Lehren aus dem Ersten Weltkrieg Die Geschichte, unsere exzentrische Lehrerin

Kaiser Wilhelm II. (r.) besucht 1913 die Stadt Lübeck. Hier maschiert gerade die Ehrenkompanie an ihm vorbei.

Ereignisse der Vergangenheit hallen nach, aber sie wiederholen sich nicht unbedingt. Wir müssen uns die Mühe machen, eigene Schlüsse zu ziehen.

Ein Gastbeitrag von Christopher Clark

Der australische Historiker Christopher Clark hat 2013 mit seinem Buch "Die Schlafwandler" weltweit Aufmerksamkeit erregt. Darin analysiert er die Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die deutsche Schuld.

Im Frühjahr 2011 war ich gerade dabei, ein Kapitel über den Italienisch-Türkischen Krieg von 1911 zu schreiben. Dieser Konflikt begann damit, dass das Königreich Italien ein Gebiet jenseits des Mittelmeers angriff, das damals zum Osmanischen Reich gehörte und heute als Libyen bekannt ist.

In diesem Krieg, der inzwischen fast vergessen ist, wurde erstmalig ein Aufklärungsflug eingesetzt. Seine Aufgabe war es, die Koordinaten feindlicher Stellungen an die eigene Artillerie zu übermitteln. Es war auch der erste Krieg, in dem Bomben aus der Luft abgeworfen wurden - aus italienischen Flugzeugen.

Ein System geopolitischer Balancen hinweggefegt

Ich hatte eben erst mit dem Schreiben des Kapitels begonnen, als die Nachrichten von Luftschlägen gegen Libyen hereinkamen. Exakt hundert Jahre nach dem Konflikt, über den ich schrieb, fielen also Bomben auf libysche Städte, die Schlagzeilen waren voller Namen, wie sie schon 1911 in den Zeitungen gestanden hatten: Tripolis, Bengasi, Sirte, Derna, Tobruk, Zawiya, Misrata. Die Übereinstimmungen waren frappierend, aber was hatten sie zu bedeuten? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.

Der Konflikt im Jahr 2011 unterschied sich deutlich von seinem Vorgänger ein Jahrhundert zuvor. Der Italienisch-Türkische Krieg von 1911 setzte eine Kette ähnlicher Angriffe auf südosteuropäische Besitzungen des Osmanischen Reichs in Gang, die als Erster Balkankrieg bekannt sind. Sie fegten ein System geopolitischer Balancen hinweg, die es lange ermöglicht hatten, regionale Konflikte einzudämmen.

Von Sarajevo bis Versailles - dazwischen das große Sterben

Der Erste Weltkrieg hat die Landkarte Europas grundlegend verändert und das 20. Jahrhundert geprägt. Eine Übersicht der wichtigsten Daten eines bis dahin nie da gewesenen Gewaltausbruchs. mehr ...

Dieser Krieg war einer von vielen Meilensteinen auf dem Weg zu einem großen Krieg, der zunächst Europa verschlang - und dann fast die gesamte Welt. Es gab und gibt wenig Gründe zu der Annahme, dass die Luftschläge von 2011 in Libyen solch fürchterliche Konsequenzen nach sich ziehen werden.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber - wie Mark Twain angemerkt hat - manchmal reimt sie sich. Was aber bedeuten diese Gleichklänge? Womöglich sind sie nur Symptome für den Präsentismus einer westlichen Kultur, die alles aus der Gegenwart heraus erklären will, und die in der Vergangenheit nichts weiter erkennen kann als endlose Spieglungen der eigenen Besorgnisse, kurz gesagt: einer Kultur, die besessen ist von Jahrestagen und Erinnerungen.

Eine aufstrebende Macht trifft auf eine ermüdeten Hegemon

Aber vielleicht bringen diese geschichtlichen Déjà-vus ja doch mehr zum Vorschein, nämlich direkte Beziehungen zwischen einem historischen Moment und dem anderen. In den vergangenen Jahren haben sich solche Ähnlichkeiten gehäuft. Es wird langsam eine Binsenweisheit, dass die Welt, in der wir heute leben, mehr und mehr der Welt von 1914 ähnelt.

Die bipolare Stabilität des Kalten Krieges haben wir hinter uns gelassen, wir tun uns noch immer schwer damit, ein System zu begreifen, das zunehmend multipolar, undurchsichtig und unvorhersehbar wird. Wie 1914, tritt heute eine aufstrebende Macht einem ermüdeten - aber sich nicht zwingend im Niedergang befindlichen - Hegemon entgegen.

Mit Hurra ins große Gemetzel

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Krisen erschüttern strategisch wichtige Regionen dieser Welt, ohne dass sich jemand ihrer annimmt. Manche dieser Krisen tangieren direkt die Interessen großer Mächte - wie etwa der in einer Pattsituation feststeckende Konflikt um die Senkaku-Inseln im westlichen Pazifik.

Niemandem, der sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit der Krise des Sommers 1914 auseinandersetzt, kann entgehen, wie stark die damaligen Ereignisse in der heutigen Zeit nachhallen.

Damals begann es mit einer Truppe von Selbstmordattentätern und einem Autokonvoi. Hinter dem Gewaltausbruch von Sarajewo steckte eine Organisation, die Opfer, Tod und Rache zum Kult erhob. Sie war politisch zersplittert und bestand aus einzelnen Zellen. Sie war niemandem Rechenschaft schuldig, ihre Regierungs-Verbindungen waren indirekt und verdeckt.

Was die Schülerin Trudl vom Ersten Weltkrieg mitbekam

Kaiser Wilhelm II. herrscht über die Deutschen, als Gertrud Dyck 1908 in Berlin geboren wird. Sie kommt in die Schule, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Ist Mutter, als der Zweite Weltkrieg tobt. Eine 105-Jährige erinnert sich. Von Anna Günther. Mit Videos von Daniel Hofer. mehr ...

Selbst die gegenwärtige Wut über Wikileaks, Spionage und chinesische Cyber-Attacken hat ein Pendant im frühen 20. Jahrhundert: Die französische Außenpolitik hatte in den letzten Jahren vor dem Krieg mit gezielten Indiskretionen aus hochrangigen Geheimdienstkreisen zu kämpfen. Die Briten sorgten sich über russische Spionage in Zentralasien, und im Frühsommer des Jahres 1914 hielt ein Spion der russischen Botschaft in London Berlin über die aktuellen Flottengespräche zwischen Großbritannien und Russland auf dem Laufenden.

Der skandalöseste Fall von allen war der des österreichischen Obersts Alfred Redl, der zum Chef der österreichischen Gegenspionage aufstieg, aber selbst ein Agent der Russen war. Er lieferte ihnen auch aus dieser Position heraus hochklassige militärische Geheimdienstinformationen - bis er verhaftete wurde. Im Mai 1913 gestattete man ihm, Selbstmord zu begehen.