Italienischer Fußball:Mögen die Trainer aus wenig viel machen

Italienischer Fußball: Nun ein Römer: José Mourinho ist in Italiens Hauptstadt der Zugang der Saison.

Nun ein Römer: José Mourinho ist in Italiens Hauptstadt der Zugang der Saison.

(Foto: Andreas Solaro/AFP)

Die besten Spieler der vergangenen Saison musste die Serie A ziehen lassen. Nun setzt Milan auf den Sturm der alten Männer, Turin darauf, dass Ronaldo wieder Lust bekommt, und der Rest der Liga hofft auf die "Mister" - vor allem in Rom.

Von Oliver Meiler, Rom

Schon bald, diese Prognose sei gewagt, wird den Italienern und den Römern im Speziellen auch der Spitzname verleidet - so inflationär wird er gerade gebraucht, auf allen Medienkanälen und in jeder Kombination: Die Rückkehr des "Special One", von José Mourinho also, in die Serie A, die Liga der neuen Europameister, wird empfunden wie ein Geschenk. Unverdient und überraschend. In Rom, wo der 58 Jahre alte Fußballcoach aus dem portugiesischen Setúbal nun tatsächlich die ewig erfolglose Roma trainiert, unterwerfen sie sich Mourinho mit einer solchen Hingabe, dass er am besten liefern sollte. Es geht hier nämlich immer sehr schnell. Rom gilt als "piazza difficile", als schwieriges Pflaster mit dauerlamentierenden Fans, Rund-um-die-Uhr-Talkradios. Daumen rauf, Daumen runter - der Geduldsfaden ist dünn.

Mourinho weiß das, er war mal einige Jahre bei Inter Mailand angestellt, er kennt das Milieu. Sein Italienisch ist noch immer fließend, besser als sein Englisch. Nur das Wort "Trigoria" mag ihm einfach nicht gelingen: Die Betonung liegt auf dem o, er aber zieht immer das zweite i lange. Trigoria, ausgerechnet - so heißt das nicht sehr glamouröse Trainingszentrum der Associazione Sportiva am römischen Stadtrand. Warum tut Mourinho sich die fußballerische Provinz an?

Andererseits: Wenn er in Rom gewinnt, nachdem er zuletzt ja nicht mehr sehr oft gewonnen hat, dann macht er sich unsterblich. Zwanzig Jahre ist Romas jüngster Meistertitel her, eine Generation. Die Römer bezahlen ihm dem Vernehmen nach ein Grundsalär von sieben Millionen Euro, ein paar weitere Millionen kommen in diesem Jahr von Tottenham Hotspur dazu, das ihn entlassen hat. Ganz so "special" ist er vielleicht nicht mehr, in Italien aber reicht es zum Posterboy der Liga.

Alles spricht von den Trainern, von Mourinho und seinen Rivalen

Zum Beginn der italienischen Meisterschaft an diesem Wochenende dürfen die Stadien wieder zu 50 Prozent gefüllt werden, allerdings nur mit Zuschauern mit dem "Green Pass", dem Covid-Zertifikat, im Schachmuster platziert. Doch alles spricht von den Trainern, von Mourinho und seinen Rivalen. Die Vereine sind alle knapp bei Kasse, manche hoch verschuldet, für prominente Spielertransfers reichte das Geld nicht aus - wenigstens im Ankauf. Überflieger aus der vergangenen Saison musste man ziehen lassen: Romelu Lukaku übersiedelte von Inter Mailand zum FC Chelsea, Achraf Hakimi von Inter und Gianluigi Donnarumma von Milan zu Paris Saint-Germain. Und so setzte man diesmal nun vor allem auf die "Mister", auf die Kraft von Wort und Taktik: Mögen die Trainer aus wenig viel machen. Von den "sieben Schwestern", den besten Vereinen des Landes, haben nur das dauermärchenhafte Atalanta Bergamo und die AC Milan ihre bisherigen Trainer behalten: Gian Piero Gasperini respektive Stefano Pioli. Alle andere wechselten.

Lazio Rom stellte Maurizio Sarri an, der seit seiner Zeit bei Napoli einer Fußballideologie seinen Namen gibt: Im "Sarrismo" sind alle Spieler ständig in Bewegung, wie Kreisel auf Autopilot. Bis das aber alles einmal richtig gut zusammenpasst, braucht es Jahre. Sarri ersetzt Simone Inzaghi, der Lazio zuletzt mit schmal besetzter Bank zu beachtlicher Konstanz geführt hatte und nun bei Inter die undankbarste aller Aufgaben angenommen hat: Er soll Antonio Conte vergessen machen, den Meistertrainer, Idealtypus eines Schlüsselcoaches. Conte spürte früh, dass die chinesischen Besitzer von Inter, die Zhangs vom Elektronikkonzern Suning, die siegreiche Mannschaft mit Verkäufen demobilisieren würde, um ihre desaströsen Finanzen in den Griff zu bekommen - und ging. In Neapel setzen sie auf Luciano Spalletti, einen Wandertrainer mit der selbstgebastelten Aura eines quasispirituellen Gurus. Und bei Juventus Turin besinnt man sich auf verblasste Glorie. Massimiliano Allegri, der kalte "Max", ist nach zwei titelarmen Jahren ohne ihn zurück.

Ronaldos Agent suchte in halb Europa nach einer Alternative

Es muss sich wie eine besonders süße Revanche anfühlen: Was hat man bei Juventus in seiner Abwesenheit doch von einer Revolution des Spiels fantasiert, zuletzt mit Andrea Pirlo im Trainerstand. Sexy sollte die "Signora" werden und wurde Vierte, mit 13 Punkten Rückstand auf Meister Inter Mailand. Allegri machte unterdessen lange und gut bezahlte Ferien, hielt sich in Form und lernte Englisch, ihm wurde schon eine Karriere in der Premier League vorausgesagt. Doch eigentlich träumte er nur von diesem triumphalen Comeback. Er ist das, was die Italiener einen "risultista" nennen: einer, für den nur das Resultat zählt. In seinen ersten fünf Jahren als Coach von Juventus gelangen Allegri in 271 Spielen 191 Siege. Juve mit dem "Ergebnis-Max" gilt nun wieder als große Favoritin.

Cristiano Ronaldo bleibt wohl auch, obwohl sein Agent einen Sommer lang in halb Europa nach einer Alternative gesucht hatte, die den Ambitionen seines nun auch schon 36 Jahre alten Mandanten entsprechen würde. Vergeblich, er bleibt wider Willen, schon in der Vorsaison zeigte er seine Unlust mit jeder Faser seines Körpers. CR7 hat ja diesen Hang zur expressiven Gestik. Allegri nannte Ronaldo "Mehrwert" des Teams, im Italienischen tönt der Begriff "Valore aggiunto" eher nach Zusatzwert. Juventus Turin holte nach langen Verhandlungen Manuel Locatelli von Sassuolo, 23 Jahre alt, eine der großen Hoffnungen des Calcio und zweiter Spielmacher der Azzurri. 35 Millionen Euro kosteten die Dienste des jungen Mannes. In der Turiner Buchhaltung wird die Operation aber erst 2023 aufscheinen, sonst wäre sie nicht möglich gewesen.

Locatelli schlug Offerten aus dem Ausland aus, wie viele andere Azzurri auch. So werden außer Jorginho, Marco Verratti, Donnarumma und Emerson alle Spieler aus dem Kader des Europameisters in Italien bleiben, vorerst wenigstens. Den Italienern dient das als Beweis dafür, dass die Serie A den schrillen Schwanengesang der vergangenen Jahre gar nicht verdient hat. Der Streamingdienst Dazn jedenfalls bezahlt 840 Millionen Euro für die Rechte an der Serie A und löst nun als Hauptbildlieferant die Plattform von Sky Italia ab. Wobei: Auch Dazn hat nicht alles exklusiv. Und Sky behält für sich die Champions League, die Premier League, die Ligue 1 mit Leo Messi, die deutsche Bundesliga. Von wegen Vorzüge des Wettbewerbs: Am Ende werden die fußballinteressierten Italiener mindestens zwei Abos und wohl auch zwei Decoder brauchen. Amazon Prime macht auch noch mit, und Silvio Berlusconis Mediaset sicherte sich neben dem Pokal einige Spiele der Königsklasse. Es ist ein Chaos. Die Zeitungen versuchen, es mit seitenlangen Erklärungen zu entwirren - erfolglos, wie man sagen muss.

Mourinho hat nun kein Alibi mehr, der Kader ist ganz ansprechend besetzt

An hübschen Geschichten wird es den Blättern nicht mangeln. Bei Milan zum Beispiel ist man gespannt auf den Sturm der "vecchietti", der alten Männer: Zlatan Ibrahimovic, fast 40, soll mit Olivier Giroud, auch schon 34, der Torstatistik den passenden Saldo verleihen. Der Franzose kam im Sommer sehr billig vom FC Chelsea. Vielleicht stürmen die "vecchietti" zuweilen auch im Duo. Überhaupt ist das Durchschnittsalter der Starstürmer in der Serie A so hoch wie in keiner anderen großen europäischen Meisterschaft.

Ein bisschen Frische bringt da Tammy Abraham von Chelsea, 23 Jahre, Romas neuer Neuner und Nachfolger von Edin Dzeko, 35, der seinerseits nun für Inter stürmt. Mit 45 Millionen Euro ist Abraham der teuerste Transfer dieses trockenen Sommermarktes, eine Extravaganz. "The Special One" hatte ihn sich ausdrücklich gewünscht. Und so konnten sich die amerikanischen Besitzer der Roma, die Familie Friedkin aus Texas, Autoimporteure und Filmproduzenten, nicht lumpen lassen. Mourinho hat nun auch kein Alibi mehr, der Kader ist ganz ansprechend besetzt. "Wir sind nicht special", sagte er, "aber wir sind gut genug, um immer gewinnen zu können."

Der Verein wirbt gerne mit dem Portugiesen auf einer weißen Vespa, einen gelb-roten Schal um den Hals gebunden. Das Bild von "Mou" auf der Wespe, ein bisschen wie Nanni Moretti im Film "Caro Diario", erschien zunächst als öffentliche Wandkunst in Testaccio, einem römischen Viertel, Herz des Romanismo. Hintapeziert hat es ein Street Artist, kaum hatte der Trainer mit den vielen Trophäen im Gepäck unterschrieben. Ein schönes, romantisches Versprechen. Wären da nur nicht die vielen Schlaglöcher im römischen Verkehr.

© SZ/tblo/ska/sjo/and/bkl
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