Kabarettist Josef Hader im Gespräch "Das Blöde ist, ich will auch geliebt werden"

Kabarettist Josef Hader

Ein mäanderndes Interview über die vermeintliche Kriegsbegeisterung 1914, einen "teuflischen Schachzug" von Papst Franziskus, gesunde Hypochondrie und die fatale Profilneurose des österreichischen Kaisers Franz Joseph I.

Von Oliver Das Gupta

Josef Hader spielt Kabarett. Und nicht nur das. Der 1962 in Oberösterreich geborene Bauernsohn schauspielert auch noch und schreibt Allerlei. Manchmal gibt er Interviews, so wie das folgende, das kurz vor Weihnachten in München stattfand.

SZ.de: Herr Hader, ein idealer Politiker: Was sollte der können?

Josef Hader: Ich würde mir einen wünschen, der zwei, drei Visionen so formuliert, dass der normale Bürger sagt: Hätte ich im Moment nicht dringend gebraucht, ist aber eigentlich eine gute Idee. Und wird uns in zehn, zwanzig Jahren ziemlich weiterhelfen. Wenn ein Politiker seine Wähler auf die absurde Idee bringen könnte, eigene Bedürfnisse einmal kurz zurückzustellen, dann wär' er richtig gut. Passiert leider selten. Das liegt aber nicht nur an den derzeitigen Politikern, sondern auch an den derzeitigen Bürgern.

Sind die Bürger zu egoistisch?

Ein Beispiel aus Wien: Wir haben jetzt eine Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße. Das ist sinnvoll, weil es eine beliebte Einkaufsstraße ist, auf der viele Menschen herumlaufen. Deswegen nimmt jetzt ein erdgasbetriebener Bus einen anderen Weg, durch eine Gasse. Deren Anwohner haben sofort einen Sitzstreik veranstaltet. Das war wahrscheinlich die erste spontane politische Kundgebung in diesem sehr bürgerlichen Bezirk seit 1848. Da hätt' ich fast Lust bekommen, einen Wasserwerfer zu bedienen.

Jetzt sind Sie aber sauer.

Ich bin ja auch nicht anders. Demokratie interessiert uns oft nur dann, wenn wir für uns einen Vorteil durchboxen wollen. Wir sind Konsumenten, also konsumieren wir auch unsere Demokratie. Wir haben dreißig Prozent Nichtwähler, die stehen vor dem Stimmzettel wie im Supermarkt und sagen beleidigt: Für mich war ja gar nichts dabei. Als ob's darum ginge, das ideale Gemüse zu finden.

In Österreich kam bei den Parlamentswahlen zuletzt immer die große Koalition heraus, nun wurde ein 27-Jähriger als Außenminister installiert. Fühlen Sie sich gut repräsentiert?

Ich bin kein Anhänger von seiner Partei, glaube aber, dass er einer der Intelligentesten dort ist. Ich habe ja nicht generell etwas gegen Politiker. Ich ziehe meinen Hut vor denen, die versuchen, diesen Beruf anständig zu machen. Aber es sind oft die windschlüpfrigen Typen, die schnell aufsteigen. In Österreich haben wir an der Regierungsspitze zwei freundliche, äußerst bewegliche Sekretäre, die zuverlässig dafür sorgen, dass die Rechtspopulisten alle vier Jahre ein paar Prozentpunke mehr bekommen. Die hätten da nie hinkommen dürfen. Die hätten eigentlich Sekretäre bleiben sollen von irgendjemand anderem, der mehr Talent hat, mehr Überzeugungskraft, mehr Phantasie. Aber wo sind die? Wer kann so was? Haben wir grad eine schlechte Generation wie manchmal im Fußball? Könnten wir so was? Sind wir dran schuld, weil wir nicht in die Politik gehen?

Die Frage gebe ich an Sie zurück, Herr Hader.

Bei mir ist das einfach: Die Arbeit eines Politikers sollte nicht in die Hände von derart unsoliden Menschen gelegt werden. Aber das ist natürlich nur eine faule Ausrede.

Welche Wege hätte es für Sie persönlich vom elterlichen Bauernhof in Richtung Macht gegeben?

Früher konnten Bauernkinder wie ich Pfarrer werden, und damit theoretisch auch Bischof. Oder man wurde Funktionär beim Bauernbund und hatte damit die theoretische Chance, für die konservative Partei eines Tages österreichischer Bundeskanzler zu werden. Damals gab es nur die zwei Chancen. Oder man ist Bauer geblieben.

Heute gibt es andere Möglichkeiten.

Genau. Darunter leiden die traditionellen Aufstiegsmöglichkeiten. Die Politiker sind daher nicht mehr so intelligent wie vor 30 Jahren, und die Pfarrer auch nicht mehr.

Sie meinen, dass Politik und Kirche ein bisserl verblöden?

Warum sollte sich in den vergangenen 25 Jahren jemand, der intelligent ist und über Bodenhaftung verfügt, für eine berufliche Karriere in der katholischen Kirche entscheiden? Das wär doch ein Selbstmordkommando gewesen seit dem polnischen Papst, der alles Richtung 19. Jahrhundert gedreht hat. Und dann kam der bayrische, dessen größte Leistung darin bestanden hat, zurückzutreten. Ich sage das ganz ohne Ironie, das war ein wirklich großer Schritt. Kirchengeschichtlich wird er trotzdem eine Randfigur bleiben, das müssen die Bayern aushalten, dafür sind sie ja im Fußball sehr bedeutend.

Inzwischen amtiert Franziskus. Und stellt die Kurie auf den Kopf.

Der ist zum Beispiel ein guter Politiker, weil: Er ist ein Meister der Codes. Allein dass er den polnischen Papst und den Reformpapst Johannes XXIII. am selben Tag heiligspricht. Ein teuflischer Schachzug, echt jesuitisch! Franziskus haut den Erzkonservativen jede Woche etwas Neues vor die Nase, das ihren Ansichten vollkommen widerspricht. Und gerade weil sie so konservativ sind, müssen sie gehorchen. Jetzt sitzen sie in ihren Palästen und weinen leise vor sich hin, wie der Ratzinger-Vertraute Georg Gänswein. Die Tatsache erfüllt mich mit einer richtig unchristlichen Schadenfreude. So einen Politiker, wie der neue Papst einer ist, würde ich Österreich wünschen. Deutschland auch.

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Ist Franziskus ein idealer Politiker?

Er kann Visionen formulieren. Und ist Schlitzohr genug, sie durchzusetzen. Er nützt jede Gelegenheit, um sich als Bischof von Rom zu präsentieren. Und nicht als oberster Chef einer Weltkirche. Sein großes Ziel ist Dezentralisierung. Er weiß auch, dass er vielleicht nicht gar so viel Zeit hat. Also setzt er alles in Bewegung, um so schnell wie möglich etwas von der Macht des Papstes auf die Kontinente und in die Diözesen zu verteilen. Weil er weiß, dass dieser Prozess auch nach seinem Tod nicht mehr so einfach rückgängig gemacht werden kann. Weil, wenn die Macht einmal verteilt ist, kann man sie nur schwer wieder einsammeln. Das ist wie mit Quecksilber, wenn ein Fieberthermometer zersprungen ist.

Sind Sie wieder gerne Katholik?

Ich bin nicht Katholik. Ich bin Kirchenbeitragszahler.

Sind noch Emotionen vorhanden?

Es ist, wie wenn man ein Fußballspiel verfolgen würde von zwei Mannschaften, wo man eine sympathischer findet als die andere. Aber man ist kein richtiger Anhänger mehr.

Also nicht Rapid Wien gegen Austria Wien?

Eher wie Bayern München gegen Chelsea. Man ist nicht auf Seiten derer, die den Beton anrühren. Aber wenn sie gewinnen, ist es auch keine Tragödie. Emotional bin ich nicht involviert.