Energie:Der Preis des Mutes

Nachhaltigkeitsgipfel

SZ-Ressortleiter Marc Beise in der Diskussion mit Ökonomin Veronika Grimm, Wacker-Chef Christian Hartel, Investorin Eveline Steinberger-Kern und SWM-Chef Florian Bieberbach (v. li.)

(Foto: Friedrich Bungert)

Die Energiewende kommt. Bleibt die Frage, wie viel sich das Industrie und Verbraucher kosten lassen wollen - und können.

Von Stephan Radomsky, München

Mit dem Mut ist es so eine Sache: Ihn von anderen einzufordern, ist leichter, als ihn selbst zu haben. Und nimmt man ihn dann zusammen, ist es klug, darauf zu achten, dass er nicht in Übermut umschlägt. Wie schnell eines da ins andere gleitet, zeigt eines der größten industriepolitischen Projekte der vergangenen Jahrzehnte: die Energiewende.

Knapp zwei Drittel des Stroms in Deutschland soll bis zum Jahr 2030 aus erneuerbaren Energien kommen, dem Klima zuliebe. So hat es die Bundesregierung beschlossen. Allerdings wird das Land bis dahin auch deutlich mehr Elektrizität brauchen, als bisher angenommen: Auf 645 bis 665 Terawattstunden schätzt die Bundesregierung den Bedarf inzwischen - deutlich mehr, als zuvor angenommen. Das musste Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erst vor wenigen Tagen einräumen.

Dieser enorme Bedarf kommt längst nicht nur aus dem Verkehr, der sich immer schneller von Verbrennungs- auf Elektromoren umstellt, wahlweise angetrieben von Batterien oder Brennstoffzellen. Er kommt zum großen Teil auch aus der Industrie: "Strom ist die Antwort auf die Klima-Thematik", sagt etwa Christian Hartel. Seit Mai ist er Chef des Chemiekonzerns Wacker. Für ihn und seine Branche liegen darin Verheißung und Risiko zugleich: Die Chemieindustrie gehört zu den größten Energieverbrauchern in Deutschland. Knapp 4000 Gigawattstunden verbrauchte beispielsweise allein Wacker im Jahr 2018 an seinen deutschen Standorten. Gut ein Drittel des Strombedarfs erzeugte der Chemiekonzern in zwei eigenen Kraftwerken, den Großteil aber kaufte das Unternehmen von Stromerzeugern zu.

Hartels Forderung ist deshalb klar: "Macht einfach billigen grünen Strom - dann wird sich ganz viel von selbst finden." Ob sein und andere Unternehmen mit hohem Energiebedarf in Deutschland bleiben könnten, hänge letztlich davon ab, wie sich die Energiepreise hier im Vergleich zu anderen Ländern entwickeln. "Wir werden höhere CO₂-Preise sehen und das ist auch sinnvoll." Die Kosten dürften aber nicht nur hier steigen, sondern "im globalen Gleichklang".

"Je größer das industriepolitische Portfolio, desto größer die Wertschöpfung in Europa."

Damit das mit dem günstigen grünen Strom funktioniert, müssten Kohle, Öl und Gas aber teurer werden. "Die fossilen Energieträger sind immer noch viel zu billig", sagt Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München (SWM). Insgesamt vier Windparks auf See betreibt der Versorger gemeinsam mit Partnern derzeit, hinzu kommen Windräder an Land in mehreren Bundesländern sowie im europäischen Ausland. Bis 2025 wolle man so viel Ökostrom erzeugen, wie in München und dem Umland insgesamt verbraucht werde, sagt Bieberbach. Bisher liege man bereits bei 70 bis 80 Prozent. Nur sei der Druck vonseiten der Politik noch immer viel stärker als von den Abnehmern: "Versorgungssicherheit und Preis sind unseren Kunden oft immer noch wichtiger als Ökologie", sagt Bieberbach. Und diese Kunden, das seien bei den SWM zu mehr als zwei Dritteln Industrie, Gewerbe und öffentliche Hand.

Dass Solar- und Windenergie trotz allem heute schon wettbewerbsfähig sind, zeigten private Investitionen, sagt Eveline Steinberger-Kern. 2014 hat die ehemalige Energie- und Siemens-Managerin den auf Energiewende und Digitalisierung spezialisierten Start-up-Inkubator The Blue Minds Company gegründet. "Es gibt immer mehr Risikokapital, das in diese Richtung geht." Diese Investoren hätten typischerweise aber einen Zeitrahmen von sieben bis zehn Jahren, zu kurz für viele Technologien. Hier müsse der Staat Grundlagen schaffen, die er später auch gewinnbringend einsetzen kann.

Die Politik solle deshalb mehr Mut zur großen Linie zeigen. Ihre Fördermittel müsse sie weniger kleinteilig hier und dort verteilen, fordert Veronika Grimm. Die Ökonomin ist ausgewiesene Energie-Expertin und seit vergangenem Jahr Mitglied der "Wirtschaftsweisen", einem der wichtigsten Berater-Gremien der Bundesregierung. Statt auf einzelne Projekte, sagt sie, sollten die Staaten die Rahmenbedingungen setzen - und dann den Unternehmen die konkreten Entscheidungen überlassen. "Je größer das industriepolitische Portfolio, desto größer die Wertschöpfung in Europa." Es brauche deshalb auch den politischen Mut, beispielsweise die Technologien für batterie- und wasserstoffbetriebene Fahrzeuge aufzubauen.

Dass sich Wertschöpfungsketten und damit Industrien auch im besten Fall in den kommenden Jahrzehnten verlagern, davon ist Ökonomin Grimm dennoch überzeugt. "Wir dürfen da nicht zu sehr auf Bestandssicherung setzen", fordert sie. Viel mehr müssten rechtzeitig wirtschaftliche alternativen aufgebaut werden - und der Staat sein Geld dorthin lenken, wo es für die Zukunft produktiv sei. Auch das eine Entscheidung, die Mut verlangt.

© SZ
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