bedeckt München
vgwortpixel

Karrieren:Zwei Unvollendete auf US-Mission

Bilder des Tages Bundesfinanzminister Olaf Scholz SPD nimmt in Washington an der IWF Fruehjahrstag

Eine Eishockey-Karriere wird Jens Weidmann (rechts) wohl nicht mehr starten. Zum 50. Geburtstag gab es von Olaf Scholz trotzdem ein Trikot.

(Foto: Thomas Imo/Imago)
  • Für Finanzminister Olaf Scholz und Bundesbankpräsident Jens Weidmann geht es bei der IWF-Jahrestagung in Washington nicht nur um Konjunkturfragen.
  • Beide haben noch große berufliche Pläne: Scholz will Ende Oktober SPD-Vorsitzender werden, Weidmann irgendwann EZB-Chef.

Stilles Wasser, Kaffee, Mikrofon. Das Podium, auf dem Olaf Scholz und Jens Weidmann am frühen Freitagmorgen in Washington Platz genommen haben, ist spartanisch gedeckt. Dass Weidmann sich noch einen Teller mit zwei Muffins hingestellt hat, wirkt beinahe luxuriös. Essen wird er die Backwaren nicht. Der Bundesfinanzminister und der Bundesbankpräsident, die zur Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in die US-Hauptstadt gereist sind, reden stattdessen: über die deutsche Konjunktur, den Handelskrieg und die geplante Facebook-Währung Libra. Nach 30 Minuten steht Weidmann auf, nimmt seinen Teller und geht. Auf der Bühne übrig bleibt Scholz.

Scholz bleibt übrig - wie so oft. Der SPD-Politiker gehörte bereits unter Gerhard Schröder zur führenden Riege der Sozialdemokraten, 2002 stieg er zum Generalsekretär auf. Seitdem hat er es von einem Regierungsamt zum nächsten gebracht. Das Erstaunliche im Oktober 2019 ist, dass er inzwischen der Einzige ist, der von der Truppe um Schröder, Franz Müntefering, Andrea Nahles und Sigmar Gabriel übrig geblieben ist - und sogar daran arbeitet, seine Karriere zu vollenden: an der Spitze der SPD und womöglich sogar im Kanzleramt. "Ich bin sehr zuversichtlich, und es fühlt sich auch sehr gut an", antwortet Scholz in Washington auf die Frage, wie es angesichts der laufenden Abstimmung der SPD-Mitglieder über den Parteivorsitz um sein Innenleben bestellt ist. Die Sozialdemokraten dürfen noch bis zum 25. Oktober ihr Votum abgeben. "Ich weiß, dass es sehr viel Zustimmung gibt", sagt der 61-Jährige. Und: "Ich bin angetreten, um von den Mitgliedern ein Mandat zu bekommen."

Wirtschafts- und Finanzpolitik Deutschland, das neue Sorgenkind
Weltwirtschaftsausblick des IWF

Deutschland, das neue Sorgenkind

Der Internationale Währungsfonds kappt seine Prognosen für die Weltwirtschaft. Für Deutschland sieht es besonders düster aus - doch es gibt eine Chance, sich gegen den Abschwung zu wappnen.   Von Cerstin Gammelin, Berlin, und Claus Hulverscheidt, New York

Auch Jens Weidmann ist ein Unvollendeter. Vor einem halben Jahr hatte es so ausgesehen, als könne der Bundesbankchef die Nachfolge von Mario Draghi antreten und als erster Deutscher an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) rücken. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) entschied sich gegen das EZB-Amt - und damit gegen ihren einstigen Wirtschaftsberater Weidmann. Stattdessen beförderte sie ihre langjährige Weggefährtin Ursula von der Leyen an die Spitze der EU-Kommission. Ein cleverer Schachzug, denn das Amt des EZB-Präsidenten hätte Merkel beim Wirtschaftsflügel von CDU und CSU zwar Bonuspunkte eingebracht. Den größeren praktischen Nutzen hat für die Kanzlerin aber eine gute Beziehung zur Kommissionschefin, denn über das Schicksal etwa der deutschen Autoindustrie wird im Zweifel nicht in Frankfurt, sondern in Brüssel entschieden.

Weidmanns Vorteil ist, dass er jung genug ist, um in acht Jahren einen weiteren Anlauf zu nehmen. Der Bundesbankchef wäre dann gerade einmal 59 Jahre alt, und die Rufe, dass Deutschland schlichtweg einmal "dran" sei bei der EZB, dürften 2027 noch lauter sein, als sie es in diesem Jahr waren. Auch hängt Weidmanns Schicksal nicht von einer unberechenbaren Parteibasis ab, sondern vor allem davon, ob es ihm gelingt, das Image des geldpolitischen Widerständlers loszuwerden und auch im Süden Europas Verbündete zu finden. Dass mit Christine Lagarde künftig eine Frau die EZB führen wird, die - anders als Draghi - weniger für sturköpfige Alleingänge als für ihre Integrationskraft bekannt ist, dürfte ihm dabei entgegenkommen.

Scholz wiederum ist nicht gerade für seine Integrationskraft berühmt. Sondern dafür, dass er sich bis ins Detail in alles einarbeitet, lange nachdenkt, bevor er entscheidet. Im Ministerium hat er den Ruf eines Kontrollfreaks und schon deshalb ist es erstaunlich, dass er es gewagt hat, in das Rennen um den SPD-Vorsitz einzusteigen.

Läuft es schlecht, erlebt Scholz bald seinen persönlichen Brexit-Tag

Es gibt Genossen, die davon ausgehen, dass Scholz gewinnt. Und solche, die das Gegenteil behaupten. Aber auch die, die sagen, Scholz solle es machen und werde gewiss gewinnen - und deshalb ein anderes Kandidatenpaar wählen.

Und genau das ist die Unsicherheit, die Scholz trotz aller Beteuerungen umtreiben dürfte. Läuft es schlecht, erlebt er nächsten Samstag seinen persönlichen Brexit-Tag: Man ist davon ausgegangen, dass es gut geht - und dann geht es doch knapp daneben, wenn das Duo Olaf Scholz/Klara Geywitz nämlich knapp geschlagen in Ziel kommt.

Scholz pflegt derlei Ungewissheit mit der Aussage wegzuwischen, eine Wahl sei kein Verwaltungsakt, und man müsse sich das eben vorher gut überlegen - was er getan habe. In Washington versucht er jedenfalls, keinen Zweifel daran zu lassen, dass er auch im nächsten Jahr mindestens noch Finanzminister sein wird. Bei der IWF-Tagung referiert er über die globale Mindeststeuer, die dank seiner bald stehen soll. Die meiste Zeit aber lobt er die große Koalition. Deutschland sei eine sehr leistungsfähige Volkswirtschaft, es gebe Vollbeschäftigung und wettbewerbsfähige Unternehmen. Scholz hat die Halbzeitbilanz, die die Regierung bald ziehen will, für sich bereits gezogen: Von ihm aus kann es weitergehen mit der Koalition - und mit Olaf Scholz.

Ökonomie Neue IWF-Chefin kritisiert USA, China und Deutschland

Internationaler Währungsfonds

Neue IWF-Chefin kritisiert USA, China und Deutschland

In ihrer ersten großen Rede als IWF-Chefin wird Kristalina Georgiewa gleich deutlich: Fast die ganze Welt steht vor einem Abschwung, sagt die Ökonomin.   Von Claus Hulverscheidt