Fischsterben:Lemke: "Wirklich schlimme Umweltkatastrophe"

Lesezeit: 3 min

Eine deutsch-polnische Expertengruppe soll die Ursachen des Fischsterbens in der Oder untersuchen. In der Grenzregion herrscht Verärgerung über das Verhalten der polnischen Regierung.

Von Viktoria Großmann und Paul-Anton Krüger, Berlin

Polen und Deutschland haben vereinbart, bei der Aufklärung der Ursachen des Fischsterbens in der Oder eng zusammenzuarbeiten. Am Sonntagabend traf sich Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) in Stettin mit ihrer polnischen Kollegin Anna Moskwa. An dem Treffen nahmen auch der polnische Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk sowie die Umweltminister von Brandenburg und von Mecklenburg-Vorpommern, Axel Vogel (Grüne) und Till Backhaus (SPD), teil. Sie vereinbarten, mit einer gemeinsamen Expertengruppe die Reaktion auf die Krise zu koordinieren und einen engen und permanenten Informationsaustausch sicherzustellen, um die Ursachen für das Fischsterben zu ermitteln.

Lemke sagte, man habe lösungsorientiert diskutiert und "gute und gemeinsame Schritte" vereinbart. Das Treffen folgte auf harsche Kritik aus Deutschland am Verhalten der polnischen Regierung. Trotz bestehender Alarmpläne für den im Rahmen der Internationalen Kommission zum Schutz der Oder gegen Verunreinigung (IKSO) hatte die polnische Seite die deutschen Behörden erst am Donnerstag informiert, Tage nachdem im Oberlauf des Flusses bereits massenhaft tote Fische gefunden worden waren. In Polen gehen die Vermutungen dahin, dass bereits am 25. Juli nahe Oppeln Giftstoffe ins Wasser gelangt sein könnten.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hatte am Wochenende einen Krisenstab besucht, der in Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) eingerichtet wurde. Das Thema habe für die Regierung oberste Priorität, er werde nun ständig über neue Ergebnisse auf dem Laufenden gehalten.

Unterdessen bekämpfen sich die politischen Lager in Polen scharf, gegenseitige Rücktrittsforderungen werden laut. Kommunalpolitiker der Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, zu spät über die Gefahr, die von der Oder für Badende oder Spaziergänger ausgeht, informiert zu haben. Regierungsmitglieder wiederum sprechen von der Verbreitung falscher Informationen.

Die Behörden in Brandenburg erhielten nach eigenen Angaben die ersten Informationen am vergangenen Dienstag, als ein Schiffführer gemeldet hatte, dass tote Fische auf dem Strom schwimmen. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kritisierte das am Montag bei einem Besuch an der Oder in Lebus scharf. Informationen seien nur "kleckerweise" oder "überhaupt nicht" gekommen. "Das muss dringend aufgearbeitet werden in den kommenden Monaten", forderte er.

Lemke warnte, wenn es nicht gelinge, die Verursacher ausfindig zu machen, könne dies zu einem massiven Vertrauensverlust "vor allem in der polnischen Bevölkerung, aber wahrscheinlich auch bei uns" führen. In der Grenzregion herrscht auf deutscher Seite massive Verärgerung über das Verhalten der polnischen Regierung, aber auch die Menschen und die lokalen Behörden in Polen sind empört, dass sie von der Regierung in Warschau nicht informiert wurden. Polens Premier Morawiecki beschuldigte unterdessen die deutschen Behörden am Samstag, keine Sperren auf der Oder ausgebracht zu haben, um ein Abtreiben der toten Fische ins Stettiner Haff zu verhindern.

Lemke sprach von einer "wirklich schlimmen Umweltkatastrophe", deren Auswirkungen sich möglicherweise auf Jahre erstrecken könnten. Unklar ist nach wie vor die Ursache. Das Fischsterben sei weder durch Quecksilber noch andere Schwermetalle ausgelöst worden, sagte Polens Umweltministerin Moskwa. Das hätten Laboruntersuchungen verendeter Fische ergeben. Nun würden Proben der Fische auf weitere 300 schädliche Stoffe untersucht, darunter auch auf Pestizide. Zudem sollen tote Fische seziert und das Verhalten der Tiere kurz vor ihrem Verenden untersucht werden.

Fischsterben: "Tatsächlich ist das gesamte Ökosystem der Oder geschädigt": Gemeinsame Pressekonferenz von Polens Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk (von links) und Umweltministerin Anna Moskwa mit Bundesumweltministerin Steffi Lemke.

"Tatsächlich ist das gesamte Ökosystem der Oder geschädigt": Gemeinsame Pressekonferenz von Polens Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk (von links) und Umweltministerin Anna Moskwa mit Bundesumweltministerin Steffi Lemke.

(Foto: Marcin Bielecki/dpa)

Moskwa sagte weiter, Wasserproben hätten einen erhöhten Sauerstoffgehalt ergeben, was für die Sommerperiode und den niedrigen Wasserstand ungewöhnlich sei. Möglicherweise sei es zu einem Oxidierungsprozess des Wassers gekommen. Dies könne darauf hindeuten, dass das Fischsterben möglicherweise keine natürliche Ursache habe, sondern dass es einen Täter gebe, der Substanzen ins Wasser eingeleitet habe.

Ähnlich äußerte sich Brandenburgs Umweltminister Vogel. Die Landeslabore in Brandenburg analysierten das Wasser der Oder in einer Breitbanduntersuchung. Das Ergebnis liege wohl erst in ein paar Tagen vor. Es gebe aber eine "absolute Anomalie": Man habe einen hohen Sauerstoffgehalt, einen hohen pH-Wert und eine hohe Salzfracht festgestellt. Die Gründe dafür kenne man noch nicht. Auch sei unklar, ob weitere Stoffe in die Oder gelangt seien.

Auch die Dürre trägt zur Katastrophe bei

Vogel warnte auch vor den Langzeitfolgen der Vergiftung. "Wir reden jetzt immer über Fische, tatsächlich ist ja das gesamte Ökosystem der Oder geschädigt", sagte er am Montag im RBB-Inforadio: "Wir haben wirklich lange Zeiträume, wo insbesondere Muscheln, Mollusken, Insekten dann auch Zeit benötigen, um sich wieder aufzubauen." Der Minister geht davon aus, dass eine Verkettung von Faktoren zu der Katastrophe geführt hat. Die Dürre und der geringe Wasserstand der Oder hätten ziemlich sicher einen Anteil daran. Weil das Ökosystem insgesamt betroffen sei, könnten die Folgen auch nicht innerhalb von einem halben Jahr durch Wiederbesiedlung mit Fischen gelöst werden.

An der Oder gingen die Aufräumarbeiten weiter. Bei Gartz sollte wie zuvor schon auf polnischer Seite eine Ölsperre im Fluss das weitere Abtreiben der Kadaver verhindern. In Gryfino, 30 Kilometer nördlich von Schwedt, waren am Sonntagnachmittag weder auf dem östlichen noch auf dem westlichen Arm des Grenzflusses tote Fische in größerer Zahl zu sehen. Meldungen aus dem Stettiner Haff, dass dort Kadaver im Wasser treiben, bestätigten sich nicht. Allerdings rechnen die Behörden damit, dass die Giftstoffe das Gebiet erreicht haben müssten. Am Samstag genommene Wasserproben haben den Angaben nach unauffällige Werte ergeben.

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