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Rezession:"Die Vier-Tage-Woche wäre die Antwort"

Joerg Hofmann Erster Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall IG Metall posiert fuer ein Fo
(Foto: Florian Gaertner/imago)

Jörg Hofmann, der Chef der IG Metall, plädiert dafür, Jobs durch eine kürzere Arbeitszeit zu retten. Das sei auch im Sinne der Unternehmen. Beim Corona-Konjunkturprogramm müsse die Bundesregierung wohl nachbessern.

Interview von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Die Zeiten könnten leichter sein für Jörg Hofmann. Der 64-Jährige ist Chef der IG Metall mit ihren mehr als zwei Millionen Mitgliedern, von denen sich nun viele Sorgen machen: Hunderttausende Jobs gelten als gefährdet.

SZ: Herr Hofmann, wie schlimm trifft Corona die deutschen Arbeitnehmer?

Jörg Hofmann: Wir sehen einen einmaligen Einbruch des Weltmarkts. Der Tiefpunkt dürfte, wenn es zu keiner zweiten Welle kommt, hinter uns liegen. Aber die Erholung wird lange dauern.

Finden Sie, die Regierung tut genug?

Die Regierung hat konsequent gehandelt. Der Arbeitsmarkt ist einigermaßen stabil, die Binnennachfrage wurde gestärkt. Deutschland steht international gut da.

Ihr Vorstandskollege Jürgen Kerner hält in der Metallbranche 300 000 Jobs für bedroht. Firmen wollten unter dem Deckmantel der Pandemie Stellen abbauen.

Die Rezession vermischt sich jetzt mit dem Strukturwandel. Corona beschleunigt die Digitalisierung, und die Autoindustrie verändert sich in Richtung Elektromobilität. Das zusammen gefährdet massenhaft Arbeitsplätze. Da ist die Regierung gefordert.

Was stellen Sie sich denn vor?

Kleine und mittlere Unternehmen brauchen leichteren Zugang zu Eigenkapital, sonst droht eine Insolvenzwelle, oder sie werden Opfer von Schnäppchenjägern. Um Arbeitsplätze zu sichern, sollte die Regierung die Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate verlängern. Branchen wie Maschinenbau oder Luftfahrtindustrie werden lange unterausgelastet sein, wollen aber ihre Fachkräfte halten.

Aber es reicht doch nicht, nur nach der Politik zu rufen.

Nein. Die Unternehmen sollten Kurzarbeit jetzt stärker mit Qualifizierung verbinden, um die Menschen fit zu machen für den Arbeitsmarkt von morgen. Wir brauchen aber auch neue, durchsetzbare Ideen. Ich stelle den Vorschlag zur Diskussion, in der kommenden Tarifrunde eine Vier-Tage-Woche als Option für die Betriebe zu vereinbaren. Die Kurzarbeit ist dazu da, den Konjunktureinbruch abzufedern. Die Vier-Tage-Woche wäre die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie. Transformation darf nicht zur Entlassung, sondern muss zu guter Arbeit für alle führen. Damit lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben. Unternehmen wie Daimler, ZF und Bosch vereinbarten gerade kürzere Arbeitszeiten. Künftig sollte allen Betrieben der Metall- und Elektroindustrie dieser Weg offenstehen. Mit einem gewissen Lohnausgleich für die Beschäftigten, damit es sich die Mitarbeiter leisten können, mit Anreizen, diese freie Zeit für berufliche Fortbildung zu nutzen.

2018 setzte die IG Metall schon eine 28-Stunden-Woche für zwei Jahre durch. Aber wer weniger arbeitet, verdient weniger. Das kann sich mancher nicht leisten. Warum sollten die Arbeitgeber jetzt anders als damals einen Lohnausgleich zugestehen, mitten in einer Wirtschaftskrise?

2018 gab es einen teilweisen Lohnausgleich für Beschäftigte, die sich für die zusätzlichen acht freien Tage entschieden. Die sind mehr wert als die vereinbarte zusätzliche Zahlung. Ich bin optimistisch, dass wir auch diesmal eine Lösung in der Kombination von Zeit und Geld finden. Auch die Arbeitgeber haben Vorteile: Weniger variable Lohnkosten, erwiesen höhere Produktivität.

Das haben Sie 2018 auch schon gesagt.

Wir stehen am Beginn der Debatte. Überall, wo ich die Idee einer Vier-Tage-Woche anspreche, stößt das auf große Zustimmung. Ich sehe nicht unbedingt einen Konflikt mit den Arbeitgebern. Zumal aktuell die Betriebe ein Interesse haben, Arbeitszeit zu reduzieren statt zu entlassen. Das sichert Fachkräfte und spart zum Beispiel Kosten für einen Sozialplan.

CSU-Chef Markus Söder fordert zusätzliche Stützprogramme für Exportbranchen. Finden Sie das gut?

Alles, was Jobs sichert, ist gut. Die Frage ist, was Sinn macht. Wenn die Wirtschaft nach der Urlaubszeit wieder läuft, müssen wir die Lage betrachten. Mein Gefühl ist: Die Regierung muss dann beim Konjunkturprogramm nachsteuern.

Sind Sie noch sauer auf die SPD, die beim ersten Konjunkturprogramm eine Kaufprämie für alle Autos verhinderte?

Wir wollten eine Innovationsprämie, die sowohl den Beschäftigten der Branche wie dem Klima hilft und die Hersteller in die Verantwortung nimmt. Aber jetzt schauen wir nach vorne.

Kommt die IG Metall inzwischen besser mit der CSU klar als mit der SPD?

Wir halten als Einheitsgewerkschaft Distanz zu allen Parteien. Dass ich als Sozialdemokrat besser mit der SPD harmoniere als mit der CSU, ist klar. Aber wenn Herr Söder die Interessen der Beschäftigten in der Autobranche energisch vertritt, habe ich nichts dagegen (lacht).

Ist die deutsche Autoindustrie auf die Transformation hin zur Elektromobilität gut vorbereitet? Oder werden die neuen Weltmarken Tesla und Co. heißen?

Die deutsche Industrie ist insgesamt gut vorbereitet. Was das Thema Elektrifizierung angeht, hat sie in den letzten Jahren viel nachgeholt. Aber es gibt auch Versäumnisse. Bei den Batteriezellen gibt es nach wie vor einen Engpass, der uns noch bis 2023 oder 2024 begleiten wird. Daran ändern auch die Initiativen für eine europäische Fertigung nichts, denn es dauert, bis geliefert wird. Auch bei der Softwareentwicklung gibt es einen Engpass, da muss man schon sagen, dass Tesla und Google die Nase vorn haben. Aber wenn da jetzt viele Ressourcen hineingesteckt werden, ist der Kampf noch nicht verloren.

Nach manchen Prognosen steigen die Löhne wegen der Rezession nächstes Jahr kaum. Gilt das auch für Ihre Tarifrunde?

Nein. Ich denke, nach drei Jahren ohne Erhöhung der Löhne, die in die Entgelttabelle einfließt, wird es eine Lohnforderung geben.

In Zeiten von Corona gelten Abstandsgebote, viele Menschen arbeiten zudem von zu Hause aus. Kann eine Gewerkschaft da überhaupt Beschäftigte mobilisieren, um Druck auf die Arbeitgeber zu machen?

Wir brauchen mehr Kreativität, aber machbar ist das auf jeden Fall. Gerade haben wir in Sonthofen beim Maschinenbauer Voith über sechs Wochen einen Arbeitskampf geführt, mit Abstandsregeln. Und die Leute im Home-Office muss man eben dazu kriegen, dass sie ihren Computer abschalten, wenn zum Warnstreik aufgerufen wird.

Ihre Kollegen von Verdi haben ein neues Bündnis: Aktivisten von Fridays for Future wollen helfen, die Interessen von Bus- und Straßenbahnfahrern durchzusetzen. Ist so etwas für die IG Metall denkbar?

Wir kooperieren aktiv mit der Umweltbewegung. Es war intern nicht unumstritten, das Leitbild "sozial, ökologisch, demokratisch" in der IG Metall durchzusetzen. Aber dieses Leitbild ist eine gute Plattform für gemeinsame Aktivitäten.

© SZ vom 17.08.2020

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