Weltkriegs-Aufarbeitung in Serbien und Kroatien:Kroatien stellt sich seinen dunklen Seiten bislang kaum

Lesezeit: 6 min

Pavelic bei Hitler

Der kroatische Staatschef und Ustascha-Führer Ante Pavelic (li.) mit Nazi-Diktator Adolf Hitler im April 1943.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Trotz der Entschärfung des Gedenkprogramms war schon früh klar, dass das Gedenken an den 28. Juni getrennt stattfinden und sehr unterschiedlich ausfallen wird.

Der Präsident der Republik Srpska, Milorad Dodik, gab schon Anfang 2013 bekannt, dass er die Gedenkfeiern in Sarajevo im Juni 2014 boykottieren werde, die Führung Serbiens tut es ihm gleich. Statt in Sarajevo werden die Serben den Jahrestag in Andrićgrad begehen, einer Art serbischem Disneyland, das der zusehends ins nationalistische Lager abgedriftete Emir Kusturica aufgebaut hat.

Am Samstag wird Kusturica, der sein Programm eng mit Dodik und Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić abstimmte, den Mord an Erzherzog Franz Ferdinand "mit einer Performance rekonstruieren" - in Gegenwart der serbischen Staats- und Regierungsspitze. "Es zeugt nicht gerade von ausgeprägtem europäischem Bewusstsein, wenn die Leitung eines Landes, das in die EU möchte, an diesem Tag zum Nachspiel der Ermordung eines europäischen Thronfolgers pilgert", wundert sich Ulf Brunnbauer vom Regensburger Institut für Osteuropaforschung.

Auf so vermintem Gelände wie dem Sarajevo-Gedenken findet selbst wissenschaftliche Aufarbeitung der damaligen Zeit getrennt statt. 150 Historiker trafen sich in der vergangenen Woche in Sarajevo zur Tagung über den Ersten Weltkrieg. Auch um diesen Kongress wurde erbittert gestritten: Die zunächst als Mitorganisatoren und -finanziers vorgesehenen Franzosen wollten die Tagung knapp zwei Jahrzehnte nach Ende des Bosnienkrieges auch zur politischen "Versöhnung" zwischen Serben, Bosniaken und Kroaten nutzen.

Den anderen Organisatoren missfiel dies. "Wir wollen keine politischen Aufgaben erfüllen, sondern den aktuellen Forschungsstand darstellen", sagt Mitorganisator Florian Bieber vom Südosteuropainstitut der Universität Graz. Und so stiegen die Franzosen im Vorfeld aus und die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein.

Unter den Organisatoren der Konferenz waren neben den Universitäten Sarajevo, Graz und Regensburg auch Institute aus Budapest und Sofia, Zagreb, Skopje und Ljubljana , aber keines aus Belgrad. "Die Belgrader Kollegen hatten Angst, dass ihre Teilnahme nicht gut ankommt und die serbische Regierung ihnen die Finanzierung kürzt", sagt Bieber.

Das offizielle Serbien verließ sich lieber auf den heimischen Boden und hielt eine Konferenz "Die Serben und der Erste Weltkrieg" Mitte Juni in der zuverlässig nationalistischen Serbischen Akademie der Wissenschaften statt. Den Ton gaben Präsident Nikolić und Patriarch Irinej der serbisch-orthodoxen Kirche vor - sie zogen zu den Klängen der serbischen Nationalhymne in den Tagungssaal ein.

Die Aufgabe des Kongresses stand von vornherein fest: "Neuen Versuchen der Revision der Geschichte und einzelner Historiker, Serbien als Schuldigen für den Ausbruch des Großen Krieges zu beschuldigen", eine Absage zu erteilen. "Einzelne Historiker", das ist in Serbien eine Chiffre für Christopher Clark, den Oxford-Historiker, der in seinem Bestseller "Die Schlafwandler" neben Kriegstreibern in Österreich und Deutschland, Russland und Frankreich auch das aggressive Handeln Serbiens im Vorfeld des Ersten Weltkrieges ausführlich schildert.

Das offizielle Serbien verurteilt Clarks Buch einhellig, dabei hat es kaum jemand gelesen: Alle etablierten Belgrader Verlage schreckten vor dem Zorn der serbischen Regierung zurück.

Serbiens Ex-Außenminister Vuk Jeremić immerhin hatte als Organisator der Konferenz "Die europäische Tragödie von 1914 und die multipolare Welt von 2014" die Größe, Clark nach Belgrad einzuladen - und Clark hatte die Größe, Ende Mai in die Höhle des Löwen zu kommen. Zumindest beim Fachpublikum errang Clark mit seinen differenzierten Ausführungen dann einen Achtungserfolg. Serbiens Presse dagegen machte ihn zum angeblichen Verteidiger serbischer Unschuld.

Immerhin: Liegt der Jahrestag von Sarajevo erst hinter ihnen, können bald auch die Serben selbst lesen, was Clark zu sagen hat: Der kleine Wissenschaftsverlag Heliks aus Smederovo südöstlich von Belgrad arbeitet an der Fertigstellung der Übersetzung und der Veröffentlichung der "Schlafwandler" auf dem serbischen Markt.

Weitere SZ-Texte über den Ersten und den Zweiten Weltkrieg:

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB