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Coronavirus:Lufthansa sieht sich vorbereitet, erwartet aber Schrumpfung

Lufthansa

Lufthansa-Maschinen mit dem Kranich-Logo stehen am Frankfurter Flughafen.

(Foto: dpa)

Der Luftverkehr ist wegen der Coronavirus-Pandemie nahezu zum Erliegen gekommen. Die Lufthansa reagiert hart - ganze Airlines und Drehkreuze werden zeitweise stillgelegt.

Um sich vorzustellen, was gerade bei Lufthansa passiert, muss man nur Vorstandschef Carsten Spohr bitten, den für kommende Woche geplanten Flugplan zu erklären. Was normalerweise angesichts Abertausender Verbindungen ein Ding der Unmöglichkeit ist, ist für ihn jetzt ein Leichtes: "30 Kurzstreckenflüge täglich aus Frankfurt, jeweils zehn aus München und Zürich, dazu dreimal wöchentlich Flüge zu wichtigen Langstreckenzielen." Das entspräche ungefähr "dem Flugplan von 1955." Dazwischen liegen 65 Jahre wirtschaftliche Entwicklung, die Mondlandung, die Globalisierung und viele dramatische Krisen, die das Wachstum der Luftfahrt nur zeitweise abgebremst haben.

Lufthansa wird von kommender Woche an nur noch fünf Prozent des üblichen Programms fliegen. In Frankfurt wird eine der Start- und Landebahnen künftig als Parkplatz genutzt. Schon jetzt stehen Dutzende Jets auf dem neuen Berliner Flughafen. Es fehlt an Abstellplätzen überall. "Die Welt wird in unserer Branche nach dieser Krise eine andere sein", prognostiziert Spohr. "Sie wird sich nachhaltig und strukturell verändern." Und dennoch ist sich Finanzchef Ulrik Svensson sicher, dass Lufthansa am Ende "als Gewinner aus der Coronakrise hervorgehen wird".

Der Konzern hat früh massiv reagiert, um genügend Liquidität möglichst lange zu halten. Es sieht so aus, als habe das Unternehmen einen sehr langen Atem, unter anderem weil es wirtschaftlich sehr gesund ist. Dass sich mehr als 80 Prozent der Flotte in Eigentum befinden und nicht geleast sind, erweist sich als unschätzbarer Vorteil. 60 Prozent der Kosten sind variabel, sie fallen also in dem Moment weg, in dem Lufthansa nicht mehr fliegt. Die Personalkosten, rund 750 Millionen Euro im Monat, können dank Kurzarbeit ebenfalls drastisch reduziert werden. Svensson will die monatlichen Kosten, in denen Lufthansa mutmaßlich nicht fliegt, auf unter 30 Prozent des normalen Niveaus drücken.

Um das fast vollständige Grounding zu überstehen, hat Lufthansa mehr als fünf Milliarden Euro zur Verfügung. Wenn das nicht reichen würde, könnte sie die Flotte beleihen. "Wir würden uns um die aktive Hilfe des Staates bemühen, wenn sie nötig wird", sagt Spohr. "Aktuell ist sie nicht nötig." Es sei auch nicht geplant, Lufthansa wieder teilweise zu verstaatlichen.

Ursprünglich wollte das Unternehmen 2020 mehr als drei Milliarden Euro vor allem in neue Flugzeuge investieren, dies soll nun "radikal abgesenkt werden." Alle zehn Tage sollten Airbus und Boeing im Durchschnitt ein neues Flugzeug ausliefern, "wir brauchen aber überhaupt keines", so Spohr. Welche Bestellungen wie verschoben werden, welche sogar storniert werden, wird derzeit verhandelt. Allerdings ist das nicht einfach, denn Airbus und Boeing müssen gerade einen unvorstellbaren Ansturm an Anfragen von Fluggesellschaften und Leasingunternehmen aus aller Welt bewältigen, die alle das Gleiche wollen - Lieferungen verschieben.

Lufthansa arbeitet mit mehreren Szenarien - drei, sechs oder zwölf Monate Dauer

In den kommenden Tagen stehen innerhalb der Gruppe drei Flugbetriebe vollständig still - Austrian, Brussels Airlines und die italienische Regionallinie Air Dolomiti. Laut Spohr könnten noch mehr folgen. Die Zweitmarke Eurowings fliegt derzeit fünf bis zehn Prozent des üblichen Flugplans.

Um die Krise zu bewältigen, arbeitet Lufthansa mit mehreren Szenarien. Das Günstigste geht davon aus, dass die aktuelle Situation drei Monate andauert. Die beiden anderen sind für sechs und zwölf Monate kalkuliert. Wie lange der Konzern die Krise am Ende durchhalten wird, diese Frage möchte Spohr nicht beantworten. Aber: "Wir wissen nur, dass wir es länger durchhalten als andere."

Mit den Gewerkschaften will das Unternehmen nun alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Entlassungen zu verhindern. Dazu zählen neben der Kurzarbeit Teilzeitmodelle, unbezahlter Urlaub und Überstundenabbau. Doch Spohr macht auch deutlich, dass Lufthansa auf absehbare Zeit nicht mehr die gleiche Größe haben wird wie vor der Corona-Pandemie. "Wir haben in jeder denkbaren Variante zu viele Mitarbeiter an Bord."

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Der Vorstand selbst nimmt sich beim Sparen nicht aus. Die Mitglieder des Gremiums verzichten ab sofort auf 20 Prozent des Grundgehaltes, die ihnen zustehenden Boni für 2019 werden nicht ausgezahlt. Der Vorstand schlägt der Hauptversammlung auch vor, die Dividende für 2019 zu streichen, obwohl der Konzern im vergangenen Jahr mit einem operativen Gewinn von zwei Milliarden Euro das drittbeste Ergebnis seiner Geschichte gemacht hat.

Schon jetzt hat die Krise Auswirkungen auf die Aktionärsstruktur: Der Münchner Unternehmer Heinz Hermann Thiele ist angesichts des drastisch abgesackten Aktienkurses mit gut fünf Prozent bei Lufthansa eingestiegen. Thiele ist unter anderem Mehrheitseigner des Automobilzulieferers Knorr-Bremse und des Bahntechnik-Spezialisten Vossloh.

© SZ.de/mxh
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