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Leugner des Klimawandels:Zweifelsfreie Zweifel

FFF-Demo an den Münchner Hochschulen, Schild ruft auf am 23. November gegen die Eike Konferenz zu demonstrieren. Am 22.

Ein Teilnehmer der "Fridays for Future"-Demo ruft zum Protest gegen die Eike-Konferenz auf.

(Foto: imago images/Alexander Pohl)

Der AfD-nahe Verein Eike leugnet die menschengemachten Erderwärmung. In München gab es dazu eine Konferenz. Ein Besuch.

Sie haben sogar eine eigene Greta. Eine Klimwandelleugner-Greta. Kurz vor Ende der "Internationalen Klima- und Energiekonferenz" in München, wo Menschen sich einmal im Jahr treffen, um den Klimawandel kleinzurechnen, am frühen Samstagabend, tritt die 19 Jahre alte Youtuberin Naomi Seibt vor das Publikum. Sie sei früher selbst "Klimaalarmistin" gewesen, sagt sie. Dann aber habe sie angefangen, vieles in Frage zu stellen: Den Feminismus, den "Kultursozialismus" - und schließlich das "99 Prozent-Märchen" vom menschengemachten Klimawandel. "Das hier sind unsere Waffen", sagt sie, "Waffen der Vernunft", und hält einen Plastikstrohhalm in die Höhe. An die linken Klimaaktivisten gerichtet, die draußen vor der Halle gegen die Veranstaltung protestieren, ruft sie zu: "How dare you, Antifa?" Ein abgewandeltes Greta Thunberg-Zitat.

Als nächstes wird Myron Ebell über Skype zugeschaltet, auf der Leinwand ist nun groß das Gesicht des amerikanischen Lobbyisten zu sehen. Er ist Leiter des "Transition Teams", das in Donald Trumps Auftrag derzeit die US-Umweltbehörde politisch demontiert. Ebell, Mitte 60, ist eine der zentralen Figuren in einem internationalen Netzwerk aus undurchsichtigen ultralibertären Think Tanks, die gezielt Zweifel an der Existenz des menschengemachten Klimawandels säen. Die USA hätten der ganzen Welt eine "Alternative" zur Energiewende gezeigt, sagt er.

Auch in Deutschland scheinen die Dinge aus seiner Sicht alles andere als schlecht zu laufen. Karsten Schmidt von der Umweltschutzorganisation Greenpeace sagt, der Verein Eike ("Europäisches Institut für Klima und Energie"), der die Konferenz ausrichtet, habe lange Zeit nur begrenzten Einfluss auf die Politik gehabt. "Dies hat sich mit dem Einzug der AfD in den Bundestag grundsätzlich geändert."

Der Vizepräsident von Eike, Michael Limburg, sitzt im Bundesfachausschuss Energie der AfD und hat am Parteiprogramm mitgeschrieben. Darin wird zum Beispiel behauptet, die Regierung unterschlage die "positive Wirkung des CO2 auf das Pflanzenwachstum". Limburg sprach auf Einladung seiner Partei auch schon als Experte im Umweltausschuss des Bundestags, ebenso der Klimawandelleugner Nir Shaviv. Im Mai fand ein "Alternatives Klimasymposium" im Bundestag statt. Karsten Schmidt von Greenpeace berichtet von Fachdiskussionen über mögliche Zusammenhänge zwischen dem gehäuften Auftreten von Kornkreisen und der Hitzewelle 2003. Das alles im deutschen Bundestag.

Die diesjährige Eike-Konferenz stand zeitweilig auf der Kippe. Nach Protesten lud sie das Hotel, in dem sie stattfinden sollte, wieder aus. Der neue Ort war zunächst geheim. Zwei- bis dreihundert Menschen sitzen nun in der Eingangshalle des stillgelegten Flughafens München-Riem, es sind fast nur Männer.

Viele der Fragen an die Referenten beginnen mit "Ich habe gehört, dass..."

Sie hören einem pensionierten Feinchemiker zu, der eines Tages beschloss, mal nachzumessen, ob es den Treibhauseffekt bei Gasen wie Kohlendioxid überhaupt gibt. In seinem Keller baute er dafür eine Apparatur, bestehend aus einem großen Zylinder mit zwei kuppelartigen Enden. Während er über seine Messungen spricht, reiht er eine Formel an die nächste. Die meisten seiner Zuhörer sind keine Experten, sondern interessierte Laien, es kann also wohl kaum jemand im Detail folgen oder ihn gar auf Fehler hinweisen.

Ein Besucher berichtet, wie er nach seiner Pensionierung Youtube als wesentliche Informationsquelle entdeckt hätte. Dort erreichen einige Eike-Videos sechsstellige Klickzahlen. Man trifft Diplomingenieure, die schon immer in fossil gemacht haben und nun, im Alter, ihr Lebenswerk durch die Energiewende infrage gestellt sehen. Das mit den regenerativen Energien sei doch alles Unsinn, sagen Redner, weil die Sonne ja nachts nicht scheint und der Wind manchmal nicht weht, und sie hätten noch mal nachgerechnet bei den Klimamodellen - was da gestümpert werde!

Die AfD möchte sich diese Männer als politische Klientel weiter erschließen. Sie baut ihnen Bühnen; möglichst viele Menschen sollen in Opposition zu dem treten, was fast alle Klimaforscher als gesicherte Erkenntnis verkünden.

Auch James Taylor ist da. Er kommt vom Heartland Institute, einem Think Tank, der, so Taylor, statt "Hysterie" eine "solide Wissenschaft" befördern wolle - "sound science" ist eine der Formulierungen professionell organisierter Klimawandelleugner in den USA. Taylor bestätigt, dass das Heartland Institute die Konferenz teilweise finanziert hat. Die Finanzquellen der Organisation ließen sich in der Vergangenheit etwa in die Ölindustrie und zur Trump-nahen Mercer Family-Foundation zurückverfolgen.

In Deutschland beginnt der Prozess der Klimawandelleugnung, den Vorträgen nach zu schließen, häufig mit dem Thema Windkraft und ihren angeblich schrecklichen Gefahren, gefolgt von einem noch generelleren Zweifel, bevor jemand kommt, der einem den Zweifel am Zweifel nimmt. Viele der Fragen an die Referenten beginnen mit "Ich habe gehört, dass...". Man steht zusammen, feiert sich für den Mut, trotz Repression die Wahrheit auszusprechen. Denn draußen singt die Antifa.