Tarifverhandlungen:Darauf haben sich die Metaller geeinigt

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Tarifverhandlungen: Warnstreik der IG Metall in Sachsen: Die Gewerkschaft fordert 8,2 Prozent mehr Lohn.

Warnstreik der IG Metall in Sachsen: Die Gewerkschaft fordert 8,2 Prozent mehr Lohn.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Der in NRW ausgehandelte Tarifvertrag soll im Grundsatz auch für andere Regionen übernommen werden. Eine klassische prozentuale Lohnerhöhung gibt es nicht. Trotzdem setzen die Gewerkschafter einiges durch, etwa eine jährliche Sonderzahlung.

Von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Am Ende einer langen Nacht steht ein Durchbruch bei den Tarifverhandlungen für die knapp vier Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Deutschland. Zehn Stunden haben IG Metall und Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen gerungen, in einer Tarifrunde, die lange Zeit festgefahren schien. Das Ergebnis nun ist eines, bei dem beide Seiten Erfolge für sich reklamieren können.

Die IG Metall hat für die Beschäftigten eine einmalige Corona-Prämie von 500 Euro herausgeholt. Hinzu kommt eine jährliche Sonderzahlung. Für 2022 liegt sie bei 18,4 Prozent eines Monatsgehalts. Von 2023 an steigt sie auf 27,6 Prozent. Mit dieser Sonderzahlung gelingt der IG Metall auch der Einstieg in die sogenannte "Vier-Tage-Woche" mit Teillohnausgleich, die sie während der Verhandlungen vehement gefordert hatte. In Firmen, in denen es schlecht läuft, soll das Geld dazu verwendet werden, die Löhne der Beschäftigten auszugleichen, nachdem diese ihre Arbeitszeit reduziert haben.

Die Arbeitgeber erreichten ihr Ziel, dieses Jahr eine klassische prozentuale Lohnerhöhung zu verhindern. Außerdem setzten sie durch, dass die Löhne erstmals automatisch nach Lage der Firma differenziert werden. So kann ein früher vereinbartes, jährliches Zusatzgeld von 400 Euro (der sogenannte T-Zug-B) entfallen, wenn das Ergebnis einer Firma schlecht ausfällt. Die Arbeitgeber dürften außerdem positiv verbuchen, dass der Tarifvertrag bis September 2022 gilt, also relativ lange. Dies gibt den Betrieben Planungssicherheit.

Historischer Umbruch sorgt für Unsicherheit

Die Tarifrunde begleiten Sorgen um die Arbeitsplätze, nachdem die Branche zuvor goldene Jahre erlebt hatte. Binnen zehn Jahren waren bei Metall und Elektro mehr als 600 000 Stellen entstanden. Doch inzwischen ist davon etwa jeder vierte Job wieder verschwunden. Der historische Umbruch in der Autobranche weg vom Verbrennungsmotor sorgt ebenso für Stellenverluste wie die Corona-Krise. Laut Unternehmen wurden 2020 weltweit ein Viertel weniger Autos verkauft als zwei Jahre zuvor. Mancher Betrieb begann, Beschäftigung in billigere Länder zu verlagern, etwa nach Osteuropa.

"Wenn nichts passiert, könnten in den nächsten Jahren noch mal 200 000 Jobs verloren gehen", warnte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vergangenes Jahr. Bei einer Umfrage der Gewerkschaft hielt jeder vierte Beschäftigte seine Stelle für gefährdet. In der Autobranche war es sogar fast die Hälfte. Viel mehr Arbeitnehmer als bei früheren Befragungen nannten es zentral, Jobs zu sichern. Dies war ein wichtiger Grund, warum die Gewerkschaft in der Tarifrunde auf eine Vier-Tage-Woche pochte. Eine Verkürzung der Arbeitszeit soll Entlassungen verhindern.

Die Unternehmen zogen aus der Situation einen anderen Schluss. Sie argumentieren, Arbeitsplätze ließen sich nur durch niedrigere Kosten erhalten. "Viele Unternehmen haben Verlagerungspläne ins Ausland in der Schublade", sagte Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf am Wochenende. "Wenn sich die Wettbewerbssituation nicht bessert, müssen wir damit rechnen, dass weitere Hunderttausende Jobs ins Ausland verlagert werden."

Die Arbeitgeber forderten deshalb lange eine Nullrunde bei den Löhnen dieses Jahr und Kostensenkungen. Die IG Metall verwies darauf, dass es zahlreichen Betrieben wieder sehr gut gehe - und Sektoren wie die Medizintechnik gar keine Einbußen hatten. Außerdem seien höhere Löhne nötig, um die Volkswirtschaft anzukurbeln. So begründete die Gewerkschaft ihre ursprüngliche Forderung nach vier Prozent mehr Geld - aufgeteilt in eine allgemeine Lohnerhöhung und einen Lohnausgleich für jene Beschäftigten, die wegen einer Vier-Tage-Woche weniger arbeiten. Diese sehr unterschiedlichen Positionen zogen die Tarifrunde in die Länge.

Die anderen Bundesländer oder Tarifbezirke werden den Tarifvertrag wohl im Grundsatz übernehmen

Es ist erst die zweite bedeutende Tarifrunde, die unter Corona-Bedingungen stattfindet - nach der Runde für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen vergangenen Herbst. Die Pandemie wirkte sich auch auf die Warnstreiks aus: Statt den üblichen Kundgebungen trafen sich die Streikenden zu Livestreams oder Autokorsos. Nach Gewerkschaftsangaben nahmen trotz der Kontaktbeschränkungen 800 000 Beschäftigte teil, ein vergleichsweise hoher Wert.

Eigentlich hätte die Runde schon im März 2020 stattfinden sollen, wegen der aufziehenden Pandemie einigten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber damals jedoch auf einen Notabschluss mit Nullrunde. Umso wichtiger war es der IG Metall, nun etwas für die knapp vier Millionen Beschäftigten herauszuholen. Die Umwälzungen in der Automobilbranche und die Corona-Krise sind zwei Gründe dafür, dass es diesmal deutlich weniger Geld für die Metaller gibt als in früheren Jahren.

2018 hatten die Gewerkschafter sechs Prozent gefordert und am Ende bei 4,3 Prozent abgeschlossen, plus Sonderzahlungen. In diesem Jahr hatten sie nur vier Prozent gefordert. Rechnet man die neue jährliche Sonderzahlung in eine monatliche Erhöhung um, liegt diese nach Gewerkschaftsangaben bei 2,3 Prozent.

Rechtlich gesehen gilt der Abschluss zunächst nur für Nordrhein-Westfalen. De facto wird er jedoch von Arbeitgebern wie Gewerkschaftern als sogenannter Pilotabschluss angesehen. Die anderen Bundesländer oder Tarifbezirke werden ihn aller Voraussicht nach im Grundsatz übernehmen - wobei es wegen regionaler Besonderheiten im Detail noch Unterschiede geben kann. Traditionell wird der Pilotabschluss in Baden-Württemberg oder in Nordrhein-Westfalen verhandelt, den beiden Regionen, in denen die Metall- und Elektroindustrie besonders bedeutend ist. Auch das wirtschaftsstarke Bayern kam schon einmal zum Zug.

Beide Seiten hatten angestrebt, sich noch vor Ostern zu einigen. Die Unternehmen beklagten Einbußen durch die Warnstreiks. Die Gewerkschafter fürchteten, durch weitere Streiks die Erwartungen ihrer Mitglieder zu schüren - und diese dann angesichts der schwierigen Verhältnisse in der Industrie nicht mehr erfüllen zu können. Hinzu kamen Zweifel, wie lange der Rückhalt für die Streiks noch stark geblieben wäre in Zeiten, in denen die Corona-Inzidenzwerte wieder stark ansteigen.

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