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Reparationen für NS-Verbrechen:"Stillschweigendes Einverständnis" für Tsipras inakzeptabel

Die Bundesregierung verweist hier stets auf den Zwei-plus-Vier-Vertrag zur deutschen Wiedervereinigung von 1990. Darin spielten Reparationsforderungen keine Rolle mehr, obwohl sie bei der Londoner Schuldenkonferenz 1953 noch bis zu einem "endgültigen Friedensvertrag" verschoben worden waren. 1990 soll die Regierung Kohl/Genscher den Begriff "Friedensvertrag" daher auch bewusst vermieden haben.

Hans-Dietrich Genscher vermerkt in seinen Memoiren ein "stillschweigendes Einverständnis der Vier" und folgert: "Damit war uns auch die Sorge vor unübersehbaren Reparationsforderungen von den Schultern genommen."

Im Fokus: ein deutscher Zwangskredit

Auf diese Erklärungen dürfte sich Tsipras beziehen, wenn er jetzt Deutschland vorwirft, auf alle Entschädigungs-Forderungen Athens stets mit "juristischen Tricks und Verzögerungen" reagiert zu haben. Seit 1990 hat fast jede Athener Regierung betont, bilaterale Ansprüche seien auch nach der deutschen Wiedervereinigung keineswegs abgegolten, und man habe auch nie auf Reparationen verzichtet.

Tsipras' konservativer Vorgänger Antonis Samaras hatte - bereits unter politischem Druck und neuer anti-deutscher Stimmung - eine Expertenkommission eingesetzt, die Forderungen beziffern sollte. Seitdem gibt es verschiedene Zahlen, die immer wieder in den griechischen Medien auftauchen: von elf bis 332 Milliarden Euro.

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Die Kommission konzentrierte sich vor allem auf einen Zwangskredit von 476 Millionen Reichsmark, den die deutschen Besatzer der Notenbank Griechenlands abpressten. Damit finanzierten die Nationalsozialisten unter anderem Erwin Rommels Afrika-Feldzug.

Der in Griechenland lebende und lehrende deutsch-griechische Historiker Hagen Fleischer hatte jüngst in einem SZ-Interview gesagt, die Zwangsanleihe sei eine "griechische Besonderheit", weshalb Berlin und Athen sich "an einen Tisch setzen" und mit der alten Anleihe befassen sollten.

Generellen Reparationsforderungen aber gibt auch der Historiker Fleischer heute keine Chance mehr. Er hatte die "Denkschrift", in der Reichsbankbeamte Anfang 1945 auch die Zwangsanleihe auflisteten, Mitte der Siebzigerjahre selbst im Bundesarchiv in Koblenz in einem Konvolut von frisch eingetroffenen Akten aus US-Beständen entdeckt.

Auch Verteidigungsminister Panos Kammenos will sich mit dem Thema nun profilieren. Kammenos gab die Gründung von "Volkskomitees" bekannt, an denen sich Offiziere und Ex-Offiziere beteiligen sollten. Diese müssten sich jetzt auch um die Reparationsfrage kümmern - zusätzlich zu dem gerade wieder eingesetzten Parlamentsausschuss. Kammenos hatte seine rechtspopulistische Partei 2012 ausgerechnet in Distomo gegründet. Um die NS-Opfer ging es ihm dabei kaum - eher um ein antideutsches Signal.

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