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Winter:Langlaufen ist das bessere Skifahren

Langlauf Morteratsch Gletscher Pontresina Engadin Schweiz Foto: Sepp Rutz/Unsplash

Loipe am Morteratsch-Gletscher im Engadin, Schweiz: links gespurt für Klassik-Läufer, rechts gewalzt für Skater.

(Foto: Sepp Rutz/Unsplash)

Wer auf Alpinski den Berg hinabbrettert, hat kurz Spaß - bis zum nächsten Lift. Langläufer hingegen gleiten im Flow durchs Winterwunderland. Ein Plädoyer für die schönste Art, Berg und Tal zu genießen.

Von Katja Schnitzler

Und dann springt er los, der alte Mann, federt mühelos den verschneiten Hang hinauf. Mit über 80 Jahren. Und Langlaufski an den Füßen. Auf halbem Weg lässt er staunend und keuchend zurück: die Anfänger, denen er an diesem Tag das Gleiten in der Loipe beibringen soll und die beim dritten Mal Hochstapfen in der Übungsloipe weder an Federn noch Hüpfen denken, sondern an Schnaufen und Schwitzen. Doch beim Anblick des vergnügt davoneilenden und oben nicht mal schneller atmenden Langlauf-Seniors haben die halb so alten Neulinge jetzt mehr als ein Ziel: Nicht nur die Spur zu halten und vor der Kurve so zu bremsen, dass sie nicht geradeaus weiterfahren, nein. Sie wollen vier Jahrzehnte später auch einen verschneiten Hang so hochsprinten, dass Youngstern unten der Mund offen stehenbleibt.

Um dieses Lebensziel zu erreichen, sollten sie den Bergen treu bleiben - aber nicht den Pisten. Natürlich macht es Spaß, mit Alpinski steile Hänge hinunter zu wedeln, gerne auch etwas schneller. Doch wenn es bei 50 oder 70 km/h den Ski verreißt und man den Rest des Hangs als lebendige Schneekugel hinabschleudert, dann gehört Glück dazu, damit der Skitag in der Hütte statt im Krankenhaus endet.

Auf idyllische Berg- und je nach Schneelage auch Tallandschaften müssen Langläufer aber nicht verzichten, nur weil sie keine Lust mehr auf Skizirkus haben.

Gute Aussicht

Oft sind Loipen besonders schön angelegt, durch Forste, um Seen herum, in immer schmaler werdenden Tälern. Ohne dass dafür Schneisen in den Wald gerissen werden müssen, die Berge aussehen lassen, als hätte ein riesiges Raubtier seine Krallen in ihre Flanken geschlagen. Wer die Routen nicht verlässt, stört auch die winterschlafenden Tiere nicht, und kann trotzdem die Natur auf langen Strecken genießen, nicht nur in den Alpen. Fällt ausreichend Schnee, werden im Mittelgebirge, am 142 Kilometer langen Fernskiwanderweg Rennsteig im Thüringer Wald oder in flachen Gegenden Deutschlands Strecken gespurt. Loipen gibt es im Bayerischen Wald, in Thüringen, im Schwarzwald oder auch am Brocken im Harz oder in Sayda im Erzgebirge - falls es anders als in diesem Januar und Februar schneit.

Wenn der Schnee im Tal fehlt

Zwar gibt es in den warmen Wintern auch nahe den Bergen Loipen, die nur dank Schneekanonen befahrbar bleiben. Das dankt zwar die Grasnarbe, die nicht von Skikanten zerfurcht wird. Doch der Verbrauch von Wasser, das oft aus dem nahen Bach gepumpt wird, und der Energiebedarf stehen nicht für ökologisch wertvollen Freizeitspaß. Egal wie das Wetter ist: Die Anreise sollten Langläufer genauso bedenken wie Alpinfahrer, den größten CO₂-Abdruck hinterlassen sie bei der Fahrt mit Auto statt Bahn und Bus.

Und wenn es doch zu wenig Naturschnee hat für eine Loipenrunde im Tal? Weicht man in bekannte "Schneelöcher" aus wie etwa Bayrischzell am Wendelstein. Oder auf Strecken über tausend Metern, in Deutschland und in den Nachbarländern. So kann man etwa im österreichischen Ramsau am Dachstein knapp zwei Stunden auf Einsteigerloipen für Klassikläufer unterwegs sein oder mittelschwer auf einer 30-Kilometer-Runde im Skatingstil - und dabei sechseinhalb Stunden das Dachstein-Gebirge gegenüber bewundern.

Oder in Osttirol, etwa den Dolomiten: Dort wählen Klassik-Läufer und Skater, ob sie mit Blick auf die Drei Zinnen, auf der Seiseralm, im Antholzertal oder doch in Alta Badia fahren wollen. Die Betreiber von zehn Gebieten haben von den Alpinfahrern gelernt und sich in Südtirol werbewirksam zu "Europas größtem Skilanglaufkarussell mit 1300 Kilometern Loipen" zusammengeschlossen.

Nummer sicher(er)

Dass man Alpinski-Pisten selten für sich allein hat und auch andere mit enormer Geschwindigkeit, aber nicht immer kontrolliert heranbrausen, macht den Sport nicht sicherer. Inzwischen versuchen sich die meisten mit Helmen zu schützen, viele tragen auch Rückenprotektoren. Doch was nützen die, wenn ein Übermütiger über eine Schneekante springt und auf einem fremden Oberschenkel landet, der dem Druck leider nicht standhält?

Natürlich kann man auch in der Loipe umknicken, sich das Knie verdrehen oder so unglücklich auf dem Gesäß landen, dass wie bei Angela Merkel 2014 das Becken angebrochen ist. Doch das fällt eher in die Kategorie Pech gehabt. Langlauf-Unfälle spielen in Notfall-Statistiken kaum eine Rolle - während sich Ärzte mit dem Zusammenflicken von Alpinskifahrern ein Chalet direkt neben der Piste verdienen können, die Kunden von morgen stets im Blick.

Die Geschwindigkeiten sind beim Langlauf andere, zudem fällt das Kreuz und Quer auf den Pisten weg. Auch wer nicht als Klassik-Läufer der Loipe folgt, sondern die breit gewalzte Skatingstrecke daneben vorzieht: Selbst wer noch so technisch versiert und durchtrainiert ist, wird doch nur halb so schnell wie ein Alpin-Anfänger, der dank Gefälle den Berg runterbrettert. Und der womöglich nach einem Hüttenstopp mit Druckbetankung auf der Abfahrt mit "nicht angepasster Geschwindigkeit" unterwegs ist, zufällige Zusammentreffen nicht ausgeschlossen.

Flow statt Stop-and-go

Auch an unfallfreien Tagen ist Langlaufen besser für die Gesundheit: Das gleichmäßige, erschütterungsfreie Gleiten schont die Knie, die Joggen belastet und Skifahren schon mal zerstört. Trotzdem sind Langläufer, statt im sowieso lichtarmen Winter in Schwimmhallen ebenfalls gelenkschonende Bahnen zu ziehen, draußen in der Bergwelt, in Wäldern und an Seen, wo eben Loipen angelegt sind.

Und ist der Winter so schneereich wie der im Jahr 2019, kann man die Ski gleich vor der Haustür anschnallen, die gewohnte Joggingstrecke rutschend genießen und sich fühlen wie im hohen Norden, wo Archäologen jahrtausendealte Überreste von Holzski fanden. Schon damals kamen die Menschen so im Schnee besser oder überhaupt voran, statt kräfteraubend Schritt für Schritt einzusinken. Langlaufen und Schneeschuhgehen waren kein Trend, sondern sicherten das Überleben. Damit konnte und kann Alpinskifahren kaum punkten.

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