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Gastronomie:"In der Krise muss man kreativ werden"

Mit einem Sonderbiergarten bessern zwei Gastronomen in Nördlingen ihre Kassen und die der Kommune auf.

(Foto: Privat)

Mit neuen Ideen versuchen Gastronomen, die Verluste in ihrer Branche wenigstens ein bisschen abzufedern. Viele verdienen aktuell zu wenig, um weiterzumachen.

Von Florian Fuchs

Während der Nördlinger Mess', einem 800 Jahre alten Volksfest, gibt es nicht nur ein spezielles Bier. Die Nördlinger essen aus diesem Anlass um Pfingsten herum auch immer gerne ihre Messwurst, benannt nach dem Volksfest, das aus einer jährlichen Messe hervorgegangen ist, zu der früher Kaufleute und Händler bis aus den Niederlanden nach Nördlingen pilgerten. Die Messwurst besteht aus Schweinefleisch, Jungrindfleisch und diversen anderen Zutaten, eigentlich ist sie eine lang geratene, feine Rostbratwurst. Und dieses Jahr hätte es sie beinahe gar nicht gegeben, so wie es die Nördlinger Mess' nicht geben wird.

Da trifft es sich ganz gut, dass ortsansässige Gastronomen eine findige Idee hatten: Uli Wenger und Christoph Groß - der eine betreibt ein Restaurant, der andere eine Bar - haben kurzerhand einen Sonderbiergarten direkt an der Nördlinger Stadtmauer eingerichtet - auf einer Wiese, die die Stadt zur Verfügung gestellt hat. Dort gibt es nun auch das Bier und die Würste, die es eigentlich auf dem Volksfest gibt. "In der Krise muss man kreativ werden", sagt Wenger, und da stehen sie in Nördlingen nicht alleine da. Um den Einschränkungen wegen des Corona-Virus zu trotzen, lassen sich Gastronomen landauf, landab so einiges einfallen, um über die Runden zu kommen. In Städten werden die Freischankflächen ausgeweitet, in Aschaffenburg hat eine Diskothek in ihren Räumen ein sogenanntes Pop-up-Restaurant eingerichtet. "Die Lage für Gastronomen ist immer noch dramatisch", klagt der Geschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, Frank-Ulrich John. Mit neuen Ideen sollen die Verluste in der Branche wenigstens ein wenig abgefedert werden.

Die Idee in Nördlingen wurde ja nicht geboren, um die Mess'-Spezialitäten unters Volk zu bringen, sondern um die Folgen des Shutdowns zu lindern. Und um mit den Einschränkungen danach zurecht zu kommen. "Zum Schwarzen Hirsch" heißt die Bar von Christoph Groß, die er immer noch nicht aufsperren kann. Uli Wenger hat in seinem Haus, im "Wengers-Brettl", 60 Terrassenplätze. Wegen der Auflagen kann er nur 30 bewirten. Also kam die Idee mit dem Biergarten auf. Die beiden fragten bei der Stadt an. Wenger kann gut mit den Anwohnern, weil er selbst dort wohnt, die hatten deshalb keine Einwände. Innerhalb von ein paar Tagen waren alle Genehmigungen da, die Verwaltung gab ihren Segen, der Stadtrat gab seinen, und Groß und Wenger begannen aufzubauen.

Sie holten noch einen Gastronom und einen Metzger ins Boot, zimmerten Bretterbuden auf die Wiese, stellten Tische und Bierbänke auf und Sonnenschirme dazu. Mit der Sonne war es nicht weit her am vergangenen Wochenende, als sie ihren Biergarten zum ersten mal probeweise für Gäste öffneten. "Wir waren überrascht, dass trotzdem so viele kamen", sagt Wenger. Sie haben offenbar einen Nerv getroffen bei den Nördlingern, bestimmt nicht nur, weil die nun nicht zum Volksfest gehen dürfen. Bis zum Herbst liegt eine Genehmigung vor für den Biergarten, der Umsatz soll helfen, um über die Runden zu kommen. 120 bis 150 Leute können sie momentan unterbringen, schätzt Wenger. Er hofft, dass die Auflagen noch etwas gelockert werden, dann dürften sie über den Sommer 200 bis 250 Gäste bewirten. "Und danach schauen wir weiter", sagt Wenger.

Dehoga-Geschäftsführer John hält die Initiative der Gastronomen in Nördlingen für vorbildhaft. "Es ist für viele schwierig, sich über Wasser zu halten", sagt er. Wo früher sechs Leute an einem Tisch gesessen hätten, dürften nun nur noch zwei oder drei Personen Platz nehmen. Gleichzeitig laufe ein Restaurant auf vollen Betriebskosten, es sei sogar finanziell aufwendiger als früher, alle Auflagen für Restaurants einzuhalten. Die Platzzuweisung, die Hygiene, der veränderte Service. "Wir haben Gastronomen, die machen etwa zehn Prozent ihres normalen Umsatzes", sagt John. Gerade hat der Verband eine erste Umfrage nach der Öffnung unter Hoteliers gemacht: 34 Prozent aller Hoteliers in Bayern machen demnach momentan ebenfalls nur zehn Prozent ihres normalen Umsatzes - ähnlich wie bei Gastronomen. "So kann kein Mensch einen Betrieb aufrecht erhalten", klagt John.

Der Verband der Hoteliers und Gastronomen fordert die Kommunen deshalb auf, bei den Freischankflächen so kulant wie möglich zu sein. Da geht es nicht nur darum, wie in Nördlingen bislang ungenutzte Flächen zur Verfügung zu stellen. John zielt vor allem auf Regelungen für Freischankflächen ab. In vielen großen und kleinen bayerischen Städten hat es dazu bereits Diskussionen in den Stadträten gegeben. "Wir freuen uns, dass sich die Kommunen aufgeschlossen zeigen." Manche Gemeinden lassen Restaurantbetreiber mehr Tische aufstellen als normalerweise erlaubt, auf größerer Fläche. Andere Kommunen erlassen die Gebühren für die Freischankflächen. Die Betreiber dankten es den Kommunen ja auch, betont John: über Steuern und andere Einnahmen für die öffentliche Hand.

Insofern dürfte sich die Stadtverwaltung in Aschaffenburg freuen, dass dort ebenfalls einfallsreiche Unternehmer im Gastrogewerbe tätig sind. Dort haben sich die Diskothek "Anna" und das Catering-Unternehmen "Oma Lore" zusammengetan und ein Pop-up-Restaurant eröffnet. Der Name: "Die Oma in der Disko". "Als Clubdiskothek dürfen wir derzeit nicht öffnen, aber als Restaurant. Unser Ziel ist es, durch unser Pop-Up-Restaurant die weggebrochenen Einnahmen aus dem Bar- und Clubbetrieb aufzufangen.", sagt Clubbetreiber Stephan Nolte in einer Dehoga-Pressemitteilung. Die Besucher dürfen zu festen Tischzeiten zum Essen kommen. Die Tanzfläche des Clubs ist zum Gastraum umgewandelt worden; und weil zu so einem Ambiente Musik passt, legt ein DJ auf.

© SZ vom 10.06.2020/vewo
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