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Merkels Pressekonferenz:Als wäre nichts passiert

  • Angela Merkel spricht bei ihrer Sommer-Pressekonferenz in Berlin über Klimaschutz und die Ernennungen von Kramp-Karrenbauer und von der Leyen.
  • Nach turbulenten Wochen ist ihr Auftritt gewohnt routiniert.
  • Deutlich distanziert sie sich von Attacken des US-Präsidenten Trump gegen demokratische Politikerinnen.

Der Satz kommt wie eine Randbemerkung daher. Angela Merkel spricht ihn wie die meisten ihrer Sätze absolut unbetont, als wäre auch er nicht nötig. Er erscheint lapidar und hat doch gerade deshalb etwas von einem Markenzeichen für die Kanzlerin. "Bei uns wird so viel gesprochen", sagt sie, und für Angela Merkel dürfte damit im Grunde so gut wie alles gesagt sein zur Aufregung der vergangenen Tage.

Eine für die Sommerpause ungewöhnlich aufregende Woche liegt hinter der Berliner Politik. In ihrem Duktus heißt das: "Es war eine ereignisreiche Woche." Die Kanzlerin hat das Land mit der Entscheidung überrascht, Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin zu berufen. Dabei hatte ihre Nachfolgerin an der Spitze der CDU immer betont, nicht ins Kabinett gehen zu wollen. Empört sprechen Kritiker von einem Wortbruch, auch aus den Reihen des sozialdemokratischen Koalitionspartners.

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Die Kanzlerin sitzt, einer Tradition folgend, am letzten Tag vor ihrem Sommerurlaub vor der Bundespressekonferenz in Berlin, und ein Journalist möchte wissen, was es denn über den Zustand der Koalition sagt, wenn die SPD von Wortbruch spricht. Ungerührt antwortet die Kanzlerin erst mal, sie habe davon zwar gelesen, aber nicht von der SPD. Und stellt dann eben fest, dass so viel gesprochen werde. Der Saal lacht und kann sich den Rest mitdenken, dass man halt nicht alles so wichtig nehmen muss, was geredet wird. Vor allem komme es, wie Merkel ergänzt, auch darauf an, wer was sagt. Die wichtigen Leute aus der SPD hätten sich nicht so geäußert, sie als Kanzlerin freue sich, dass Kramp-Karrenbauer im Kabinett sei. Sie werde ihren Job gut machen.

Eine Stunde dauert die Pressekonferenz da schon, sie hat etwas von einem Kammerspiel, wobei die Journalisten als Zuhörer einzeln zu einem Teil des Spiels werden, aus der Zuschauerrolle schlüpfen. Dutzende Fragen werden gestellt, jeder nur eine, dazu maximal eine Nachfrage. Der Saal an der Spree ist rappelvoll, noch voller als in den letzten Jahren. Zum 24. Mal ist die Kanzlerin hier in der Bundespressekonferenz vor den Hauptstadtkorrespondenten. Unter diesen Auftritten sind die Sommerpressekonferenzen zu einer Institution geworden. Und von einigen ist zu hören, dass sie sich das anschauen als lieb gewonnenes Ritual. Auch könnte es ja die letzte Sommerrunde dieser Art sein - wer weiß denn, ob die von Angela Merkel geführte große Koalition am Jahresende noch Bestand hat? Viele würden wohl nicht darauf wetten.

Gerade weil die Kanzlerin als Meisterin der Lakonie bekannt ist, wird hier jede kleine Andeutung, jeder Nebensatz beachtet, auf Nuancen gehört und Pausen. Man hört besonders auch auf das, was sie nicht sagt, aber hätte sagen können. Und bemerkt es umso mehr, wenn sie klar und entschieden spricht. Davon wird am Ende zu reden sein. Der von Unaufgeregtheit geprägte Auftritt entspricht dem bewährten Stil der Kanzlerin, an diesem Tag nun dient er nach Tagen und Wochen der Aufgeregtheit aber auch der Versicherung, dass alles seinen Gang gehe.

"Als Mensch habe ich auch persönlich ein hohes Interesse an meiner Gesundheit!"

Die Themen der Fragen wechseln wild und ohne Ordnung zwischen dem Klimawandel, dem Verhältnis zu Polen, der Lage im Kosovo oder dem heutigen Auftreten des früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans Georg Maaßen. Die heitere Mühelosigkeit, mit der die Kanzlerin diesen Ritt meistert, wirkt wie eine Antwort auf die Fragen nach ihrer Gesundheit.

In den vergangenen Wochen war sie dreimal bei öffentlichen Auftritten in ein Zittern verfallen. Das löste viele Deutungen und Spekulationen aus, während Merkel vor allem reagierte, indem sie sich seither hinsetzt bei solchen Anlässen, anstatt zu stehen. Behutsam wird nun gefragt, ob die Fragen nach ihrem Gesundheitszustand sie störten. Nein, sie habe Verständnis, antwortet die Kanzlerin und merkt an, dass das ja auch in ihrem Interesse sei. Sie wolle ja auch ein weiteres Leben haben, nach dem Ende des politischen Lebens im Jahr 2021. Und wieder wählt sie so einen lakonischen Satz: "Als Mensch habe ich auch persönlich ein hohes Interesse an meiner Gesundheit!"

Dies soll keine Abschiedsvorstellung sein, auch wenn jetzt häufiger über einen möglichen früheren Abschied der Kanzlerin aus ihrem Amt spekuliert wird und ihr in diesem Sinne Fragen wie zu einer Bilanz gestellt werden. Etwa nach den wichtigsten Eigenschaften für ihr Amt: "Ja, brauchen muss man realistischen Optimismus", sagt sie da und spricht von Freude, auch Offenheit, "und das aus meiner Sicht allerwichtigste ist, dass man immer neugierig auf Menschen bleibt." Das sei in den ersten Jahren so gewesen, und das gelte weiter.

Ihr geht es an diesem Tag nicht darum, Bilanz zu ziehen. Im Gegenteil, Sie nennt Zielmarken für die Zukunft der zwei Regierungsjahre, die sie noch vor sich sieht, für die Klimapolitik, wo es im September Entscheidungen geben soll, aber auch zum Arbeitsmarkt, zur Migration. Und ihre Nachfolge? Auf die nehme sie keinen Einfluss. "Aber das steht ja auch nicht an."

Ganz zum Ende dieser 90 Minuten, als es gedanklich schon einmal um die ganze Welt ging und wieder nach Deutschland zurück, wo sich die Kanzlerin nach drei Jahrzehnten deutschen Einheit mehr Austausch zwischen West und Ost wünschte, mehr Gespräch und Interesse aneinander, ganz am Ende also, wird sie einmal mit einem Wort so deutlich, dass auch das in Erinnerung bleiben wird. Merkel wird gefragt, was sie von den rassistischen Attacken des amerikanischen Präsidenten gegen vier farbige Abgeordnete hält. Die Frage lautet: "Sind Sie persönlich solidarisch mit den Frauen?" Sie antwortet mit einem Wort: "Ja." Weil nicht viel gesprochen werden muss, um viel zu sagen. Es entsteht eine kleine Pause, alles ist gesagt, und nur der Deutlichkeit halber legt sie noch nach, dass sie sich "entschieden distanziert" und mit den Frauen solidarisiert.

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