AfD in Bayern:Ein Mann "ohne Berührungsängste"

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Als er Landeschef wurde, stellte er sich Journalisten als "freiheitlich, ohne richtiges Lager" vor. Tatsächlich ist er dem nationalistischen Flügel von Björn Höcke zuzuordnen; allerdings trägt er das nicht wie eine Monstranz vor sich her. Er arbeite "ohne Berührungsängste, egal gegenüber welchem Repräsentanten der AfD". Es gebe zudem Ausschluss-Kriterien, etwa für frühere NPD-Mitglieder: "Wer in der AfD ist, der steht voll auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung." Was sich hinterfragen lässt.

Ein Beispiel: Am Tag des Facebook-Beitrags zu Seehofer und Ramadan ist selbiges auch Thema im Profil eines unterfränkischen Bezirkstagskandidaten: "Dreckiger Heuchler und Vaterlandsverräter" steht dort darunter über Seehofer, neben einer schwarz-weiß-roten Reichsflagge in Herzform. Ein anderer zieht über Homosexuelle auf unflätigste Art und Weise her. Das alles ist Sicherts AfD, auch wenn man solche Ekelhaftigkeiten von ihm wohl nie hören wird. Er spricht oft davon, dass Schwule nur durch die AfD sicher seien im bald islamisierten Land.

Sichert war früher kurz in der SPD, zweimal in der FDP. Seine Verlobte ist Kurdin. Passt das zusammen? "Das passt wunderbar zusammen", sie sei Jesidin, anerkannte Asylbewerberin wegen "Verfolgung durch den Islam". Durch Zuwanderung kämen "großteils nicht Schutzbedürftige", sondern jene aus der muslimischen Bevölkerungsmehrheit, vor denen die Familie seiner Verlobten geflohen sei.

Am Samstag wird in Nürnberg Bundesparteichef Alexander Gauland sprechen, eine Woche nach seiner Äußerung, die Nazi-Zeit sei "nur ein Vogelschiss" in der Geschichte. Sichert findet den Satz "unglücklich", rügt aber, dass er "aufgebauscht" werde. Ihm selbst wird zuweilen ein Satz von 2012 vorgehalten, da hatte er in einer Reihe der "Massenmörder des 20. Jahrhunderts" Adolf Hitler vergessen.

Der Entwurf des Wahlprogramms fordert diplomatisch "ein ausgewogenes Bild der deutschen Geschichte" an Schulen. Im Entwurf stehen gravierende Reformen: Volksabstimmungen wie in der Schweiz, der Landtag soll halbiert und zum Teilzeit-Parlament werden (wie in Hamburg). Viel Raum nimmt die Migration ein: doppelte Staatsbürgerschaft abschaffen, abschieben, "starker" Grenzschutz. "Die CSU hofft, es kommt keine große Migrantenwelle mehr wie 2015. Statt für echte Grenzkontrollen zu sorgen, lässt sie aber die Grenze offen. Das ist verantwortungslos", sagt Sichert. Grenzschutz mit Schießbefehl? "Die Schusswaffe sollte vermieden werden", meint er. "Aber das ist die Falle, die einem immer wieder gestellt wird, dann ist auch stets die Rede von Kinderaugen. In Wirklichkeit sind es Horden junger Männer, die illegal eindringen."

Sichert sagt zum Wahlziel, "auch 20 Prozent für die AfD sind locker drin". Der strenge Kurs von Ministerpräsident Markus Söder in der Asylpolitik zahlt sich nach Umfragen noch nicht für die CSU aus. An der AfD-Basis hört man aber schon auch Sorgen, die CSU könne mit Söder abtrünnige Wähler zurückholen. 2017 hatten viele von einem "Denkzettel, dieses Mal" gesprochen, einer Anti-Merkel-Wahl. Daher hat nun die AfD ein Konstrukt erdacht. Sichert erklärt: "Wenn die CSU dank uns ein Desaster erlebt, dann wird in München Panik ausbrechen, der ganze Apparat wird Angst haben um seine Pfründe und keine andere Wahl haben, als die Bundesregierung zu verlassen. Und Merkel wird endlich abtreten."

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