Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wie Deutschland 1914 den Krieg plante

Drei Männer, die einen großen Krieg wollten: Kaiser Wilhelm II. (links) im Gespräch mit dem Staatssekretär des Reichsmarineamts, Großadmiral Alfred von Tirpitz (Mitte), und Generalstabschef Helmuth von Moltke 1912.

Kaiser Wilhelm II. und sein Umfeld ersehnten sich einen Krieg gegen Frankreich und Russland. Im Sommer 1914 taten diese Männer alles, um den Frieden zu sabotieren. Die These von der "Unschuld" Berlins kann nur vertreten werden, wenn man die Ergebnisse penibler Archivforschung ignoriert.

Von John C. G. Röhl

Der Historiker John C. G. Röhl, Jahrgang 1938, lehrte bis zur Emeritierung an der Universität Sussex. Der Brite ist ein führender Experte für Kaiser Wilhelm II. und das Wilhelminische Zeitalter. Seit mehr als fünf Jahrzehnten beschäftigt sich Röhl mit dem Hohenzollern und seiner Epoche. Seine dreibändige Biografie zu Wilhelm II. (Verlag C.H. Beck) ist ein Standardwerk.

In dem folgenden Gastbeitrag für die SZ (hier der Link zur englischen Version) widmet sich Röhl der kontrovers diskutierten Frage, warum London 1914 gegen das Kaiserreich in den Krieg gezogen ist - und inwiefern Berlin am Ausbruch des Ersten Weltkrieges beteiligt war. Dafür dokumentiert Röhl anhand von Fakten, wie die Reichsregierung um den Kaiser einen großen Waffengang plante, von einem Kontinentaleuropa (und weite Teile Afrikas) beherrschenden Großdeutschland träumte und wie Wilhelm II. mit seinen Helfern jubelte, als im Sommer vor 100 Jahren der Krieg begann.

Als deutsche Truppen am 3. August 1914 in das neutrale Belgien einfielen, um gemäß dem Schlieffenplan Frankreich zu erobern, ehe man gegen Russland loszog, stand die Regierung Großbritanniens vor der Frage, ob es abseits bleiben oder in den Kontinentalkrieg eingreifen sollte. Die Entscheidung Londons, dem Ententepartner Frankreich mit einem Expeditionskorps von 100.000 Mann beizustehen, sollte schließlich das Leben von mehr als einer Million jungen Männern kosten - etwa drei Mal so viel wie im ganzen Zweiten Weltkrieg.

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Einhundert Jahre nach Beginn des Großen Krieges ist die Kontroverse über Sinn und Unsinn des Kriegseintritts am 4. August 1914 und der ungeheuren Opfer, die der Kampf gefordert hat, in der britischen Öffentlichkeit von Neuem aufgeflackert. Für die Gedenkfeier der Katastrophe hat die Regierung Cameron 50 Millionen Pfund bereitgestellt, ein Expertengremium einberufen und angeregt, "Stolpersteine" zu Ehren der Gefallenen in die Bürgersteige ihrer Heimatstädte und -dörfer einzusetzen, wie es in vielen deutschen Städten zum Gedächtnis der Opfer des Holocausts geschehen ist.

Doch die Diskussion darüber, wie das Zentenarium des Großen Krieges begangen werden sollte, verläuft auf der Insel zunächst noch etwas orientierungslos, und nicht zuletzt deshalb, weil die Fachhistoriker unter sich zerstritten sind.

Vor kurzem hat Niall Ferguson erneut für Widerspruch gesorgt, als er seine alte Behauptung wiederholte, der Erste Weltkrieg sei für England doch 'der falsche Krieg' gewesen, ein Sieg des kaiserlichen Deutschlands hätte uns damals schon so etwas wie die Europäische Union gebracht, die unzähligen Opfer von 1914 bis 1918 - so kann man daraus folgern - seien umsonst erbracht worden.

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Auf der Insel ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ohnehin eher durch die Antikriegsliteratur von Dichtern wie Siegfried Sassoon, Wilfred Owen und Robert von Ranke-Graves (Goodbye to all that) mit ihren eindringlichen Schilderungen der Schlammschlachten in Flandern als durch die historische Forschung geprägt worden. Sebastian Faulks, Verfasser des Erfolgsromans Birdsong über die Schlacht an der Somme, spricht von dem millionenfachen Tod in den Schützengräben an der Westfront als von einem ersten Holocaust.

Der verständliche Horror über die unvorstellbaren Verluste und Leiden überschatten oft die Kenntnisse der geschichtlichen Grundtatsachen. Nach einer vom British Council in Auftrag gegebenen Umfrage herrscht unter den Insulanern zum Beispiel Verwirrung darüber, auf welcher Seite das russische Zarenreich beziehungsweise die Türkei gekämpft haben.

Nur einer Minderheit war bekannt, dass Kanada, Australien, Neuseeland, Indien und schließlich die USA auch noch am Krieg gegen die Mittelmächte beteiligt waren, oder dass der Krieg auch in Masuren und Galizien, auf dem Balkan, in den Dolomiten oder in Afrika tobte. Einer von der BBC durchgeführten Meinungsumfrage zufolge halten gegenwärtig 55 Prozent der Briten den Kriegseintritt 1914 für gerechtfertigt, 38 Prozent erklärten ihn für eine Fehlentscheidung.

Sturmangriff österreichisch-ungarischer Truppen auf eine italienische Stellung bei einer Isonzo-Schlacht im Jahre 1916

Die gegenwärtige britische Regierung sieht sich genötigt, aufklärend in den Streit einzuwirken. Bildungsminister Michael Gove sorgte kürzlich für Aufregung, als er linksgerichteten Intellektuellen vorwarf, ein allzu negatives Bild des Krieges verbreitet zu haben und einigen Schullehrern unterstellte, satirische Fernsehprogramme wie Blackadder (mit Rowan Atkinson diesmal nicht als Mr. Bean sondern in der Rolle eines närrischen hochnäsigen Frontoffiziers) oder das antikapitalistische Musical Oh what a lovely war! der 1960er Jahre für den Geschichtsunterricht zu verwenden.

Die Regierung muss allerdings vorsichtig operieren, will sie vermeiden, alte Ressentiments gegen 'die Deutschen' von Neuem aufkommen zu lassen. Besser, man distanziert sich vom eigentlichen Kriegsgrund von damals und spricht, wie Premierminister David Cameron es in einem Zeitungsinterview neulich getan hat, von der drohenden Vorherrschaft 'Preußens' in Europa, die es aus Sicht der "Generation von 1914" galt, abzuwehren. Unter dem Eindruck mehrteiliger TV-Sendungen wie etwa Britain's Great War (BBC1) oder The Necessary War (mit Sir Max Hastings) wächst das Verständnis für den britischen Kriegseintritt als notwendiges Übel allerdings wieder an.

Alle hatten gleich viel Schuld, glauben viele Deutsche heute

In Deutschland scheint sich die öffentliche Meinung in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Im Windschatten von Bestsellern wie Christopher Clarks Die Schlafwandler oder Herfried Münklers Der Große Krieg, die in den Medien ein enormes Echo gefunden haben, sollen jetzt nur noch 19 Prozent aller Deutschen die "Hauptverantwortung" für den Krieg bei der Reichsregierung sehen, während ganze 58 Prozent der Befragten alle kriegsführenden Mächte gleichmäßig für schuldig halten.

Das ist eine neue und nicht unbedenkliche Entwicklung, denn seit den bahnbrechenden Arbeiten von Fritz Fischer und Imanuel Geiss, die mit unwiderlegbaren Dokumenten aus den Archiven das Ausmaß der Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland offenlegten, herrscht in der internationalen Forschung Übereinstimmung über die führende Rolle, die die Berliner Regierung bei der Verursachung des Weltkrieges gespielt hat.

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Zum Glück wird niemand auf den Gedanken kommen, dass das heutige demokratische, ja fast pazifistische Deutschland, das in Frieden mit allen seinen Nachbarn lebt und eine verantwortungsbewusste Rolle in der internationalen Staatenordnung übernommen hat, mit wilhelminischen Alleingängen in der Weltpolitik liebäugelt.

Etwas mulmig wird es einem trotzdem bei der Vorstellung, dass in vielen Köpfen in Deutschland jetzt wohl der Eindruck im Entstehen begriffen ist, als wären die Forschungsergebnisse von Fischer, Geiss und zahlreichen anderen Historikern nichts weiter als Ausdruck eines "blame games" (Clark) gewesen, mit der die Alliierten Deutschland durch eine unfaire Schuldzuweisung auch noch für den Ersten Weltkrieg niederzuhalten getrachtet hätten.

Empfehlenswerte historische Lektüre

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Die Bismarck'sche Zurückhaltung ging über Bord

Die These von der "Unschuld" der Reichsregierung an der Auslösung des Weltkrieges im Juli 1914 kann nur vertreten werden, wenn man die Ergebnisse der peniblen Archivforschung der letzten fünfzig Jahre bagatellisiert oder ganz außer Acht lässt. Bei allen Unterschieden in der Gewichtung war die Forschung übereinstimmend zu der Meinung gelangt, dass die längerfristigen Ursachen der beiden Weltkriege im erstaunlichen Erfolg des von Bismarck geeinten Deutschen Reiches zu sehen seien.

Nach den drei Kriegen von 1864 (hier mehr dazu), 1866 und 1870-71 habe das preußisch-deutsche Kaiserreich im Herzen Europas eine Dynamik entwickelt, so der Konsens, die mit der Zeit fast zwangsläufig zu einer Herausforderung des europäischen Staatensystems werden musste. Solange Bismarck das Ruder in der Hand hielt, war diese Bedrohung nur latent vorhanden.

Mit einem unberechenbaren jungen Kaiser an der Spitze aber, der in Vorstellungen des Gottesgnadentums und des friderizianischen Mythos der stets fortschreitenden Expansion der preußischen Militärmonarchie vernarrt war, wurde die Bismarck'sche Zurückhaltung über Bord geworfen.

Nicht auf einer Wellenlänge: Wilhelm II. (li) und der alte Reichskanzler Otto von Bismarck im Park von Schloss Friedrichruh im Jahre 1888, dem Jahr, in welchem der selbstherrliche junge Kaiser den Thron bestieg.

Das wirtschaftlich, demografisch und kulturell beispiellos erfolgreiche Reich preschte nach vorne, und das Streben nach dem Status einer "Weltmacht" auf Augenhöhe mit den aufsteigenden Vereinigten Staaten von Amerika im Westen und der von Wilhelm II. als "Gelbe Gefahr" verunglimpften Mächte im Osten brachte das Kaiserreich unweigerlich in den Konflikt mit dem "europäischen Konzert" - dem Staatensystem des Wiener Kongresses, welches letztendlich durch die Gleichgewichtspolitik Großbritanniens aufrechterhalten wurde.

Freilich war Krieg nicht die einzige Option, die in der Berliner Reichsführung um die Jahrhundertwende erwogen wurde, um den Durchbruch zur Hegemonie auf dem Kontinent zu erreichen. Das gegen England gerichtete Tirpitz'sche Schlachtflottenprogramm und eine erpresserische Diplomatie der starken Hand, speziell gegen Frankreich in den beiden Marokkokrisen von 1905 und 1911, wurden ebenfalls unternommen.