Tirol Seefeld - nicht nur für Weltmeister

Auch wenn einige Loipen wegen der WM gesperrt sind: Das Langlaufnetz vor allem im Leutaschtal ist immer noch riesig.

(Foto: Stephan Elsler/Olympiaregion Seefeld)

Am Mittwoch beginnen die Wettkämpfe der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften. Zeit, mal nachzuschauen, was dort für den Durchschnittssportler geboten wird.

Von Dominik Prantl

1. Militante Eisfischer

Nach fünf Minuten, vielleicht auch früher, fällt einem ein, dass Eisfischen im Grunde eine ziemlich doofe Freizeitbeschäftigung ist. Da steht man an einem Loch in der Eisdecke, hat 25 Euro gezahlt, friert sich die Füße ab und wartet. Der einzige Vorteil beim Warten ist, dass man sich andere Eisfischer ansehen kann. Es gibt beispielsweise die kontemplativ veranlagten Eisloch-Starrer, die offenbar allein mit der Kraft ihrer telepathischen Fähigkeiten ein Anbeißen des Saiblings erzwingen. Psychoanalytisch noch interessanter sind wohl nur die militanten Freunde des Fischereibedarf-Handels. Sie machen stets den Eindruck, als müssten sie gegen die Fische in den Krieg ziehen, als wäre der Forellenteich in Weidach ein wellenumtostes Meer mit Haien und Schwertfischen statt Salmoniden. Außerdem gibt es jene, die Forellen mit dem Geplapper der Kinder locken wollen. Och, vielleicht erst mal 'nen Kaffee?

Das Schöne am Weidachsee ist nämlich nicht alleine, dass man in dem Privatgewässer eines Tierarztes keinen Angelschein braucht, sondern dass es dort auch eine gemütliche Hütte gibt. Mit Getränken, Imbiss und Wärme. Wären gerade nur ein paar Meter, vorbei an den zwei studentischen Typen mit Zipfelmütze, die nichts anderes zu tun haben, als andere Angler zu beobachten; die Füße sind echt kalt, vielleicht doch ein Glühwein, . . . Halt, da beißt was an. Was verdammt Großes! Doch gar nicht so doof, dieses Eisfischen.

Am Weidachsee kann man auch ohne Angelschein Eisfischen - zum Beispiel Saibling.

(Foto: Anne Gabl)

2. Entspannte Alpakas

Alpakas, diese südamerikanischen Schwielensohler, vermögen aus dem Stand zwei Meter hoch zu springen und ziemlich schnell auf 45 Stundenkilometer zu beschleunigen. Deshalb sollte man die Leine nicht einfach nur um den Finger wickeln, sagt Florian Haslwanter, der Alpakaflüsterer vom Bio-Alpakahof Seefeld. "Das tut dem Finger dann nicht gut." Generell ist das Alpaka jedoch so etwas wie der Dalai Lama unter den Tieren: friedfertig, intelligent, ausgleichend. Nicht einmal richtig zubeißen können die Tiere mit der Kauplatte am Oberkiefer. Kurz: der perfekte Begleiter, um Gassi zu gehen.

Wobei es so ist, dass weniger der Mensch das Tier ausführt als das Tier den Mensch. Der Zweibeiner hat sich dem Tempo des Vierbeiners anzupassen. "Da muss sich ein Manager, der daheim mit seinem Hund laufen geht, erst einmal dran gewöhnen", so Haslwanter. Denn zur Natur des Alpakas gehört weniger der Zwei-Meter-Hochsprung als ein bedächtiges Schreiten, sei es nur über die kargen Hochebenen der Anden oder hinunter zum absolut einkehrwürdigen Restaurant Triendlsäge über eine Loipe. Die geht es jetzt im Halbschritttempo leicht bergab. Langläufer werden eingebremst und grinsen. Langläuferinnen werden eingebremst, grinsen und sagen: "Ach, wie süß." Es ist eines der Geheimnisse der Alpakas, dass ihnen niemand böse sein kann, selbst wenn man ihretwegen aus dem Takt des Alltags gerät. Florian Haslwanter sagt: "Wir verlieren keine Tiere. Nur einen Gast haben wir einmal verloren." Keine schlechte Quote. Seine Familie bietet die Alpakawanderungen für Gäste der Region immerhin schon seit knapp fünf Jahren an.

Wer Haslwanter auf einer Wanderung erlebt, weiß ziemlich schnell, was ihm besser gefällt: sein Job als Techniker beim Militär ("Den ganzen Tag im kleinen Büro.") oder die inzwischen zum Nebenerwerb angewachsene Freizeitbeschäftigung als Alpakakenner ("Ein Alpaka frisst im Jahr so viel Heu wie ein Pferd in der Woche"). Die einmal wöchentlich stattfindende Fackelwanderung ist unter den Gratisangeboten des Tourismusverbands für Mehrtagesgäste der absolute Renner.

Dass er den Begriff "Bio" ernst nimmt, lässt sich auch daran erkennen, dass sämtliche seiner 34 Tiere einen Namen haben. Das Spektrum reicht von König Laurin über Wendelin bis zu den Tiroler Freiheitskämpfern Andreas Hofer, Speckbacher und Haspinger. Ob man mit den drei friedvollen Alpakas auch nur einen Blumentopf gewonnen hätte, ist freilich eine utopische Frage. Auf jeden Fall wären die Soldaten unheimlich entspannt gewesen.

3. Firngespinste

Wirklich weit ist es nicht auf die Hohe Munde, jenen zweigipfeligen Blickfeldmagneten der Region. Nur etwa fünf Kilometer misst das GPS vom Leutascher Ortsteil Moos bis auf den knapp 2592 Meter hohen Ostgipfel, 1500 Höhenmeter werden dabei überwunden - und damit sind wir bei dem Problem. Der Weg für Skitourengeher ist steil, gelegentlich steiler als 40 Grad, und er führt vorbei an den Abgründen der Südwand. Das heißt erstens, dass die Tour nur im Frühjahr bei absolut sicheren Firnverhältnissen eine Option ist und zweitens, dass ein Sturz bei der Abfahrt möglicherweise nicht nur mit verletztem Stolz, sondern dem Leben bezahlt wird. Genau genommen ist die Hohe Munde zumindest im Winter damit nur etwas für Könner - oder für Hasardeure.

Zum Glück jedoch hat ein gewisser Andrä Rauth im Jahr 1928 auf 1600 Metern eine Hütte an die Hohe Munde gebaut, und zwar genau dorthin, wo das Terrain von einem gemütlichen in einen furchteinflößenden Anstieg übergeht. Ursprünglich als Bergsteigerunterkunft geplant, wurde die Rauthhütte später zur Einkehr eines kleinen Skigebiets. Den Sessellift gibt es zwar seit inzwischen 15 Jahren nicht mehr; doch die einstige Pistenschneise wird heute von Bergsportlern für risikofreie Skitouren genutzt. Die etwas mehr als 400 Höhenmeter schaffen selbst Anfänger, und weil hinterm Haus eine Rodelbahn beginnt und das Essen bei Andräs Enkel Andreas bis 22 Uhr das hält, was man sich auf einer Hütte verspricht, treffen sich hier alle, vom russischen Rodler über Tiroler Tagesgäste bis zum Hohe-Munde-Aspiranten.

4. Beste Biere

Das Hotel Klosterbräu im Ortszentrum ist nicht nur ein historisches, unter Kaiser Maximilian errichtetes Gebäude und inzwischen seit 200 Jahren in Familienbesitz. Im Hotel befindet sich auch eine Brauerei. Nach 80 Jahren wurde diese 2015 wieder in Betrieb genommen - und gleich im Eröffnungsjahr zur besten Mikrobrauerei Österreichs gewählt. Sechs Sorten vom "Alpils" bis zur "Dunklen Bedrohung" stehen mittlerweile zur Auswahl, demnächst soll ein Isar-Quellwasserbier hinzukommen. Laut Hotel-Eigentümer Alois Seyrling wurde die Produktion innerhalb von vier Jahren verdoppelt. Auf 300 Hektoliter.

Weil das vielleicht für einen guten Junggesellenabschied reicht, aber nicht für den Großhandel, gibt es das Bier nur im Hotel, dafür in allen Größen. Im Saunabereich fließt es gratis aus dem Bierbrunnen, im Restaurant reicht das Spektrum vom Doppel-Maßkrug (zwei Liter) bis zum Prinzessinenschluck (0,1 Liter). Seyrling glaubt, das Bier komme deshalb so gut an, weil es nicht so bitter sei. "Damit haben wir uns die weibliche Klientel erschlossen." Der wenig prinzessinnenhafte Westdeutsche am Tisch ist nicht ganz so redegewandt: "Boah, ey, watt'n tolles Bier!"

5. Edel einkehren

Eine Sesselliftfahrt auf den Gschwandtkopf, ein paar Meter auf Skiern, und schon steht man bei Sabine Beuker in der neu eröffneten Edelhütte. Die sagt: "Wir wollen eine Berghütte bieten."

Das ist insofern ein wenig amüsant, weil die Beukers aus den Niederlanden sind. Andererseits sind die Beukers vielleicht mehr Bergmenschen als so manche Tiroler. Alleine in Seefeld haben sie ziemlich häufig Urlaub gemacht, "etwa dreimal pro Jahr", schätzt Sabine Beuker. Jetzt pendeln zwei ihrer drei Kinder täglich die 300 Höhenmeter vom Gipfel des recht runden Gschwandtkopfs in die Seefelder Volksschule. Denn als im vergangenen Jahr die einstige Ötzihütte, die für nur einen Winter als Suitenhotel Sir Henry vieles war, aber nicht mehr Berghütte, zum Verkauf stand, da haben die Beukers mit einem Partner zugeschlagen.

Im Grunde ist das moderne Gebäude natürlich immer noch mehr Sir Henry als Hütte; eine Edelhütte sozusagen. Bis auf das Interieur des Restaurants wurde laut Beuker kaum etwas geändert. Die günstigste der nur sieben Suiten beginnt bei 235 Euro für zwei Personen; und einen Infinity-Pool, der wegen eines enormen Schneewalls gerade sehr endlich wirkt, gibt es auch nicht auf jeder Hütte. Nur hat die Lodge schon ein gewisses Bergambiente. Und mag der Gschwandtkopf in der Seefelder Skigebietshierarchie auch abgeschlagen hinter der Rosshütte stehen: Eine Unterkunft wie diese findet man dort nicht. Skifahrer erhalten mittags Gerichte wie Edelburger zu moderaten Preisen, jeden Dienstagabend veranstalten die Beukers einen Hüttenabend für Rodler und Skitourengeher, und dass man vom viel gerühmten 360-Grad-Panorama wegen Baumbewuchs und Anhöhe vielleicht das ein oder andere Grad abziehen muss, stört vielleicht einen Sir Henry, aber sicher keinen Niederländer.

6. Rodeln mit Rückenlehne

Oben auf der Hämmermoosalm herrscht Stimmung wie bei einem Kindergeburtstag. Schlitten stehen dort in allen Größen und Farben, manche mit Fußsack, manche mit Rückenlehne, einige mit beidem. Drinnen stehen viele Wiener Schnitzel mit Pommes und Kaiserschmarrn auf den Tischen. Rolf Zuckowski ist nicht zu hören. Dafür zupft ein alter Mann die Harfe.

45 Minuten Aufstieg, 2,5 Kilometer Abfahrt: Die Rodelbahn von der Hämmermoosalm ist auch für wenig sportliche Besucher ein Vergnügen.

(Foto: Anne Gabl)

Dass die Hämmermoosalm Familien anzieht, liegt in der Natur der Sache. Würde sich ihre Geschichte nicht bis 1336 und damit definitiv in die Prä-Fußsack-Ära zurückverfolgen lassen, so könnte man meinen, das Gelände sei speziell für den Genussrodler der Moderne angelegt worden. Die Bahn ist nie zu steil, um sich auf unkontrollierte Bremsmanöver verlassen zu müssen, und doch nie so flach, dass man zu sehr an Fahrt verlieren könnte. Links und rechts bilden Schneewände - was für ein Winter! - natürliche Leitplanken. Es gibt eine extra Aufstiegsvariante, die etwas direkter und holpriger, dafür ohne Gegenverkehr bis knapp unterhalb der Alm führt. Und 45 Minuten Aufstieg sowie etwa 2,5 Kilometer Abfahrt schafft selbst die kleinste Heulsuse noch.

7. Zum Leguan langlaufen

Langlaufen kann man rund um Seefeld natürlich auch ein bisschen. Zugegeben, der Satz war gerade eine maßlose Untertreibung, weil das Seefelder Loipennetz schließlich der Grund dafür ist, weshalb hier von 19. Februar an die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften stattfinden. Es stört auch nur jene, die direkt von der berühmten Seekirche weg ihre Runde drehen wollen, dass die Loipen südwestlich von Seefeld wegen der Wettbewerbe bis 8. März gesperrt sind. Denn für die Hobbyläufer bleibt noch genug übrig.

So führen alleine durch das Leutaschtal 34 blau markierte Kilometer, was heißt, dass sie rein technisch auch für den Sonntagslangläufer machbar sind. Ganz im Norden lässt einen die Einsamkeit an manchen Wochentagen kurz überlegen, ob man nicht doch versehentlich nach Finnland abgebogen ist. Spätestens zwischen Gasse und Weidach holt einen der Loipenrummel wieder ein. Allerdings ist hier ohnehin Zeit für eine Pause, zum Beispiel beim Naturwirt oder in Poli's Hütte, die aussieht, wie man sich eine Einkehr mit dem Namen Jausenstation vorstellt. Jenseits der blauen Bahnen von A5 bis A14 können Konditionstiere noch die schwarzen Loipen Plaik, Bichlwald oder Mundeknie hochrennen. Die 50 Kilometer, die traditionsreichste und längste aller WM-Distanzen, bekommt man jedenfalls locker voll, egal, ob im klassischen Stil oder skatend.

Wer es dagegen hart, aber kurz und landschaftlich schön haben möchte, nimmt am besten den stillen Anstieg von der Neuleutasch zur Wildmoosalm. Die ist sehr speziell, und das nicht nur, weil sie an einem episodisch auftretenden See liegt. Schon von weitem winkt eine riesige Fahne des FC Bayern. Drinnen trifft man einen Leguan und eine Python, beide ausgestopft an der Wand, dazu viel Fußball-Bundesliga. Die Kellner sind freundlich, wenn auch mit dem almspezifischen Schmäh ausgestattet. "Suchst deine Frau?" Ne, die wartet daheim. "Ja, des glaubst du."

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