Zum Tod von Volleyballtrainer Aleksandersen:Der Teufel ist gekommen

Zum Tod von Volleyballtrainer Aleksandersen: Ein Großer seines Sports und ein besonderer Mensch: Tore Aleksandersen.

Ein Großer seines Sports und ein besonderer Mensch: Tore Aleksandersen.

(Foto: privat/oh)

Tore Aleksandersen hat Stuttgarts Volleyballerinnen in den vergangenen beiden Jahren zu ihren größten Erfolgen geführt - trotz Prostatakrebs im Endstadium. Am Nikolaustag ist der 55-Jährige gestorben.

Von Sebastian Winter

Im vergangenen Februar bestellte sich Trainer Tore Aleksandersen im Restaurant des VfB Stuttgart, nicht weit entfernt von der Heimspielstätte seiner Volleyballerinnen, eine Tomatensuppe und zwei Cola ohne Zucker. Er setzte sich mühevoll, aß langsam, bedächtig. Dann fing der Norweger an zu reden über sich, seinen Sport - und über die Gründe, warum er sich diesen zehrenden Vollzeitjob noch antut: mit 54 Jahren, schon gezeichnet vom Prostatakrebs im Endstadium.

Für Aleksandersen, der auf der Insel Aukra nördlich von Molde aufwuchs, war es schlicht eine Selbstverständlichkeit, seine Arbeit weiterzumachen. Trotz all der Schmerzen, die ihm die Krankheit und die Chemo- und Immuntherapie in der Uniklinik Tübingen zufügten. Aber Volleyball war sein Leben, er war stolz darauf, der einzige norwegische Trainer in seinem Sport zu sein, der als Chefcoach im Ausland arbeitet. USA, Japan, Polen, Türkei, Deutschland, das waren seine Stationen in den vergangenen 20 Jahren. Und immer wieder Norwegen, parallel zu seinen Engagements bei ausländischen Klubs.

In Deutschland hatte Aleksandersen seine größten Erfolge, wurde mit dem Schweriner SC je zweimal deutscher Meister und DVV-Pokalsieger. Er hatte dort den Ruf eines harten Hundes, unter dem es die Spielerinnen nicht leicht haben. "In Schwerin war ich verrückt. Wir haben manchmal mehr als 40 Stunden pro Woche trainiert. Ich weiß nicht, wie die Spielerinnen das überlebt haben", sagte Aleksandersen.

Zuletzt habe die Immuntherapie "leider keinen Effekt mehr gezeigt", sagt Stuttgarts Sportdirektorin Kim Renkema

Die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart lernten Aleksandersen dann von einer sanfteren Seite kennen - vielleicht auch deshalb, weil er bei seinem Amtsantritt im Dezember die niederschmetternde Diagnose bereits kannte. Er war Kümmerer, einer, der alles in Bewegung setzt, um der Mannschaft zum Erfolg zu verhelfen. Selbst wenn er nicht im Training war, weil wieder eine der vielen Behandlungen anstand. Seine Krankheit stellte er nie in den Vordergrund - auch, um die Spielerinnen in der ohnehin auch emotional fordernden Zeit nicht über Gebühr zu belasten. Und er verlor dabei trotz allem nie seinen oft schwarzen Humor. "Er hat jeder und jedem Einzelnen von uns trotz und während seiner Krankheit unheimlich viel Energie, Inspiration und Freude gegeben", sagte Stuttgarts Sportdirektorin Kim Oszvald-Renkema, "es war eine unglaubliche Reise mit dem erfolgreichsten Trainer, den wir je hatten."

Aleksandersen gewann mit Stuttgart 2022 das Double aus Pokal und Meisterschaft, in jener Saison zog die Mannschaft auch ins Finale des CEV-Cups ein, des zweithöchsten europäischen Klubwettbewerbs. 2023 gelang es ihnen erneut, den Meistertitel nach Stuttgart zu holen. Der von seiner Krankheit gezeichnete Cheftrainer stand bei den Spielen da aber schon nicht mehr an der Seitenlinie. Im vergangenen Sommer trat Aleksandersen von seinem Traineramt zurück, er wollte sich nun ganz auf seine Behandlung konzentrieren - und hatte wohl auch keine Kraft mehr, sich noch einmal in eine neue Saison zu stürzen.

Dafür erlebte er noch den Schulabschluss seines Sohnes mit, den er im Sommer auf seinem Instagram-Kanal liebevoll beglückwünschte. Und er erfüllte sich seinen Traum, ein Bruce-Springsteen-Konzert zu besuchen.

Beim Ligaspiel gegen Schwerin dürfte die Trauer großen Raum einnehmen

Zuletzt habe die Immuntherapie "leider keinen Effekt mehr gezeigt", sagte Sportdirektorin Renkema auf Nachfrage, Aleksandersen zog sich demnach vor rund einem Monat wieder nach Norwegen zurück, zu seiner Familie, den beiden erwachsenen Töchtern, seinem Sohn. Weil sich abzeichnete, dass Aleksandersen nicht mehr viel Zeit hatte, besuchte ihn Renkema kürzlich, um sich zu verabschieden. Er kam in ein Hospiz, umgeben von seinen Liebsten, so war es immer sein Wunsch gewesen.

Beim Ligaspiel Stuttgarts gegen Schwerin am 19. Dezember dürfte die Trauer um Aleksandersen nun großen Raum einnehmen. Auch, um einen der ganz großen Trainer im Frauen-Volleyball zu ehren.

Im SZ-Interview hatte Aleksandersen im vergangenen Februar noch gesagt: "Irgendwann wird der Teufel kommen, aber bis dahin werde ich kämpfen und mich gegen ihn stellen. So schnell werdet ihr mich nicht los." Stuttgarts Volleyballerinnen waren am Mittwoch gerade mit ihrem neuen Coach Konstantin Bitter auf dem Heimweg vom Champions-League-Spiel in Conegliano, Italien, als die Nachricht kam, die irgendwann wohl kommen musste: Am Nikolaustag hat Tore Aleksandersen, 55, den Kampf gegen den Teufel verloren.

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