitziehen.

Das Virus wird uns ja wohl noch länger beschäftigen, Schulen und Kindergärten kann man aber ja nun nicht ewig schließen? Man kann die Leute nicht ewig einschränken, die Polizei hat Angst vor dem Lagerkoller, hat man das im Blick?

Selbstverständlich, wir wollen Bayern ja nicht zusperren, darum ist es nur eine Ausgangsbeschränkung. Wir wollen nicht, dass ein Lagerkoller entsteht. Die Ausgangsbeschränkung ist zunächst für zwei Wochen angesetzt. Dann wird man sehen, wie sich die Lage entwickelt. Im Vordergrund steht die Verlangsamung des Ausbruchsgeschehens, um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Und gleichzeitig wird mit Hochdruck an der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gearbeitet. Wenn man mal so weit wäre, dass man mit den Folgen der Infektion besser umgehen kann, dann ist die Situation nicht mehr so dramatisch. Aber im Moment haben wir weder Medikament noch Impfstoff.

Wann könnte sich das ändern?

Ich kann es nicht beurteilen. Die Virologen reden beim Impfstoff von einem Zeitraum von einem Jahr, aber das ist Spekulation. Das ist ein weltweites Thema, alle Spitzenforschungseinrichtungen und auch die pharmazeutische Industrie arbeiten mit Hochdruck daran.

Was wäre in Ihren Augen denn der Worst Case?

Ich finde, dass die jetzige Situation schon sehr außergewöhnlich ist. Aber wenn man den Blick nach Italien richtet, dann sieht man, dass es immer noch schlimmer werden kann, wenn dort am Tag 800 Menschen sterben. Viel schlimmer kann ich es mir fast nicht vorstellen. Darum müssen unsere Maßnahmen jetzt wirken.

Und was wäre der Idealfall?

Dass möglichst schnell wirksame Gegenmittel entwickelt werden und dass die Maßnahmen jetzt auch möglichst rasch greifen.

Wenn das alles vorbei sein sollte, wie lange wird es dauern, bis alles wieder zur Normalität zurückkehrt?

Das ist eine gute Frage, die mich ehrlich auch beschäftigt, ohne dass ich eine echte Antwort darauf habe. Ich glaube, dass vieles anders sein wird als vorher. Wir haben gerade mit den medizinischen Themen zu kämpfen, mit der Frage, wie dämmt man die Ausbreitung ein. Aber die Implikationen gehen weit in unser wirtschaftliches Leben rein. Auch die Gesellschaft verändert sich ein Stück weit, vielleicht sogar auch positiv. Die wirtschaftlichen Folgen aber werden dramatisch sein. Wir spannen jetzt einen Schutzschirm von bis zu zehn Milliarden Euro über die Bayerische Wirtschaft und legen einen milliardenschweren Bayernfonds auf. Mit Ausfallbürgschaften und Soforthilfe bis 30 000 Euro sichern wir die Liquidität von Betrieben und retten so auch Arbeitsplätze. Wir tun alles, um Bayern gut durch die Krise zu bringen. Man muss jetzt viele Gegenmaßnahmen einleiten.

Darum glaube ich, Normalität, wie wir sie vor einigen Wochen noch gewohnt waren, wird so schnell nicht wieder eintreten. Wir werden die staatlichen Maßnahmen irgendwann zurückfahren, wenn es verantwortbar ist. Bayern wird auch nach der Krise noch da sein, aber es wird anders sein.

Was meinen Sie mit anders?

Es geht jetzt um Leben und Tod. Der Ministerpräsident sagt immer, das Ganze ist ein Charaktertest für unsere Gesellschaft. Es ist wirklich eine Herausforderung, wie sie meine Generation noch nie erlebt hat und wie sie vermutlich seit dem Zweiten Weltkrieg auch noch nicht da war.

© SZ vom 24.03.2020/vewo
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