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Besuch beim Bruder von Martin Schulz:"Endlich waren die Preußen weg"

"Doch Berlin war nicht meine Stadt", sagt er. Studenten seien damals diskriminiert worden. Jeden Tag habe man in der B.Z. und in der Bild lesen können, wie schlimm und terroristisch das alles an der Freien Universität angeblich war. Dabei wünschte sich der Doktorand, "tatsächlich ein bisschen Auseinandersetzung, so langweilig war das Anfang der 70er Jahre am Otto-Suhr-Institut, wo die angeblich so revolutionären Studenten Tag für Tag an den Zettelkästen wuselten".

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Die Langeweile war das eine, das andere war, dass ihn der tägliche Pfiff in der U-Bahn, und dieses preußische "Zurückbleiben", fertig machten. Nach 13 Monaten in Kreuzberg sagte er seiner Freundin, dass er die Stadt verlassen müsse. "So sind wir dann wieder nach hier zurückgekommen", sagt Schulz in seinem linksrheinischen Singsang.

Apropos linksrheinisch: "Für uns in der Familie war klar, dass Adenauer Deutschland geteilt hat und darauf waren wir stolz: Endlich waren die Preußen weg." Das war die Stimmung im Rheinland der 60er Jahre, sagt Walter Schulz. Seine Familie stehe eben in der Tradition des "rheinischen Separatismus", der sich immer eher westwärts, nach Frankreich orientiert, als in Richtung Berlin/Potsdam. Er garniert seine Ausführungen mit der Anekdote, dass der erste Bundeskanzler im Auto immer den Vorhang zuzog, wenn er die Rheinbrücke überquerte, "weil er Sibirien nicht sehen wollte".

Zur Geschwisterschar der Familie Schulz zählen noch der älteste Bruder Erwin und die Schwestern Doris und Brigitte. Zu Hause bei ihnen sei immer Halligalli am Tisch gewesen, ständig hätten sie Besuch gehabt. Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung, Generationenkonflikte inbegriffen. Martin habe bereits als Kind mitbekommen, dass "bei uns wie im Bundestag viele Themen sehr kontrovers diskutiert wurden. Aber er war eben der Kleine, der erst mal kapieren musste".

Vielleicht weil er das Nesthäkchen gewesen sei, habe sich Martin besser mit dem Vater verstanden, dem Polizisten und ehemaligen Wehrmachtssoldaten, den er selbst als distanziert erlebte. Der habe ihn, als er 1947 geboren wurde und der Vater gerade aus der britischen Gefangenschaft kam, nur als "kleinen, quengelnde Scheißer" wahrgenommen. Aber auch er habe seinen Vater "von klein an spüren lassen, dass wir nicht miteinander können. Die einzige Möglichkeit für uns beide war, dass wir auf Distanz gegangen sind". Erst als Walter Mitte 40, Anfang 50 war, "haben wir mehr zueinandergefunden. Auch weil ich erwachsener geworden war".

Rausgeflogen aus der Bundeszentrale für politische Bildung

Kurz nachdem Martin sich den Jungsozialisten in Würselen angeschlossen hatte, flog Walter Schulz als frischgebackener Doktor der Politikwissenschaften 1974 bei der Bundeszentrale für politische Bildung raus, weil man ihm vorwarf, die Behörde zu unterwandern. Später hatte er die Möglichkeit, seine Verfassungsschutzakte zu sehen, gefüllt mit Plakaten und Flugblättern, "die ich als Student ans Schwarze Brett gehängt habe". Fein säuberlich abgeheftet und gesammelt von einem Kommilitonen. Damals sei ihm vorgeworfen worden, er sei Anarchist. Er selbst charakterisierte sich als junger Mann als "freischwebenden Linksintellektuellen". Im Grunde ist er das noch immer, auch wenn er das rote Parteibuch besitzt. So sei er grundsätzlich "für die Auflösung des Verfassungsschutzes" - auch wegen der persönlichen Erfahrungen. Eine Organisation zum Schutz der Verfassung müsse wissenschaftlich und pädagogisch arbeiten und demokratischer Kontrolle unterworfen sein.

Martin machte zwischen 1975 und 1977 eine Ausbildung zum Buchhändler. Diese Leidenschaft für Bücher teilt er mit seinem großen Bruder, der sich beruflich auch mal als Buchhändler betätigte. Allerdings auch als Deutschlehrer, Redakteur und später als Geschäftsführer von sozialen Einrichtungen. Walter gab die Rheinische Zeitung für zwei Jahre wieder heraus, die einst Karl Marx leitete, arbeitete in Duisburg für die gewerkschaftsnahe Zeitung Revier und für die Zeitschrift Moderne Zeiten in Hannover, die ihm allerdings zu sehr von bornierten Kommunisten durchsetzt war. Einen anderen Job im Staatsdienst bekam er nicht - vielleicht, weil auch zwei Herren vom Verfassungsschutz im Vorstellungsgespräch saßen, vermutet er.

Dabei sieht er sich als "Verkörperung des historischen Kompromisses", wie ihn die italienischen Kommunisten in den 70er Jahren mit Sozial- und Christdemokraten eingegangen waren, um die Demokratie gegen die Rechten zu sichern. Gegen Nazis zu sein, sei Tradition in der Familie Schulz. Das habe auch Martin geprägt. Daraus speise sich das Anti-Nationale des SPD-Chefs, der Europa als Verheißung sehe. Seine Politik betreibe Martin "aus Humanismus heraus, der tief in seinem Herzen verankert ist".

Er, Walter, stelle sich eher strukturelle Fragen als Martin, denke noch stärker in gesellschaftlichen Strukturen. So konnte Walter auch Hartz IV unterstützen, "weil dieser Ansatz statt Fürsorge die Selbstverantwortung stärkt". Und die ist ihm wichtig. In Köln habe er es in seinen Jobs und Ämtern so empfunden, dass viele soziale Einrichtungen Armut nur organisieren. "Ich habe immer nach Wegen gesucht, wie man aus Armut herausfindet." Martin hingegen sei stärker als er davon geprägt, "dass man füreinander sorgt - und sich das auch in staatlichen Institutionen wiederfinden soll".