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Textilienangebot der Discounter:"500 Tote durch Arbeitsunfälle"

Untermauert wurde die Klage durch die Studie Alams, die auf der Befragung von Näherinnen in den vier Unternehmen beruhte. Den darin enthaltenen Aussagen hatte Lidl so wenig entgegenzusetzen, dass der Discounter schon nach kurzem Prozessverlauf die Waffen streckte: Die Neckarsulmer verpflichteten sich, die umstrittene Werbung zurückzuziehen - das in Aussicht gestellte Ordnungsgeld von 50.000 Euro ersparte sich der Discounter lieber.

Geiz ist grausam

Khorshed Alam, Leiter des Instituts AMRF (Alternative Movement for Resources and Freedom Society): "Die Näherinnen müssen je nach Bedarf massiv viele Überstunden leisten und erhalten dabei einen Lohn, der bei weitem nicht zum Überleben reicht."

Doch den Näherinnen selbst nutzte das offenbar wenig. Alam zufolge arbeiten sie nach wie vor meist sieben Tage in der Woche. Mindestens zwei Überstunden pro Tag seien die Regel, oft seien es fünf und mehr Stunden. Wenn es die Auftragslage erfordere, müssten die Näherinnen auch Nachtschichten einlegen. Die gesundheitliche Gefährdung an den Arbeitsstätten sei zudem hoch: "In den vergangenen 20 Jahren hatten wir 500 Todesfälle durch Arbeitsunfälle", rechnet der Sozialwirt vor.

Beschimpfungen durch Vorarbeiter

Die Gründung von Gewerkschaften sei aber überaus gefährlich. Arbeitnehmeraktivisten würden bedroht und sofort aus den Unternehmen entfernt. "Obwohl Lidl sich im Rahmen des europäischen Gemeinschaftskodex Business Social Compliance Initiative (BSCI) verpflichtet hat, die Sozialstandards in den Produktionsländern zu verbessern, sieht die Realität anders aus," kritisiert der Wissenschaftler.

Arifa Akter hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, in Zuliefererbetrieben der westlichen Textilindustrie Hemden und Hosen zu nähen. Mehr als 20 Jahre arbeitete die 36-Jährige als Näherin in verschiedenen Textilfabriken Dhakas, bevor sie 2003 zur Gewerkschaftsfunktionärin wurde. Im Alter von zehn Jahren habe sie als Helferin für einen Monatslohn von 300 Taka (knapp über drei Euro) zu arbeiten begonnen. "Als ich dann schon etwas erfahrener war, habe ich die Arbeitgeber gewechselt und so den Lohn erst auf acht, dann auf 17 Euro und schließlich auf 30 Euro im Monat gesteigert."

Die reguläre Arbeitszeit habe von acht bis 17 Uhr gedauert. Oft seien dann noch Überstunden bis 22 Uhr angehängt worden, berichtet die Mutter von drei Kindern. "Wenn wir den Vorgesetzten nach der Bezahlung der Überstunden gefragt haben, wurden wir häufig hingehalten." Beschimpfungen der Vorarbeiter hätten zur Tagesordnung gehört, wenn die gewünschte Arbeitsleistung nicht erbracht worden sei. Selbst der Monatslohn einer qualifizierte Näherin von 30 Euro habe zum Leben nicht ausgereicht. "Eine Ein-Zimmer-Wohnung kostet in den Slums von Dhaka etwa 20 bis 25 Euro, ein Kilo Reis von schlechter Qualität liegt bei 37 Cents - da kam ich mit meinem Gehalt häufig nur einen halben Monat lang über die Runden." Die Hilfsorganisation Oxfam bestätigt diese Aussage auf Anfrage von sueddeutsche.de weitgehend. Der existenzerhaltende Lohn liege in Bangladesch bei mindestens 4800 Taka (48,97 Euro) pro Monat, sagt Oxfam-Expertin Marita Wiggerthale.

Polizei schlägt Demonstrationen nieder

Trotz der unmenschlichen Arbeitsbedingungen hielten die Näherinnen in den vergangenen Jahren überraschend lange ruhig - die Angst vor dem Jobverlust ist in einem Land einfach viel zu groß, das neben der Landwirtschaft kaum einen anderen Industriezweig als die Textilproduktion besitzt. Doch im Juni diesen Jahres riss dann selbst bei den geduldigen Sklavinnen der Mode der Geduldsfaden. Die pure Not trieb sie zu Tausenden auf die Straßen Dhakas, wo die Demonstrantinnen von Hundertschaften der Polizei mit Knüppeln, Tränengas und Wasserwerfern traktiert wurden. Vor dieser Gewalt kapitulierten die Näherinnen mit ihrer Forderung eines monatlichen Mindestlohnes von 5000 Taka (etwa 51 Euro) schließlich. Stattdessen gestanden ihnen die Textilfabrikanten ein Mindest-Almosen von 30 Euro zu.