Transfer von Romelu LukakuÜber Inter hängt ein Nebel der Schwermut

Lesezeit: 4 Min.

Kam vor zwei Jahren von Manchester United nach Mailand: Romelu Lukaku hat 24 Treffer zu Inters Meisterschaft in der vergangenen Saison beigesteuert - nun steht er vor dem Abschied.
Kam vor zwei Jahren von Manchester United nach Mailand: Romelu Lukaku hat 24 Treffer zu Inters Meisterschaft in der vergangenen Saison beigesteuert - nun steht er vor dem Abschied. Italy Photo Press/HochZwei/Syndicatio

Die Anhänger des italienischen Traditionsklubs wollten einen Verkauf von Stürmer Romelu Lukaku zum FC Chelsea verhindern. Nun ist der Belgier so gut wie weg - und hinterlässt große Fragen.

Von Thomas Hürner, Hamburg/Mailand

SZ bei Google bevorzugen

Bis zuletzt hatte unter den Tifosi die Hoffnung bestanden, dass vereinte Kräfte alles noch verhindern könnten. Eine Revolte für die große Wende. Die Anhängerschaft von Inter Mailand war vor die Geschäftsstelle des Klubs und durch die Stadt gezogen, in Heerscharen und mit Wut im Bauch, sie hatten Trikots angezündet und eindeutige Botschaften überbracht. "Suning, hier ist Endstation", stand auf einem Transparent geschrieben, das die Fans über die Piazza del Duomo trugen: Eine Warnung an das Eigentümerunternehmen aus China, das bei der Übernahme noch sein Ansinnen propagiert hatte, den Traditionsverein dauerhaft an der europäischen Spitze zu etablieren. Doch der Glaube daran scheint begraben. Der Traum von der Rückkehr zu alter Größe: zerrieben von der neuen Realität, in der andere den Ton angeben.

Der Auslöser für das kollektive Leid ist der bevorstehende Weggang des Stürmers Romelu Lukaku. An seinem Transfer zum FC Chelsea besteht im Grunde kein Zweifel, die Parteien sind sich handelseinig, die medizinischen Tests absolviert. Lukaku, 28, soll 115 Millionen Euro kosten und zum historischen Spitzenverdiener beim englischen Klub werden, dem Vernehmen nach liegt sein Gehalt bei 13 Millionen Euro. Netto. Das sind Dimensionen, in die Inter nicht mehr vordringen kann - auch deshalb ist er bald weg, der absolute Publikumsliebling im schwarz-blauen Teil der lombardischen Metropole, der 24 Treffer zur Meisterschaft in der vergangenen Saison beisteuerte. Im Mai war der Belgier noch mit dem Team im Bus durch die Stadt getuckert, in der Hand den Scudetto, den goldenen Meisterpokal, umgeben von Rauchschwaden und einem Donnerhall aus Zehntausenden von Kehlen. Jetzt hängt ein Nebel der Schwermut über Mailand.

Messis Vorstellung in Bildern
:Paris feiert seinen neuen König

Nach 48 ereignisreichen Stunden wird Lionel Messi bei PSG vorgestellt. Er erhält eine besondere Rückennummer - die Fans warten teilweise stundenlang, um einen einzigen Blick zu erhaschen. Die Bilder aus Paris.

Von Celine Chorus

Meistercoach Antonio Conte hatte den Ausverkauf bei Inter vorhergesehen

Einer hatte kommen sehen, was sich in diesem Sommer im Hause Inter vollziehen würde: Antonio Conte, der Meistercoach, der direkt nach seinem selbsternannten "Kunstwerk" den Job bei Inter hinwarf. Auch durch sein Zutun konnte Lukaku vor zwei Jahren von Manchester United nach Mailand gelotst werden, als Contes absoluter Wunschstürmer und Inters noch immer teuerste Verpflichtung: 67,2 Millionen Euro. Gemeinsam schufen sie eine seltene Genese. Auf der Insel wurde Lukaku bisweilen etwas belächelt, es hieß, er sei zu schwerfällig, zu sperrig. Auch in Italien herrschte zunächst Skepsis: Lukaku fehle es an den "piedi buoni", am Gefühl in den Füßen.

Doch der Coach glaubte an Lukakus Potenzial, in den ersten Trainingswochen stellte Conte nur für ihn den Verteidiger Andrea Ranocchia für einen Sonderauftrag ab. Ranocchia klebte fortan am Rücken des Stürmers, bei jeder Übung, bei jedem Trainingsmatch. Und es dauerte nicht lang, da machte Lukaku einen gewaltigen Satz nach vorn: Seine Ballbehandlung wurde präziser, seine Drehungen schwungvoller, an Wucht hatte es ihm ohnehin nie gefehlt. Für die Tifosi wurde er dank seiner Treffer schnell zum "Gigante Buono", zum gutmütigen Riesen, was in Mailand die höchste aller Auszeichnungen darstellt. So wurde einst auch Giacinto Facchetti gerufen, früherer Inter-Präsident und Kapitän des "Grande Inter" der 60er-Jahre, das alles abräumte, was es im Fußball zu gewinnen gab.

Gemeinsam zum Scudetto: Romelu Lukaku (links) war der Wunschstürmer von Inter-Trainer Antonio Conte.
Gemeinsam zum Scudetto: Romelu Lukaku (links) war der Wunschstürmer von Inter-Trainer Antonio Conte. Daniele Mascolo/Reuters

Das ist also ungefähr die emotionale Dimension, die Lukakus Weggang nach sich zieht. Aber das ist nur die Spitze eines Eisbergs, der unter den Füßen der Interisti wegzuschmelzen droht. Die Gazzetta dello Sport schrieb von einem sportlichen "Suizid", der sich gerade vollziehe, und viele alte Granden schlossen sich dieser Einschätzung an: Beppe Bergomi zum Beispiel, auch er einst Inter-Kapitän, auch der gloriose Sandro Mazzola, der in den Sechzigern das Spiel von Inter dirigierte. Die Enttäuschung richtet sich an ganz oben, und damit ist nicht nur die Familie Zhang gemeint, die über den Einzelhandelsriesen Suning die Geschäfte bei Inter führt: In den Gazzetten heißt es, das Diktat zum Ausverkauf komme von der chinesischen Regierung, die Investitionen in den Fußball in Zeiten der Pandemie für verzichtbar hält.

Die Eigentümer aus China haben über einen Verkauf Inters verhandelt

Vor Lukaku war bereits der spektakuläre Außenverteidiger Achraf Hakimi an Paris Saint-Germain abgeben worden. Dabei hatte es zunächst geheißen, die für den Marokkaner eingenommenen 60 Millionen Euro seien genug, damit die Verluste aus der Pandemie ausgeglichen werden können. In diesem Glauben hatte auch Simone Inzaghi den Trainerjob als Nachfolger von Conte angetreten, er kam von Lazio Rom mit der Ambition, den Meistertitel zu verteidigen. Jetzt soll Inzaghi zutiefst irritiert ob der Ereignisse sein - genauso wie die Sportdirektoren Beppe Marotta und Piero Ausilio, die angeblich hinter den Kulissen heftig gegen den Lukaku-Verkauf opponiert haben. Vergebens.

Nun wird spekuliert, ob sogar Marotta und Ausilio noch hinschmeißen könnten, sobald die Transferperiode endet. Bis dahin versuchen sie, das Beste zu machen mit den Bröckchen, die Suning ihnen noch freigibt. Als Ersatz kommt wohl Edin Dzeko von der Roma, der in der vergangenen Saison magerere sieben Treffer erzielte und am Ende seiner kolportierten Zeit bei Inter stolze 37 Jahre alt wäre. Eine Ablöse wird nicht fällig, trotz laufenden Vertrags. Außerdem ist Duvan Zapata, 30, von Atalanta Bergamo im Gespräch, der kein schlechter ist, aber letztlich auch nicht mehr als eine Lukaku-Light-Version eines Angreifers.

Es ist aber nicht auszuschließen, dass in einigen Monaten längst andere bei Inter am Ruder sind. In den vergangenen Monaten hatte Suning mit Investmentfonds aus aller Welt über einen Verkauf verhandelt, bislang ergebnislos. Bei der Übernahme vor fünf Jahren hatte Zhang Jindong, der Chef von Suning, jedenfalls noch in Richtung der Tifosi angekündigt, dass unter seiner Regentschaft selbst ein Lionel Messi möglich sein werde. Messi, wer es noch nicht mitbekommen hat, ist übrigens gerade in Paris angekommen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lionel Messi in Paris
:Der neue Mittelpunkt der Fußball-Erde

Lionel Messi präsentiert sich bei PSG der aufgekratzten Anhängerschaft. Eine spannende Frage, die das spektakuläre Fußball-Ensemble begleitet: Garantieren große Namen auch den größtmöglichen Erfolg?

SZ PlusVon Javier Cáceres

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: