100 Jahre Erster Weltkrieg Ein Riss in der Zeit

Deutsche Soldaten 1916 in einem Schützengraben im Chapitiewald während der Schlacht von Verdun. Der Soldat links trägt noch die Pickelhaube mit Helmüberzug mit aufgemalter Regimentsnummer, der Hauptmann in der Mitte einen Stahlhelm.

Ein Gemetzel, das die Menschen um Seele und Verstand brachte: Warum uns der Erste Weltkrieg auch hundert Jahre nach seinem Ausbruch unverständlich bleibt.

Von Lucian Hölscher

Auch hundert Jahre nach seinem Ausbruch bleibt uns der Erste Weltkrieg unverständlich. Das liegt nicht so sehr an Mängeln seiner reichlich späten historischen Aufarbeitung als vielmehr daran, dass uns die Welt, in der dieser Krieg die Menschen von Grund auf erschütterte, fremd geworden ist.

Die Hoffnungen, die ihn trugen, sind zerstoben, das Entsetzen, das er auslöste, zu vertrauten Formeln geronnen, die Kriegsgräuel längst von späteren überboten: Zehn Millionen Tote - im Zweiten Weltkrieg waren es weit mehr. Kriegspropaganda, Zwangsarbeit und ethnische Vertreibungen- auch sie gab es schon im Ersten Weltkrieg, doch der Zweite übertraf ihn darin noch bei weitem.

Im Ersten Weltkrieg allerdings waren die Erfahrungen des modernen, industriell geführten Krieges noch neu, die seelische Erschütterung der Menschen daher grundsätzlicher. In ihm zerbrachen nicht nur die Körper der Menschen, sondern auch ihre Seelen und ihr Verstand.

Erster Weltkrieg Wo es lärmt und schmeckt wie an der Front
Ausstellungen zu 100 Jahren Erster Weltkrieg

Wo es lärmt und schmeckt wie an der Front

Kriegskunst und Waffen, Filme und der Gestank in den Schützengräben: Ausführlich behandeln Museen der einst verfeindeten Staaten den Weltenbrand vor 100 Jahren. Eine Auswahl von Ausstellungen von Wuppertal bis Ottawa.

Dies war in erster Linie Folge einer Kriegsführung, die die Soldaten extremen, widersprüchlichen und bislang unbekannten Eindrücken aussetzte: etwa dem extremen Gegensatz von wochenlangen Aufenthalten in regenüberfluteten Schützengräben und der Idylle friedlicher Einquartierungen; Naturerlebnissen von überwältigender Schönheit und apokalyptisch zerstörten Landschaften; von brüllenden Schlachten bei Tag und der Totenstille nächtlicher Wachen.

Darunter litt die seelische Gesundheit der Soldaten fast noch mehr als unter den physischen Belastungen: Anhaltende Müdigkeit bildete nachts bei der Wache eine oft tödliche Gefahr. Sie wechselte dann aber mit Phasen überheller Wachheit ab, wenn der Kampf begann und wenn bei einem Angriff die Richtung und Art der tödlichen Geschosse nur noch über das Gehör geortet werden konnte.

Auch in der Heimat hatte schon in den ersten Kriegstagen, wie Stefan Zweig in seinem Tagebuch festhielt, eine abgrundtiefe Müdigkeit die Menschen ergriffen: Nachts konnten sie aus Sorge um das Schicksal der ins Feld gezogenen Männer nicht schlafen, tagsüber verdämmerten sie die Stunden in Erwartung großer Ereignisse.

Zur extremen Anspannung der Sinne an der Front trug auch der ohrenbetäubende Lärm der großen Geschütze bei, etwa der "Dicken Berta", die den Stolz der deutschen Militärführung bildete. Er zerrüttete die Nerven und führte massenhaft zu bleibenden Schäden. Die Zahl der durch sie psychisch Zerrütteten, der als "Kriegsschüttler" und "Zitterer" mehr diffamierten als medizinisch diagnostizierten Kriegsopfer, ging bald in die Hunderttausende.

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Nicht erschossen, sondern nervlich zermürbt zu werden, galt der militärischen Führung als unehrenhafte Form der Verwundung. Die Ängste, die solche Gefährdungen bei den Betroffenen auslösten, die Unbeherrschbarkeit der Gliedmaßen, die sie hervorriefen, nährte den Verdacht unmännlicher Schwäche und verräterischer Neigung zur Drückebergerei.

Und in der Tat nahm der Kampf zwischen Täuschung und Unterdrückung in der Armee bald extreme Formen an. Unerfahren in der Diagnose und hilflos in der Therapie fingen die Militärärzte die Betroffenen meist in frontnahen Lazaretten auf. Die Behandlung mit Elektroschocks verfolgte hier in der Regel das Ziel, sie müsse für die Patienten jedenfalls abschreckender sein als der Einsatz an der Front. Dorthin wurden die Nervenkranken dann auch meist wieder geschickt, um einen "ehrenhaften" Tod zu sterben.