Besuch beim Bruder von Martin Schulz "Er weiß, was Brüche im Leben sind"

Warum spricht sein Bruder eigentlich so offen darüber, dass er dem Alkohol verfallen war und sich anschließend selbst in eine Psychotherapie schickte? "Weil es ansonsten eh am nächsten Tag in der Zeitung gestanden hätte", sagt Walter. "Er weiß, was Brüche im Leben sind. Er kann auch von der dualen Ausbildung reden, weil er das selbst durchlaufen hat. Und davon, dass er kein Abitur hat. Aber in Bezug auf Bildung braucht er sich vor keinem zu verstecken."

In Deutsch und Geschichte sei Martin auf dem Gymnasium richtig gut gewesen und habe besser Französisch gesprochen als sein Lehrer. "Höchstwahrscheinlich war er in diesen Fächern der Durchblicker überhaupt, aber er hatte keine Lust, die Krönungsdaten von Karl dem IV. zu wissen. Obwohl, wenn ich sie abfragen würde, weiß er sie wahrscheinlich." Und Mathe interessierte ihn schlicht und einfach nicht.

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Walter denkt, dass sein Bruder bereits mit 17, 18 Jahren in die Krise geriet. Bis dahin sei er in seiner Clique aufgehoben gewesen, die zusammen recht erfolgreich bei SV Rhenania Würselen Fußball spielte. Doch dann verletzte er sich, verlor unmerklich den Anschluss an seine Freunde. Er wollte Anführer sein - und war nur noch Linienrichter. Zunächst habe er das als Hans Dampf in allen Gassen überspielt, aber dann begann er, die Leerzeiten und die Einsamkeit mit Alkohol zu füllen.

Irgendwann aber, kurz vor der Gosse, habe es bei Martin Klick gemacht, "da hat er sich mit 24 Jahren zum letzten Mal die Kante gegeben - und dann war Schluss damit. Endgültig!" Heute helfe es ihm, dass er seit 30 Jahren nicht trinke und nüchtern ins Bett gehe. Sein Bruder habe in den vier Monaten seines stationären Aufenthaltes in einer psychosomatischen Klinik sehr gut gelernt, sich und seine Grenzen klar zu definieren. "Davon lebt er noch jetzt."

"Martin ist ein absoluter Familienmensch"

Sein Bruder hält seine Familie weitgehend vor der Öffentlichkeit verborgen. Seine ein Jahr jüngere Frau Inge ist Landschaftsarchitektin, sie sind 34 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder. "Er schützt sie. Er ist ein absoluter Familienmensch. Aus Brüssel ist er jahrelang nach 22 Uhr nach Würselen gefahren und morgens um 5.30 Uhr wieder zurück."

Überhaupt Würselen. Während er, Walter, die Welt auf den Kopf stellen wollte, sei Martin ein Würseler durch und durch geblieben. Nur irgendwie in erweiterter, großdimensionierter Form. Hier trat er in die SPD ein, hier lernte er das Netzwerken und hier wurde er mit 31 zum jüngsten Bürgermeister Nordrhein-Westfalens. Hier ist er mit der halben Stadt befreundet, versippt und verschwägert. "Er braucht seine Leute, seine vertraute Umgebung. Seine Heimatstadt. Weil sie ihn erdet", sagt Walter. Daher rühre vielleicht auch sein Ansatz, immer nah an den Leuten sein zu wollen. Viel näher und lieber jedenfalls bei den Menschen auf der Straße als auf dem diplomatischen Parkett in den Regierungssitzen und Palästen.

Nicht, dass er das nicht könne, aber manchmal, wenn ihm die hochrangigen Politikergespräche zu viel würden, dann erde sich Martin auch durch ein Telefonat mit ihm, Walter. Kontakt haben die beiden jede Woche. Dann diskutieren sie manchmal auch über politische Themen, bei denen sie häufig verschiedener Meinung sind, etwa zu TTIP. "Aber wir streiten um Lösungen, nicht um Grundsätze", sagt Walter. Und wenn Martin das Spiel seines Lieblingsvereins 1. FC Köln nicht gucken kann, gibt ihm Walter die Ergebnisse per SMS durch. Herrlich anachronistisch in einer Welt der Smartphones.

Zum konservativen Seeheimer Kreis in der SPD gehört Martin Schulz seinem Bruder zufolge nicht aus ideologischen Gründen - mit Ideologien habe der noch nie viel anfangen können. Es gehe ihm um den pragmatischen Ansatz. Martin sei eher ein "mitfühlender Linker", und darin ähnlich Ex-Kanzler Gerhard Schröder: "Der fand auch Lösungen überzeugender als Überzeugungen." Martin allerdings sei strikter in seinen Grundsätzen.

Überrascht hat Walter nie, dass sein kleiner Bruder mal so eine Karriere hinlegen würde: "Mir war immer klar, dass er nicht Bürgermeister bleiben wollte." Er habe sich diszipliniert Schritt für Schritt nach oben gearbeitet. Als er dann plötzlich SPD-Chef und K-Kandidat wurde, sei das nur konsequent gewesen. Für Walter Schulz ist auch klar, dass es keine Neuauflage von Schwarz-Rot und damit keinen Vizekanzler Schulz geben wird. Sein Bruder würde mit großer Sicherheit Oppositionsführer, wenn denn die SPD Ende September an der 30-Prozent-Marke kratzt. Aber daran will er gar nicht denken. Denn so sicher er ist, dass sein Bruder Kanzler kann, so sicher ist er sich: "Die Wahl ist noch nicht gelaufen. Der Wechselwille ist da. Er kommt."

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