UN-Generalsekretär António Guterres schlägt angesichts des schleppenden Kampfes gegen die Klimakrise Alarm. "Die Länder sind bei der Erfüllung ihrer Klimaversprechen und -Verpflichtungen weit vom Weg abgekommen. Ich sehe einen Mangel an Ehrgeiz. Ein Mangel an Vertrauen. Ein Mangel an Unterstützung. Mangelnde Zusammenarbeit", sagte Guterres am Donnerstag in New York. Die Klimaagenda werde untergraben.
Um das 1,5-Grad-Ziel von Paris zu erreichen, müssten die Anstrengungen an allen Fronten deutlich erhöht werden, so Guterres weiter. Er ging dabei besonders deutlich mit Erdöl-Konzernen ins Gericht. Die Industrie für fossile Brennstoffe sei das "verschmutzte Herz der Klimakrise" - die Nutzung von Öl, Kohle und Gas müsse enden, forderte er.
Guterres sprach kurz vor Ende einer zehntägigen Zwischen-Konferenz in Bonn, bei der sich diese Woche scharfe Konfliktlinien zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern abzeichneten. Letztere verlangen mehr finanzielle Unterstützung, was die reichen Länder bisher aber nicht verbindlich zusagen wollen.
"Konflikt um die Zukunft des Energiesystems"
Zwar wurde in Bonn die technische Vorarbeit für Dubai geleistet - weitgehend unstrittige Punkte wurden abgeräumt -, doch in den wirklich kritischen Fragen brachte das Treffen von etwa 5000 Delegierten aus aller Welt nach Meinung von Beobachtern kaum Annäherung. "Die Bonner Gespräche hätten in der Vorbereitung weiter vorankommen müssen", kritisierte der Klimaexperte der Hilfsorganisation Oxfam, Jan Kowalzig. Die Umweltschutzorganisation WWF bedauerte, dass Bonn "nicht den nötigen Schwung" gebracht habe.
Greenpeace-Chef Martin Kaiser sagte, die Verhandlungen seien vom Ukraine-Krieg und den Spannungen zwischen den USA und China überschattet worden. "Zu dem erhofften Schub progressiver Länder ist es nicht gekommen." Nun müsse man hoffen, dass das bis zur Weltklimakonferenz - kurz COP28 genannt - noch geschehe. "Aber in Bonn war die Ausgangslage dafür definitiv nicht gut."
Der Germanwatch-Klimaexperte David Ryfisch sagte, im Zentrum der COP28 werde "der große Konflikt um die Zukunft des Energiesystems" stehen. Der Präsident der Konferenz, der Industrieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Sultan Ahmed Al Jaber, habe sich in Bonn zwar dazu bekannt, dass es einen Ausstieg aus fossilen Energieträgern geben müsse. Das könne aber auch Augenwischerei sein, warnte Ryfisch. "Niemand darf aus den Augen verlieren, dass die fossile Agenda noch immer der Antrieb der COP-Präsidentschaft ist."
Steigende Investitionen in Öl, Gas und Kohle
In Dubai ist eine Bestandsaufnahme der bisherigen Klimaschutzbemühungen geplant. "Die Überprüfung wird unweigerlich ergeben, was wir alle schon wissen: Der weltweite Ehrgeiz im Klimaschutz reicht nicht", sagte Kowalzig von Oxfam. "Nun droht aber die Gefahr, dass in Dubai die politischen Schlussfolgerungen aus dieser Überprüfung insgesamt nur sehr schwach ausfallen - formal wird dann die Überprüfung abgeschlossen, aber die dringend notwendigen Kurskorrekturen zu mehr Klimaschutz und mehr Unterstützung für die ärmeren Länder könnten dabei ausbleiben."
Neue Daten zur Klima-Krise hatten in Bonn ein düsteres Bild gezeichnet: Demnach nimmt die Erwärmung mittlerweile mit einer Geschwindigkeit von mehr als 0,2 Grad pro Jahrzehnt zu. In der Folge sei eine Verschärfung vieler Wetter- und Klimaextreme zu beobachten, insbesondere häufigere und intensivere Hitzewellen, Dürren sowie Starkregen in den meisten Regionen der Welt.
Trotz bedrückender Alarmsignale wie immer mehr Dürren, Waldbrände und Stürme steigen die weltweiten Investitionen in Öl, Gas und Kohle seit Jahren an - auf inzwischen mehr als eine Billion US-Dollar in diesem Jahr, wie die Internationale Energie-Agentur schätzt. Schon jetzt hat sich die Welt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um etwa 1,1 Grad erwärmt. Die Jahre 2015 bis 2022 waren nach Berechnungen der Weltwetterorganisation WMO die acht wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1850er-Jahren.