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Automesse:In einer dieser Städte findet die nächste IAA statt

Unter den Augen von BMW: Die IAA würde in München in Sichtweite der Konzernzentrale stattfinden.

(Foto: Johannes Heuckeroth/mauritius images)

Die Automesse verlässt Frankfurt. Auf der Kurzliste stehen drei Städte, die nun um die Schau werben - wo sie künftig stattfindet, entscheiden die Mitglieder des Automobilverbands.

Ohne Herz fürs Auto geht's nicht, so lässt sich zusammenfassen, was Hildegard Müller, die neue Chefin des deutschen Autolobbyverbands VDA, am Donnerstag als Vergabekriterium festgelegt hat: "Die Stadt, die die IAA bekommt, muss auch stolz darauf sein. Wir wollen Freude am Auto zeigen."

Endlich wieder, könnte man sagen: Die vergangene IAA, die zentrale Leistungsschau der deutschen Autobranche, war nämlich eher ein Reinfall. Nur noch eine halbe Million Besucher, viele ausländische Hersteller fehlten und in den Nachrichten überwogen die Gegenproteste von Umweltschützern. Bei der nächsten IAA, im Herbst 2021, soll alles wieder anders werden, hofft der VDA als Veranstalter: mehr Dialog, auch mit Kritikern, mehr Mobilitätskonzepte im öffentlichen Raum, weniger Groß-Blech hinter Gittern.

Der über viele Jahrzehnte gesetzte Standort Frankfurt ist bereits vor einem Monat ausgesiebt worden von den zentralen Mitgliedern des VDA, den deutschen Autoherstellern. Ebenso Stuttgart, Hannover und auch Köln. Übrig geblieben als Bewerber sind Berlin, München und Hamburg. Am Dienstag wollen sich die deutschen Autochefs mit ihrer Verbandspräsidentin zusammensetzen und entscheiden. BMW und Audi setzen auf München, da gehe es geordnet zu, da gebe es einen Großflughafen; Daimler fände das auch ganz gut, VW gefallen Berlin und Hamburg, die hipper wären, sieht aber auch Münchens Vorteile: ein gutes Sicherheitskonzept und die Unterstützung der Staatsregierung. Überall heißt es jedenfalls: Es geht nicht nur um die Stadt, es geht um die Branche - die ja im Angesicht von Diesel, Kohlendioxidgrenzwerten und neuen Wettbewerbern enorm unter Druck ist.

Berlin

Der Berliner Bewerbung ist inzwischen ihr prominentester Kopf abhanden gekommen: Jürgen Klinsmann. Der warb im Januar noch: "Es ist eine Stadt, die unglaublich in Bewegung ist!" Das ist allerdings so wahr, dass auch Klinsmann schon wieder Geschichte ist und seinen Trainerposten bei Hertha BSC aufgegeben hat. Trotzdem sind Landespolitiker in Berlin überzeugt davon, dass ihre Stadt gute Karten für den Zuschlag hat.

Berlins Messe-Chef Christian Göke hatte den VDA tatsächlich mit einem Konzept überzeugt, das zentrale und historische Orte Berlins als Austragungsorte einbindet. Das entspricht dem Wunsch des Lobbyverbands, die Messe stärker auch außerhalb von Messehallen erlebbar zu machen und in der Stadt zu verankern. Zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule könnte so eine Art Fanmeile für Autos entstehen - mit Konzerten und Nähe zur Politik, mit einem Elektroauto-Rennen am Tempelhofer Feld und mit einer Autoausstellung in den Messehallen. Ziel sei ein fröhliches Autofest, das auch junge Menschen anspricht, heißt es.

Die Messe spricht sogar davon, dass die IAA nun endlich nach Hause kommen könne. Denn als Start der IAA gilt jene kleine Ausstellung von Motorwagen unter anderem von Benz und Daimler, die im Herbst 1897 im Berliner Hotel Bristol zu sehen war. Doch zum Problem könnte werden, dass von der Liebe zum Auto im Berlin von heute nur noch selten die Rede ist. Der nach Angaben von Teilnehmern engagierte Bewerbungsauftritt des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller beim VDA war da eher die Ausnahme. Die Stadt leidet unter dem wachsenden Verkehr. Teile des Senats wollen Verbrennungsmotoren gerne von 2030 an aus dem Zentrum verbannen. SPD-Mann Müller sieht das nicht als Nachteil: Man könne in Berlin zeigen, wie sich Mobilität wandeln müsse. Auch mit dem Auto.

München

Fünf Stunden ließen sich die Vertreter des VDA am vergangenen Freitag über das Messegelände in München und durch den Olympiapark führen. Bei der Messe München blieb nach dem Besuch der Eindruck zurück, dass der VDA recht angetan sei von der Idee, die Mobilitätsshow in den Süden der Republik zu holen und die neuen Autos vom Messe- und Olympiagelände aus durch die Stadt fahren zu lassen. Eine Rolle spielen könnten womöglich auch der Odeonsplatz, der Königsplatz oder die Allianz Arena. Messe-Chef Klaus Dittrich ist jedenfalls "zuversichtlich", dass München den Zuschlag für die IAA bekommt. Dass sich die Berliner nach wie vor in der Favoritenrolle sehen - geschenkt.

Ordentlich Rückenwind gibt es seitens des Freistaats, der 15 Millionen Euro als Zuschuss in Aussicht stellte. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) unterstützt die Bewerbung ebenfalls, hat sich öffentlich aber nicht übermäßig engagiert. In Zeiten des Kommunalwahlkampfs - am 15. März ist Wahltag - ist das Thema nicht ohne Risiko, weil etliche Münchner den Eindruck haben, in ihrer Stadt passiere mit dem Oktoberfest, dem FC Bayern und anderen Großmessen wie der Bauma schon genug. Wieso zusätzlich noch eine Autoausstellung nach München holen? "Weil wir Großveranstaltungen können", hält die Messegesellschaft dagegen. Und Reiter ist Aufsichtratsvorsitzender der Messegesellschaft.

"Zehn gute Gründe" hat sich die Wirtschaft einfallen lassen, weshalb die IAA in den Wochen vor dem Oktoberfest nach München kommen soll: Bayern sei mit BMW und Audi "Kernland des Automobils", München ein Hightech-Standort und bekanntlich Weltstadt mit Herz, heißt es. Auch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bemühte wieder einmal einen Superlativ: Die Staatsregierung stehe "uneingeschränkt" zum Auto. Wichtiger dürfte jedoch ein unerwartetes Zugeständnis von BMW sein: Während der IAA würde man das Firmenlogo auf der Firmenzentrale, dem Vierzylinder neben dem Olympiapark, abändern: Ob Sonnenblume oder VDA-Logo, das könne man einvernehmlich lösen. Es ist vor allem ein Signal an VW-Chef Herbert Diess, der nur ungern unter einem BMW-Logo feiern mag.

Hamburg

Hamburg wäre unter den nominierten Städten wohl der Überraschungssieger - aber in der Stadtregierung gibt man sich optimistisch. Erst am Mittwoch habe man die IAA-Veranstalter zu einer abschließenden Präsentation empfangen, sagt der Hamburger Wirtschaftssenator Michael Westhagemann: "Ich habe ein sehr gutes Gefühl seither." Es gibt bereits eine Teststrecke für Roboterwagen, zudem betreibt Volkswagen hier seinen Shuttledienst Moia. Weil Hamburg 2021 auch Gastgeber der ITS sein wird, einer der weltweit wichtigsten Messe für neue Transportsysteme, gibt es bereits eine Liste von hundert Mobilitätsprojekten, an denen die Stadt arbeitet: von intelligentem Parkplatzmanagement bis zu automatisch berechneten Bus- und Bahntickets.

Westhagemann sagt, wenn die IAA eine neue Zielgruppe ansprechen wolle - junge Leute, die völlig andere Erwartungen an Mobilität hätten als traditionelle Autobesitzer - dann sei Hamburg die beste Wahl. Tatsächlich wäre das Hamburger Konzept mit einem Messestandort mitten in der Stadt das revolutionärste - unklar, ob sich der standesbewusste VDA dazu durchringen kann.

Zwei abschreckende Argumente glaubt Hamburg entkräften zu können. Zum einen das der politischen Unsicherheit: Erst am vergangenen Wochenende wurde in Hamburg gewählt. Die Stadt wird wohl wie bisher von Rot-Grün regiert werden - die eher Auto-kritischen Grünen haben stark zugelegt. Deshalb war neben dem parteilosen Wirtschaftssenator auch Katharina Fegebank, die Spitzenkandidatin der Grünen und Zweite Bürgermeisterin, bei der Abschlusspräsentation für die IAA-Abordnung: um deutlich zu machen, dass die Autolobby in Hamburg willkommen sein wird.

Und dann ist da noch Hamburgs Performance beim G20-Gipfel 2017. Damals versank die Stadt im Chaos, die Polizei hatte den Protest der linksautonomen Szene unterschätzt; ein Aspekt, der auch bei der Berliner Bewerbung eine Rolle spielen dürfte. Die IAA wird wohl ebenfalls eine politisch umstrittene Veranstaltung sein. In jedem Fall, sagt Westhagemann, habe man vom G20-Gipfel gelernt: "Das passiert uns bestimmt nicht noch einmal."

© SZ vom 28.02.2020/mxh
2019 IAA Frankfurt Auto Show, Press Days

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