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Beachvolleyball in Katar:Eine Frage der Kleidung

Startverzicht in Katar von Borger und Sude

"Ich finde es stark, dass jeder das anziehen kann, was er möchte, was seinen Vorstellungen entspricht, worin er sich wohlfühlt“, sagt Karla Borger. Die 32-Jährige (rechts) und ihre Beach-Partnerin Julia Sude hatten deshalb zuletzt beschlossen, nicht am Weltserienturnier in Katar teilzunehmen, wo allen Teilnehmerinnen T-Shirts und knielange Hosen vorgeschrieben wurden.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Karla Borger und Julia Sude nehmen nicht am Weltserien-Turnier in Doha teil - wegen der restriktiven Bekleidungsvorschriften. Auch die Bundestrainerin hat ihre Teilnahme abgesagt. Sie stoßen eine Debatte über Frauenrechte an.

Von Sebastian Winter

Karla Borger und Julia Sude hatten das erste Beachvolleyball-Turnier dieses Jahres in Doha herbeigesehnt, wie so viele andere Profis im Sand. Nicht nur, weil der olympische Sport am 8. März nach fast einem Jahr pandemiebedingter Pause wiederaufgenommen wird und es bei dem mit 300 000 Dollar dotierten Vier-Sterne-Turnier auch um Punkte für die Olympia-Qualifikation geht. Sondern auch deshalb, weil in Doha zum ersten Mal neben dem Männer- auch ein Frauen-Wettbewerb stattfindet.

Das Problem ist, dass sich die örtlichen Veranstalter besondere Kleidervorschriften für die Spielerinnen ausgedacht haben. Statt im für ihren Sport üblichen Bikini müssen die Frauen in T-Shirts und knielangen Hosen spielen, was Borger und Sude nicht akzeptieren wollen. Die noch vor Olympiasiegerin Laura Ludwig und Margareta Kozuch derzeit besten deutschen Frauen verzichten daher auf eine Teilnahme am Turnier in Katar. "Wir wollen das nicht mittragen. Es geht gar nicht um wenig anhaben oder nicht. Es geht darum, dass wir in unserer Arbeitskleidung nicht unsere Arbeit machen können", sagten sie am Wochenende im Spiegel.

Am Montagabend widersprach der katarische Volleyball-Verband QVA dieser Darstellung. "Wir möchten klarstellen, dass wir keine Forderungen stellen, was die Athleten bei der Veranstaltung tragen sollen", teilte die QVA der französischen Nachrichtenagentur AFP mit.

Constantin Adam, Manager von Karla Borger und Julia Sude bezichtigte die Veranstalter daraufhin der Lüge. "Das stimmt nicht, es steht in den Turnier-Regularien vom 16. Februar", sagte Constantin Adam dem Sportinformationsdienst SID am Dienstag und verwies auf Punkt 10 von 17. (Link zu den Regularien) Dort heißt es, Frauen hätten statt der üblichen Sport-Bikinis "aus Respekt vor der örtlichen Kultur und Tradition T-Shirts mit kurzen Ärmeln und knielange Hosen" zu tragen, auch im Training.

Auch die Bundestrainerin fliegt nicht nach Doha. "Sie hat mir gesagt, dass sie nicht dorthin fahren möchte, weil sie sich als Frau dort nicht respektiert fühlt."

Die beiden Spielerinnen sind jedenfalls nicht die einzigen, die ihre Reise in das Emirat am Persischen Golf storniert haben. Auch Bundestrainerin Helke Claasen fliegt nicht nach Doha, wie Niclas Hildebrand, der Sportdirektor des Deutschen Volleyball-Verbandes, der SZ bestätigte: "Sie hat mir gesagt, dass sie nicht dorthin fahren möchte, weil sie sich als Frau dort nicht respektiert fühlt." Für Claasen springt nun Bundestrainer Imornefe Bowes ein.

Es geht in der Debatte, die diese Absagen anstoßen, längst nicht mehr nur um ein T-Shirt und eine knielange Hose. Es geht um Frauenrechte und deren Beschneidung, aber auch darum, ob sich ein Staat einfach so in die weltweit geltenden (Bekleidungs-) Regeln des Profisports einmischen darf. Der Volleyball-Weltverband findet das schon, man "respektiere die Kultur und Traditionen des Gastgeberlandes", hieß es von FIVB-Seite wachsweich. Wohl auch deshalb, weil der Verband gerade extrem unter dem Druck des IOC steht, seine Olympia-Qualifikationsturniere in kürzester Zeit durchzudrücken.

Wie fast alle anderen olympischen Sportarten ist auch Beachvolleyball dabei sehr in Verzug. Die FIVB sucht daher händeringend nach Ausrichtern für ihre Turniere, die der Verband inmitten der Pandemie aber kaum findet. Doha, das wie üblich ein reines Männerturnier geplant hatte, ließ sich vor diesem Hintergrund offenbar dazu überreden, auch Frauen zuzulassen, aber dann eben nach seinen Bestimmungen.

Der Volleyball-Weltverband verfolgte bis 2012 selbst noch eine restriktive Bekleidungspolitik, allerdings nach dem Motto: Je knapper und enger bei den Frauen, desto besser, auch für die TV-Vermarktung. Seitdem hat sich einiges geändert. Spielerinnen und Spieler dürfen inzwischen auch lange Kleidung oder eine Kopfbedeckung tragen, wenn sie das wünschen. Die Ägypterinnen Doaa Elghobashy und Nada Meawad spielten bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio in türkisgrün-schwarzen Burkinis. Aber eine generelle Verpflichtung für Teams, Schulter und Knie zu bedecken, gab es bisher noch nie.

"Klar stört so eine längere Bekleidung die Athletinnen, weil sie einfach neu und anders ist", sagt der DVV-Sportdirektor

Das Auswärtige Amt rät weiblichen Reisenden im Emirat ausdrücklich dazu, sich zurückhaltend zu kleiden. Und auch wenn sich das Land mehr und mehr dem Westen öffnet, stehen eher leicht bekleidete Beachvolleyballerinnen noch nicht wirklich im Einklang mit der dortigen Vorstellung von Freizügigkeit. Das Frauenbild im Emirat rückte erst kürzlich wieder in den Fokus, als der Chef des katarischen Olympia-Komitees bei der Klub-Weltmeisterschaft im Fußball, die der FC Bayern München gewann, den Schiedsrichtern die Faust zur Corona-üblichen Begrüßung entgegenstreckte - nicht aber der vierten Offiziellen und der Reserve-Schiedsrichterin.

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Bei den Spielen in Rio spielten die Ägypterinnen Elghobashy/Nada gegen die späteren Sieger aus Deutschland Ludwig Walkenhorst.

(Foto: imago sportfotodienst; imago/imago/Sven Simon)

Bei der Leichtathletik-WM 2019 durften die Athletinnen in Katar immerhin in kurzer Kleidung antreten. Andererseits gab es dort auch den Fall des homosexuellen britischen Gehers Tom Bosworth, der darum bat, in Doha bitte nicht auf die Menschenrechtslage angesprochen zu werden.

Borger und Sude, die gerade ins Trainingslager auf die Kanaren aufgebrochen sind, sind bislang die einzigen aus dem deutschen Quintett, die auf Doha verzichten. Sie sind ohnehin quasi sicher für Olympia qualifiziert. Ludwig/Kozuch haben ebenfalls gute Chancen, wollen aber wie die anderen deutschen Duos noch Punkte sammeln. Sportdirektor Hildebrand sagt: "Klar stört so eine längere Bekleidung die Athletinnen, weil sie neu und anders ist. Für die Teams ist das eher eine Grundsatzfrage: Nimmt man unter solchen Bedingungen an Wettkämpfen teil oder nicht? Ich respektiere beide Entscheidungen." Dankbar ist in dieser Geschichte weder die eine noch die andere.

© SZ/schm
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