Landespolitik Die SPD ist heute mal so richtig cool

"Die beste Kandidatin, die sich die Bayern-SPD nur wünschen kann", sei Natascha Kohnen, sagt Markus Rinderspacher (rechts). Sie "verkörpert den neuen politischen Stil, den Bayern braucht", ergänzt Generalsekretär Uli Grötsch (links).

(Foto: Florian Peljak)
  • Der Parteivorstand der Bayern-SPD hat Landeschefin Natascha Kohnen als Spitzenkandidatin für die Landtagswahl nominiert.
  • Der Zeitpunkt überrascht: Eigentlich sollte die Personalie erst 2018 geklärt werden.
  • Die SPD hatte bei der Bundestagswahl in Bayern nur 15,3 Prozent geholt und will nun mit Kohnen "der Herrenriege CSU den denkbar stärksten Kontrast gegenüberstellen."
  • Auch deutschlandweit soll Kohnen eine wichtigere Rolle spielen: Anstelle der bisherigen Parteivize Aydan Özoguz soll sie stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende werden.
Von Johann Osel

Draußen pfeift der Novemberwind ungemütlich durchs Münchner Universitätsviertel, drinnen bei der SPD gibt es warme Getränke und noch viel wärmere Worte. Am Sonntag hatte der Parteivorstand recht spontan Landeschefin Natascha Kohnen als Spitzenkandidatin für die Landtagswahl nominiert, nun stellt sie sich offiziell als eben solche vor. Eine Buchhandlung mit Lesecafé, auf drei Stühlen in einer Ecke sitzen Kohnen, Fraktionschef Markus Rinderspacher und Generalsekretär Uli Grötsch.

Dahinter Bücher über Bücher, über die Geschichte des deutschen Hip-Hop, über den linken Soziologen Michel Foucault; neben dem Trio sitzen Studenten vor Notebooks, riesige Kopfhörer, Chai Latte schlürfend. Lässige Weltmusik im Hintergrund, sie verstummt, als Kohnen das Wort ergreift. Zuerst zum ungewöhnlichen Ort für eine politische Pressekonferenz: Sie fühle sich hier sehr wohl, sei im Viertel aufgewachsen. "Einfach mittendrin, ich mag das." Und sie wolle generell, "raus aus den alten Schienen". Vielleicht soll das Ganze sagen: Die SPD ist heute mal so richtig cool. Man stehe für "ein frisches Bayern", sekundiert Grötsch. Zumindest für eine frische Personalie, das stimmt.

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Es war eine überraschende Meldung, die am Sonntagabend die Runde machte: Die SPD zieht mit Kohnen in die Landtagswahl im kommenden Jahr. Der Landesvorstand nominierte sie einstimmig, endgültig entscheiden muss ein Parteitag. Dass sie das Rennen machte - im Gespräch war auch Rinderspacher -, war nicht das Überraschende, es hat sich abgezeichnet. Aus heiterem Himmel kam der Zeitpunkt: Eigentlich sollte das erst 2018 geklärt werden. So wussten Vorstandsmitglieder tagsüber noch nicht, was sie später beschließen, ja, dass sie überhaupt derlei beschließen.

Am frühen Abend taten Grötsch und Kohnen die Nominierung kund. "Sie verkörpert wie keine andere den neuen politischen Stil, den Bayern braucht", schrieb der Generalsekretär in einer Mail an die "lieben Genossinnen und Genossen". Die 50-Jährige teilte mit: "Ich bin bereit voranzugehen." Sie wolle glaubwürdige Antworten geben auf Fragen, die Bayerns Bürger umtrieben, wie: bezahlbarer Wohnraum, Druck im Arbeitsleben, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Integration.

"Es kann nicht eine oder einer richten, das können nur alle gemeinsam", sagt Kohnen zur Rekonstruktion der Geschehnisse vom Sonntag. Die 60 000 Mitglieder, Bürgermeister, Landräte, Mandatsträger - alle müssten "ranklotzen in den nächsten Monaten". Allerdings müsse "eine oder einer vorangehen", das habe sie klargemacht im Vorstand. Dass "eine" vorangehen solle und dass das entschieden werde, sei aus dem Vorstand gekommen. Man habe darauf gewartet, ergänzt Grötsch, dass Kohnen sage, sie habe "Lust voranzugehen".

Es ist kuschelig in der Stuhlgruppe in der Buchhandlung, man rückt eng zusammen, auch verbal. Rinderspacher hört Kohnen zu, leicht schmachtender Blick. Dann ist er dran, es folgt eine Laudatio. Kohnen setzt den leicht schmachtenden Blick auf, lauscht, gefaltete Hände, Ansatz von Grinsen. Man habe "die beste Kandidatin, die sich die Bayern-SPD nur wünschen kann", sagt Rinderspacher. Sie habe "menschliche Wärme", "Dranbleiberqualitäten" und "starken Rückhalt in unserer Partei"; so habe sie sich bei der Mitgliederbefragung als Parteichefin gegen fünf männliche Konkurrenten durchgesetzt.

Später wird er per Pressemitteilung ergänzen, wohl vergessen in der freien Rede: "Es ist ein bestechender Gedanke, dass wir mit Natascha Kohnen der Herrenriege CSU den denkbar stärksten Kontrast gegenüberstellen." Das heiße: "abgehobene Männerdominanz der Konservativen" contra "progressive Frauenpower". Die Spitzenkandidatur sei auf Kohnen "zugelaufen, und zwar in großen Schritten". Und eigene Ambitionen? Gab es einen Zeitpunkt, an dem er den Gedanken der Spitzenkandidatur beerdigt hat?

Im Sommer, im Wahlkampf habe er an der Basis das Bedürfnis erkannt, dass eben Kohnen ins Rennen gehen soll. "Sie versteht es ganz offensichtlich, Menschen mitzunehmen." Eine Kampfkandidatur oder dergleichen sei für ihn ausgeschlossen gewesen.

Wie geht es weiter? Die Menschen hätten "den Wunsch an die Politik: Stellt mein Leben in den Mittelpunkt!", sagt Kohnen. Menschen hätten "das Gefühl, sie rackern sich ab und am Ende des Tages können sie sich die Miete nur knapp leisten". Das seien "die Menschen, die wir ansprechen, die wir gewinnen wollen". Auch brauche es einen Entwurf für den Sozialstaat im "digitalen Kapitalismus". Nach dem Desaster bei der Bundestagswahl mit nur 15,3 Prozent im Freistaat hatte Kohnen gesagt, die SPD müsse sich wieder an ihren Grundwerten orientieren: "Manche nennen es Linksruck." Schnell stieß das auf Skepsis, Kohnen stellte daraufhin klar, sie wolle nur linke Positionen der SPD verstärkt betonen.

Im Wahlkampf, sagt sie nun, habe man an den Ständen oft gehört: "Ihr seid sympathisch, Mindestlohn und so weiter - mehr aber nicht." Sie stehe für "Erkennbarkeit der SPD", beim "Wert der Menschlichkeit". Ein Linksrutsch? Die Frage umschifft Kohnen auch jetzt. Jedenfalls wolle sie eine "streitbare SPD" im Landtagswahlkampf. Den soll der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel mit seiner Agentur begleiten. Rinderspacher glaubt: "Es ist was drin für uns." Freilich: Bei der jüngsten Forsa-Umfrage fällt die CSU auf 38 Prozent, die SPD profitiert davon nicht, liegt bei 17 Prozent. Diesbezüglich fährt die Partei auf altbekannten Schienen.

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