Beachvolleyball:"Mich ekelt das richtig an"

Lesezeit: 3 min

Beachvolleyball: Starke Stimme für den Sport: Beachvolleyballerin Karla Borger.

Starke Stimme für den Sport: Beachvolleyballerin Karla Borger.

(Foto: Tom Bloch/Beautiful Sports/Imago)

Karla Borger äußert sich nach ihrem verlorenen EM-Viertelfinale zu den Missbrauchsvorwürfen des früheren Weltklasse-Wasserspringers Jan Hempel - und kritisiert die Beachvolleyball-Weltserie für ihre schlechten Bedingungen.

Von Sebastian Winter

Karla Borger ist mit ihrer Partnerin Julia Sude bei der Beachvolleyball-Europameisterschaft in München am Freitag bei Wind und Wetter im Viertelfinale gegen die Lettinnen Tina Graudina und Anastasija Kravcenoka ausgeschieden, hat sich danach aber wieder einmal als kritische Stimme für den Sport gezeigt. Borger berichtete, sie habe noch am Vorabend die ARD-Dokumentation gesehen, in der der frühere Weltklasse-Wasserspringer Jan Hempel schwerste Missbrauchsvorwürfe gegenüber seinem einstigen Trainer erhebt - und in der auch andere Missbrauchsopfer zu Wort kommen.

Borger, zugleich Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland, zeigte sich "erschüttert darüber, mich ekelt das richtig an, ich habe großen Respekt vor dem Mut der Betroffenen, dass sie darüber reden. Unser Gefühl ist, dass da noch lange nicht alles aufgedeckt ist". Für die Gründung eines unabhängigen Zentrums für Safe Sport sei es "höchste Eisenbahn". Ein solches Zentrum ist seit längerer Zeit geplant, die Realisierung steht aber noch aus.

Borger und Sude lobten zugleich die Organisatoren des EM-Turniers am Königsplatz - und übten harsche Kritik an der Beachvolleyball-Weltserie, die Streaming-Dienstleistern unterworfen werde und auf der es teilweise keine Wertschätzung für die Spielerinnen und Spieler mehr gebe.

"Das ist hier ein cooles Turnier, das wir selten in dieser Form erlebt haben, und wo man Wertschätzung erfährt. Nur ein Beispiel: Hier gibt es für uns Getränke, frisches Obst, eine Kaffeemaschine. Das kennen wir gar nicht, auf der internationalen Tour gibt es manchmal nicht mal einen Spielerbereich", sagte Borger. Sie berichtete auch davon, dass bei anderen Turnieren verletzte Profis nicht schnell behandelt werden könnten, weil es keine Ärzte auf den Warm-up-Courts gebe. Sude ergänzte: "Bei vielen Turnieren, auch bei der WM in Rom, kam das Shuttle zu spät oder gar nicht, dann zahlt man das Taxi aus eigener Tasche. Wir wollen doch kein Spa, aber die essenziellen Dinge, um unseren Beruf ausüben zu können."

Borger und Sude müssen bei Turnieren die Bezahlung ihres Trainerteams sowie die gesamten Flug- und Übernachtungskosten tragen

Die internationale Beachvolleyball-Serie, die in diesem Jahr mit neuem Namen und in einem neuen Gewand daherkommt, kämpft ohnehin seit längerer Zeit mit schwindenden Preisgeldern. Selbst den kostenpflichtigen Stream müssen die Spieler, die die Aufnahmen auch zur Gegnervorbereitung benötigen, selbst zahlen. Bei einem Weltserien-Turnier in Itapema, Brasilien, waren Borger und Sude im vergangenen April Vierte geworden, "aber mit einem Minus nach Hause geflogen", wie Borger sagt.

Die 33-Jährige ist eine der erfahrensten Spielerinnen auf der Tour, auf der sie seit 2009 aktiv ist. 2013 wurde Borger zusammen mit Britta Büthe Weltmeisterschafts-Zweite, sie nahm außerdem an zwei Olympischen Spielen teil, in Rio wurde sie Neunte. Im Februar des vergangenen Jahres stießen Borger und Sude eine Debatte über Frauenrechte im Sport an, als sie wegen der restriktiven Kleidervorschriften weigerten, am Weltserien-Turnier in Doha teilzunehmen.

Die dortigen Organisatoren hatten von den Frauen gefordert, statt im für ihren Sport üblichen Bikini in T-Shirts und knielangen Hosen zu spielen, auch weil dies die kulturellen Gepflogenheiten des Landes so verlangten. Noch vor Turnierbeginn nahmen die Veranstalter diese Regel zurück. "Das Gefühl war einfach: Uns wird vorgeschrieben, wie wir unsere Arbeit auszuführen haben. Die politische Komponente kam hinzu. Und die wollten wir unbedingt thematisieren", sagte Borger damals im SZ-Interview.

Beachvolleyball: Aus im Viertelfinale: Bei den European Championships haben Karla Borger (links) und Julia Sude am regnerischen Freitag die nächste Runde verpasst.

Aus im Viertelfinale: Bei den European Championships haben Karla Borger (links) und Julia Sude am regnerischen Freitag die nächste Runde verpasst.

(Foto: Tom Bloch/Beautiful Sports/Imago)

Ihr sei bewusst, sagte Borger, dass die Veranstalter und die Stadt München viel Geld für die European Championships ausgegeben hätten, auch für das Beachvolleyball-Turnier, was andernorts wohl schwierig zu realisieren wäre. Sie sei auch wie ihre Teampartnerin Sude in der Bundeswehr und sehr dankbar für das Geld, das sie dadurch bekomme: "Aber so wie es gerade läuft, sind wir - da kann ich glaube ich für alle sprechen, die Beachvolleyball spielen - nicht zufrieden. Es ist ja schön mit Kapstadt, Sydney oder Rio, aber wie sollst du das bezahlen?" Vor allem, wie Borger schildert, wenn das Duo auch noch die Bezahlung des Trainerteams und die gesamten Flug- und Übernachtungskosten tragen müsse: "Wir verdienen im Sommer unser Geld und müssen dann den Winter überleben. Und die derzeitige Entwicklung ist nicht so cool."

Immerhin hatten Borger und Sude in München noch eine nette Begegnung in der Mixed-Zone, als sie nach ihrem 2:0-Erfolg über die Italienerinnen Valentina Gottardi/Marta Menegatti in der Gruppenphase mit FC-Bayern-Stürmer Serge Gnabry zusammentrafen, der als Beachvolleyball-Fan an den Königsplatz gekommen war.

Am Ende ihrer außergewöhnlich offenen Ausführungen fragte Borger, die inzwischen einen schwarzen Schirm hielt, der sie vor dem niederprasselnden Regen schützte, in die Runde: "Und noch irgendwas Lustiges?" Nicht viel, auch aus sportlicher Sicht an diesem Freitag im Sand: Der Starnberger Abwehrspieler Clemens Wickler und Blocker Nils Ehlers sind nach ihrem Viertelfinal-Einzug das einzige verbliebene deutsche Duo bei dieser EM. Bei den Frauen ist dagegen neben Borger und Sude auch das andere im Turnier verbliebene deutsche Frauen-Duo, Chantal Laboureur und Sarah Schulz, ausgeschieden.

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